Kino Denn sie wissen, was sie tun

Hans Weingartners Film »Die fetten Jahre sind vorbei« sucht mit seinen Helden nach der Revolution von morgen

Es gibt da ein paar Fragen, die jeden, der sie stellt, sofort als spätspontihaften Salon-Revoluzzer bloßstellen würden. Fragen, die man nicht in einer Zeitung, kaum mehr in einer öffentlichen Debatte und wahrscheinlich nicht einmal bei einem Abendessen unter guten Freunden aufwerfen würde: Warum haben die einen viel und die anderen so wenig? Weshalb schwelgen manche im Luxus, während andere verhungern? Ist der Kapitalismus wirklich die einzig erstrebenswerte Wirtschafts- und Lebensform? Welche Alternativen sind überhaupt noch denkbar?

Das seltsam Peinliche an diesen Fragen ist die Tatsache, dass sie unsere späthegelianische Übereinkunft mit dem Bestehenden unterwandern, ohne dass man so recht weiß, wohin sie eigentlich führen.

Anzeige

Alles wurde schon gedacht, gesagt, skandiert, kopiert und persifliert

Der junge Regisseur Hans Weingartner stellt sie trotzdem. Und er fragt weiter, mit einer Mischung aus ungeschichtlicher Unschuld, Penetranz und sympathischer Chuzpe. In seinem Film Die fetten Jahre sind vorbei gelingt es drei jungen Menschen im Berlin von heute, ihre eigene Revolte zu erfinden. Gemeinsam mit seinen Helden Peter, Jule und Jan sucht Weingartner nach Protestformen, die überhaupt noch möglich sind, nachdem von den Utopien und ihren Vorkämpfern wenig mehr als der Rückzug der 68er in die Kleinfamilie, Anarcho-Aufkleber und Andy Warhols Ikonenpop geblieben sind.

Als Jugendlicher suchte Weingartner die Revolution im heimatlichen Voralberg. Seine eigene Generation, sagt er, sei von Orientierungslosigkeit geprägt, von der Suche nach Kleincliquen-Individualismus, von der Zersplitterung in Subkulturen. Punk, New Wave, Grufties, Lederjacken-Post-Punks. Er selbst spielte den Dorfpunk, was er im Rückblick eher als ein Aufbegehren ins Leere empfindet. »Es gab uns und die Skinheads und die rituellen Schlägereien in der Disco. Wenn sich dann mal ein Lehrer über unsere Frisuren aufgeregt hat, war das schon viel.«

Die neuen Rebellen, sagt Weingartner, seien pragmatischer, mutiger, selbstbewusster. In seinem Film liegt die revolutionäre Hoffnung auf den Anfangzwanzigern, auf der Generation Attac. Tatsächlich verströmen Daniel Brühl, Julia Jentsch und Stipe Ercek eine darstellerische Energie und Spielfreude, als wollten sie mit ihrem Regisseur gleich die Barrikaden um den nächsten Wirtschaftsgipfel errichten. Die fetten Jahre sind vorbei wurde mit kleinen Digitalkameras gedreht, die sich dem aktionistischen Lebensgefühl der Figuren anpassen. Dem postmodernen Generalverdacht, dass alles schon mal gedacht, gesagt, skandiert, kopiert und persifliert wurde, dass man auf dem Müllberg der Geschichte zum hundertsten Mal im radikalen Ramsch-Eckchen herumwühlt, entziehen sich Weingartners Helden, indem sie einfach loslegen. Nachts bricht man in luxuriöse Villen ein und arrangiert die Einrichtung zu antikapitalistischen Installationen. Stereoanlage in den Kühlschrank, Meissner Porzellanfigürchen ins Klo, Möbelturm im Wohnzimmer. Zurück bleibt ein Zettel: »Die fetten Jahre sind vorbei.«

Er selbst, sagt Weingartner, sei ein Spätzünder, das ewige Schlusslicht der Protestbewegungen. Mitte der Neunziger, als die Hausbesetzerzeit eigentlich vorbei war, okkupierte er mit hippiehaften Gleichgesinnten, Kindern und frei laufenden Hängebauchschweinen ein Haus in Ostberlin. »Es hat nur ein Jahr gedauert,dann wurden wir von 500 Polizisten geräumt. Wohl deshalb blieb uns keine Zeit, uns zu zerstreiten. Bis heute können wir diese Zeit als utopisches Zusammenleben feiern.«

In seinem Film lässt Weingartner keinen Zweifel daran, dass Politik und Party, politisches Engagement und jugendliches Draufgängertum einander bedingen. Mit ihrem Spaß an Drogen, Alkohol und Sex unterscheiden sich seine Helden auf den ersten Blick kaum von den Großstadtexistenzen eines herkömmlichen Jugendfilms. Hinzu kommt jedoch ein diffuses Unbehagen an den Verhältnissen, ein Lebensgefühl zwischen Wut und latenter Verzweiflung. Vor allem den von Daniel Brühl gespielten Elektro-Tüftler und Grübler umgibt die Verlorenheit einer Generation, die sich nach Veränderung sehnt, ohne auf die Ideologeme der Älteren zurückgreifen zu wollen. Der Zorn, mit dem Weingartners Jungrevoluzzer von Bonzen, von Ausbeutung, vom Scheißsystem reden, kommt aus tiefster Seele, doch es fehlt die eigene Spache. Also setzt man sich notgedrungen über die ewigen Anführungszeichen hinweg.

Die Welt von heute und das Vokabular von gestern

Vor allem in der ersten Hälfte des Films, wenn Peter, Jule und Jan noch in Berlin vor sich hinwurschteln, zwischen mühsamen kleinen Jobs und den surrealistischen Attacken der Nacht, knirscht es manchmal mächtig im rhetorischen Revolutionsgebälk. Andererseits werden auch die Schwächen der Dialoge zum Medium des Inhalts. Der Film lebt nun mal vom Widerspruch, der Welt von hier und jetzt und heute mit dem angeschimmelten Vokabular von gestern beizukommen. In Die fetten Jahre sind vorbei ist die Revolution in letzter Instanz eine formale und ästhetische Frage, was sie allerdings nicht weniger ernsthaft macht. Im Gegenteil. Dass der Zweck keineswegs die Mittel heiligt, sondern die Mittel die eigentliche Herausforderung ihrer eigenen kleinen Privatrevolte sind, gehört zu den beiläufigen Erkenntnissen der Helden dieses Films.

Weingartner stellt seine Weltverbesserer auf eine harte Probe. Als sie bei einer der nächtlichen Einbruchaktionen von einem Villenbesitzer überrascht werden, sehen sie sich gezwungen, den Millionär zu überwältigen und zu entführen. In der Abgeschiedenheit einer Alpenhütte trifft alles aufeinander: Kläger und Angeklagter, politische Phrasen und saturiertes Unverständnis, zornige Jugend und abgeklärtes Alter.

Doch die Rollen werden sich verschieben. Hardenberg, der reiche Geschäftsmann, entpuppt sich als ehemaliger 68er, einst mit Rudi Dutschke befreundet, theoriegesättigt und vom Atem der linken Geschichte angeweht. Im Bonzen von heute, der gerne mal am Joint zieht, erblickt das Trio sein Spiegelbild von morgen. Ein Hauch von Schily und Fischer liegt in der Luft, und für einen Augenblick lassen der Lauf der Dinge und eine Revolution, die immer schon vergangen scheint, die jungen Helden ein wenig alt aussehen.

Und doch verströmen sie bis zuletzt den Glamour der aufmüpfigen Jugend. Vielleicht weil Weingartner ihnen eine Liebe zumutet, die sie fast zerreißt. Vielleicht auch, weil das Kino, selbst wenn es schwebend leicht mit kleinen Digicams erzählt, stets zur Ikonisierung neigt. Auf der Leinwand sind Peter, Jule und Jan bigger than life. Größer als die Antiglobalisierungsdemos in Berlin-Mitte, klarer als die Debatten um Hartz IV, aufregender als das nächste NGO-Treffen und schöner als das mitteleuropäische Attac-Mitglied.

Gerade weil das Kino aus seiner utopischen Disposition keinen Hehl macht, kann es so ungeschützt von der Utopie erzählen. Vom diffusen Gefühl, dass es eine Verantwortung gibt für den Lauf der Welt. Vom fortwährenden Wirtschaftswachstum als Kettenbriefspiel. Vom Verlust der Ideale. Vom geistigen Eingerichtetsein. Von einem Leben, das sich vom jugendlichen Aufbruch in einer Zwangsreaktion fortbewegt, die Hardenberg, der Manager und Exrevoluzzer im Film achselzuckend beschreibt: Kinder, Heirat, Komfort, Schule, Geld, Karriere, Einfamilienhaus.

Hans Weingartner stellt sich nicht über seine Helden, ihre hochfliegenden und ihre gescheiterten Hoffnungen. Lieber fragt er gemeinsam mit ihnen, wie alles gekommen ist und ob es wirklich so weitergehen sollte. Auch das sind letztlich naive Fragen. Aber man muss sich manchmal einfach trauen, sie zu stellen.

 
Service