Die Spaltung

War ein Atomunfall in Geesthacht schuld daran, dass Kinder an Leukämie erkrankten? Seit Jahren suchen Wissenschaftler nach einer Antwort. Jetzt haben sie sich mit der rot-grünen Landesregierung von Schleswig-Holstein heillos zerstritten

Frischen Grünkohl aus dem Garten gibt es zu kaufen in Marschacht und Tespe. Davon kündet eine Schiefertafel neben der Hauptstraße, an die sich etwa 30 Kilometer von Hamburg entfernt adrette, strohgedeckte Höfe im Wechsel mit rot geklinkerten Eigenheimen reihen. Links liegt der sattgrüne Deich, dahinter fließt die Elbe. Alle Wetter zugleich sind am Herbsthimmel, aufgerissene blaue Streifen und Sonnenschein, weiße und düstere Wolken. Sie werfen harte Schatten. Auch auf die kahle Front des mächtigen Kernkraftwerks Krümmel am Flussufer gegenüber in Geesthacht; auch auf das Waldstück, hinter dem das Forschungszentrum GKSS liegt, ein Institut der Helmholtz-Gemeinschaft.

Die Wirklichkeit gibt es nicht, sie ist eine Konstruktion; jeder formt seine eigene, mit Hilfe seiner Kenntnisse und Wahrnehmungen, die geprägt sind von Erfahrungen, Überzeugungen und Gefühlen. So sehen die einen die Elbmarsch-Szene als friedliche Pendler- und Naherholungsidylle und gehen nach Feierabend schräg gegen den Wind auf dem Deich spazieren. Andere fühlen sich ästhetisch gekränkt durch die beiden Atomanlagen. Wieder andere sehen wie im Zoom nur: Bedrohung. Symbole für Strahlung, die kein menschlicher Sinn ausmachen kann. Von diesen Ängstlichen gibt es in Marschacht und Tespe viele. Nicht ohne Grund.

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Seit 15 Jahren geht hier in der Samtgemeinde Elbmarsch eine lebensbedrohliche Krankheit um, und noch immer weiß niemand, warum. 15 Kinder haben in diesem Zeitraum Leukämie bekommen, das letzte im vergangenen Jahr. Das sind im Fünf-Kilometer-Umkreis um die Kraftwerke drastisch mehr Leukämiefälle als statistisch erwartbar wäre. Drei der kleinen Blutkrebspatienten sind gestorben.

Um 1990 folgten die Neuerkrankungen besonders dicht aufeinander, fünf Jungen und Mädchen traf es innerhalb eines Jahres. Da lagen die Nerven blank, erzählt Uwe Harden aus Marschacht, Herausgeber eines Anzeigenblattes, Lokalpolitiker und in der Bürgerinitiative der Elbmarsch engagiert. Die Nerven lagen blank bei Eltern und Anwohnern und auch bei Politikern wie dem damaligen Sozialminister Günter Jansen, die selbst die Atomkraft in Verdacht hatten, aber ohne harte Fakten, die vor Gericht zählen, nicht handeln konnten. Weil die Wirklichkeit eine Konstruktion ist und mit der Existenz eines Kernkraftwerks der Beweis seiner gefährlichen Strahlenwirkung noch nicht erbracht.

Auch auf Druck der Bevölkerung beauftragten die Landesregierungen Expertenkommissionen mit der Aufklärung. Erst eine in Niedersachsen, wo die meisten Kinder krank wurden; ein Jahr später eine weitere in Schleswig-Holstein, wo die Atomanlagen liegen. Ist doch die Wissenschaft das Feld, auf dem Subjektivität weitestmöglich ausgeschaltet werden kann; eine gemeinsame Sprache anerkannter Methoden, um sich auf Wirklichkeiten zu verständigen.

Diese Hypothese allerdings haben die Landesregierungen und die beiden Kommissionen gründlich widerlegt. Nicht mal auf gemeinsame Fragen konnten sie sich am Ende mehr einigen. Es sei über die Jahre zunehmend »mehr gepöbelt als diskutiert worden«, sagen Beteiligte. Statt eines Konsenses gab es schließlich einen Kommunikations- und Glaubwürdigkeits-GAU.

Dessen Spaltprozesse haben nun eine nie da gewesene Detonation verursacht: Da warfen mit großem Medien-Auftritt sechs von neun Mitgliedern der schleswig-holsteinischen Kommission, darunter die Kölner Physikerin Inge Schmitz-Feuerhake und der Münchner Mediziner Edmund Lengfelder, ihrem Auftraggeber das Ehrenamt vor die Füße – nach zwölf Jahren. Die Landesregierung habe die Recherchearbeit systematisch behindert, so begründete der ebenfalls zurückgetretene Vorsitzende der Kommission Otmar Wassermann den »gezielten Paukenschlag«. Dabei sprächen starke Indizien für einen früheren kerntechnischen Unfall, dessen Strahlenfolgen »zusammen mit den Emissionen des Atommeilers Krümmel« die Blutkrebsfälle verursacht haben könnten. Womöglich, so der Kieler Toxikologe, habe es in der GKSS geheime und verbotene Experimente mit »Mini-Atombomben« gegeben.

»Reine Spekulation«, widersprach umgehend Wassermanns Kommissionskollege Heinz-Erich Wichmann vom Münchner Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF); der Epidemiologe ist zugleich Vorsitzender der zweiten Kommission in Niedersachsen. Die Vorwürfe wärmten nur »kalten Kaffee« auf: Schon lange vor dem »erneuten gelungenen PR-Coup« der Wassermann-Fraktion seien »die Bücher über diesem Verdacht geschlossen worden«. Tatsächlich hatte schon vor drei Jahren die atomkritische Ärztevereinigung IPPNW die Landesregierung erfolglos wegen Vertuschung verklagt.

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