Kino Denn sie wissen, was sie tunSeite 2/2

Die Welt von heute und das Vokabular von gestern

Vor allem in der ersten Hälfte des Films, wenn Peter, Jule und Jan noch in Berlin vor sich hinwurschteln, zwischen mühsamen kleinen Jobs und den surrealistischen Attacken der Nacht, knirscht es manchmal mächtig im rhetorischen Revolutionsgebälk. Andererseits werden auch die Schwächen der Dialoge zum Medium des Inhalts. Der Film lebt nun mal vom Widerspruch, der Welt von hier und jetzt und heute mit dem angeschimmelten Vokabular von gestern beizukommen. In Die fetten Jahre sind vorbei ist die Revolution in letzter Instanz eine formale und ästhetische Frage, was sie allerdings nicht weniger ernsthaft macht. Im Gegenteil. Dass der Zweck keineswegs die Mittel heiligt, sondern die Mittel die eigentliche Herausforderung ihrer eigenen kleinen Privatrevolte sind, gehört zu den beiläufigen Erkenntnissen der Helden dieses Films.

Weingartner stellt seine Weltverbesserer auf eine harte Probe. Als sie bei einer der nächtlichen Einbruchaktionen von einem Villenbesitzer überrascht werden, sehen sie sich gezwungen, den Millionär zu überwältigen und zu entführen. In der Abgeschiedenheit einer Alpenhütte trifft alles aufeinander: Kläger und Angeklagter, politische Phrasen und saturiertes Unverständnis, zornige Jugend und abgeklärtes Alter.

Doch die Rollen werden sich verschieben. Hardenberg, der reiche Geschäftsmann, entpuppt sich als ehemaliger 68er, einst mit Rudi Dutschke befreundet, theoriegesättigt und vom Atem der linken Geschichte angeweht. Im Bonzen von heute, der gerne mal am Joint zieht, erblickt das Trio sein Spiegelbild von morgen. Ein Hauch von Schily und Fischer liegt in der Luft, und für einen Augenblick lassen der Lauf der Dinge und eine Revolution, die immer schon vergangen scheint, die jungen Helden ein wenig alt aussehen.

Und doch verströmen sie bis zuletzt den Glamour der aufmüpfigen Jugend. Vielleicht weil Weingartner ihnen eine Liebe zumutet, die sie fast zerreißt. Vielleicht auch, weil das Kino, selbst wenn es schwebend leicht mit kleinen Digicams erzählt, stets zur Ikonisierung neigt. Auf der Leinwand sind Peter, Jule und Jan bigger than life. Größer als die Antiglobalisierungsdemos in Berlin-Mitte, klarer als die Debatten um Hartz IV, aufregender als das nächste NGO-Treffen und schöner als das mitteleuropäische Attac-Mitglied.

Gerade weil das Kino aus seiner utopischen Disposition keinen Hehl macht, kann es so ungeschützt von der Utopie erzählen. Vom diffusen Gefühl, dass es eine Verantwortung gibt für den Lauf der Welt. Vom fortwährenden Wirtschaftswachstum als Kettenbriefspiel. Vom Verlust der Ideale. Vom geistigen Eingerichtetsein. Von einem Leben, das sich vom jugendlichen Aufbruch in einer Zwangsreaktion fortbewegt, die Hardenberg, der Manager und Exrevoluzzer im Film achselzuckend beschreibt: Kinder, Heirat, Komfort, Schule, Geld, Karriere, Einfamilienhaus.

Hans Weingartner stellt sich nicht über seine Helden, ihre hochfliegenden und ihre gescheiterten Hoffnungen. Lieber fragt er gemeinsam mit ihnen, wie alles gekommen ist und ob es wirklich so weitergehen sollte. Auch das sind letztlich naive Fragen. Aber man muss sich manchmal einfach trauen, sie zu stellen.

 
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