Die SpaltungSeite 5/5
Nicht Eigeninteressen, aber Voreingenommenheit könnte es schließlich auch bei der Gruppe um Wassermann geben. Ihre Mitglieder sind engagierte Atomkraftgegner. Sie verstehen sich als Wissenschaftler für die Bürger, sie haben Studien spendenfinanziert in Angriff genommen. Sie haben eine demokratische Kultur des Misstrauens ausgeprägt; über Jahrzehnte waren sie oft mit abgeschotteten Bürokratien und Firmen konfrontiert und mit Kollegen, die sie von vornherein als »Außenseiterwissenschaftler« diskriminierten. Auch die schleswig-holsteinische Landesregierung habe immer wieder Informationen erst bröckchenweise zugegeben oder Messungen verhindert, kritisieren sie. Aber inzwischen scheinen sie, der Kommunikation kaum zuträglich, überall Verdacht zu schöpfen. »Wenn unsere Beamten nicht sofort stramm standen«, sagt Wilfried Voigt, »dann wurden sie gleich beschimpft, sie seien an Aufklärung nicht interessiert.«
Zumindest Otmar Wassermann klingt oft selbstgerecht. Den »in Schleswig-Holstein für die Atomanlagen Verantwortlichen in Politik und Ministerialverwaltung« bescheinigt er, sie hätten »kein Gewissen«. Und er präsentiert ein Zitat von Marcel Reich-Ranicki: »Der Hass meiner Feinde ist Gewähr, dass ich mein Amt gut verwalte.« Im Sommer starb Wassermanns Mitarbeiter Frederick Stevenson, zugleich Geschäftsführer der Leukämiekommission, an Herzversagen. Schwarz umrandet suggerierten darauf der Toxikologe und seine Mitstreiter, dass sie der Landesregierung Mitschuld am Tod des 60-jährigen Kollegen gaben. Die Einflussnahme auf Stevensons strahlenbiologisches Gutachten, heißt es in ihrer Todesanzeige, habe »der Gesundheit dieses integren Wissenschaftlers erheblich zugesetzt«. Mit diesem Affront war das Tischtuch wohl endgültig zerrissen.
Uwe Harden von der Bürgerinitiative sagt mit norddeutschem Understatement: »Einen Nobelpreis für Diplomatie hat keine der beiden Seiten verdient.« Dass die Bewohner der Elbmarsch weiter mit einer ungeklärten Bedrohung leben müssen, würden sie vermutlich besser ertragen, könnten sie Wissenschaftlern und Politikern und deren fairem und transparentem Umgang mit Kontroversen vertrauen.
Stattdessen ist nicht nur Harden, selbst Landtagsabgeordneter der SPD, ernüchtert: »Die Regierungen wechseln, die Apparate bleiben.« Es gebe eben zwei Sichtweisen. »Als Dritter glaubt man keine mehr.«
- Datum 25.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49
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