wir werden weniger An der Wiege der russischen Revolution
Iwanowo kann den Niedergang nicht stoppen. Einst wurden hier die Uniformen der Roten Armee genäht. Heute sind in der leeren Stadt vor allem Bierbrauer gut im Geschäft
Wer sich vor Steinschlag fürchtet, sollte dem Revolutionsdenkmal nicht zu nahe kommen. Der bröckelnde Betonturm im Rücken der ehernen Arbeiterkämpfer ist von grünen Netzen umspannt. Schilder warnen vor der »Gefährlichen Zone«, weil die Stadtverwaltung kein Geld für die Restaurierung hat.
An diesem Ort stand die Wiege der russischen Revolution: Zwei Monate lang wurde Iwanowo im Jahr 1905 von einem Streikkomitee, dem ersten Arbeiterrat Russlands, kontrolliert. Später kleidete das »russische Manchester« fast die gesamte Sowjetarmee ein und lieferte das Tuch für Banner und Transparente – bevorzugt in Rot.
Heute prägen Zeichen der verspäteten russischen Industrialisierung das Stadtbild: verfallende Werkhallen aus Backstein oder Betonplatten, in denen höchstens noch eine trübe Neonröhre brennt, damit sich der Wachmann nicht zu sehr gruselt. Die dritte proletarische Hauptstadt nach Moskau und Sankt Petersburg, wie Lenin sie pries, leidet am Niedergang ihrer Textilindustrie.
Eigentlich zeigt das Stadtwappen Iwanowos eine Arbeiterin an Spinnrad und Rocken. Doch böse Stimmen sagen, es sehe eher nach einer Frau im Rollstuhl aus, die ihr Leid im Spiegel betrachte. Denn die Tristesse hat Iwanowo im festen Griff: »Ja, es ist depressiv hier«, sagt die Leiterin der Presseabteilung im Bürgermeisteramt ohne Scheu und beklagt den Schmutz auf den Straßen und die unterfinanzierte Stadtreinigung. »Ja, die Stimmung ist traurig«, sagt der Abgeordnete im Regionalparlament. »Viele Menschen hier leben nicht, sondern warten nur auf bessere Zeiten.« Nur die Chefin der städtischen Wirtschaftsabteilung versucht, die Lage rosiger zu sehen. »Es gibt eine Belebung in der Bevölkerung«, sagt sie.
Doch auch sie kann nicht leugnen, dass die Jungen fortziehen und die Stadt in rapidem Tempo schrumpft. In den vergangenen Jahren ist die Einwohnerzahl von 480000 auf 424000 gesunken. Mehr als ein Viertel der Verbliebenen sind im Rentenalter. Für 2010 verheißt eine pessimistische Prognose sogar nur noch 280000 Einwohner. Insofern ist Iwanowo ein Musterbeispiel für ein verarmtes russisches Gebiet und für die Überlebenskunst vieler Menschen.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Planwirtschaft beendete die Importe billiger Rohstoffe, und plötzlich sollten die Leiter von Staatsbetrieben ihre Baumwolle zu Weltmarktpreisen einkaufen und über weite Transportwege ohne finanzielle Rücklagen heranschaffen. In diese Lücke stießen findige oder kriminelle Zwischenhändler, die Rohstoffe gegen Firmenanteile tauschten und für ein paar Wodkaflaschen Mitarbeiteraktien erwarben, bis ihnen die Fabriken gehörten. Dann plünderten viele der neuen Besitzer ihre Betriebe aus. »Die neuen Direktoren fuhren im Jeep vor die leer geräumten Werkhallen«, erzählt Swetlana Sorotschan in der Presseabteilung der Stadtverwaltung. »Sie saßen in der Sonne von Miami und klagten ihr Leid, wie schwierig es doch mit den Arbeitern sei. Das verbittert die Menschen bis heute.«
Textilingenieure handeln mit Autos oder werden Taxiunternehmer
Seit 1990 ist die Zahl der Arbeiter in der Textilindustrie von Iwanowo von 41300 auf 8900 gesunken, bis 1998 sank die Textilproduktion auf ein Fünftel des einstigen Rekordwertes. Und den verbliebenen Textilfirmen fehlt das Geld, um konkurrenzfähige Maschinen anstelle ihrer museumsreifen Werkbänke zu erwerben, die im besseren Fall aus den sechziger Jahren stammen.
- Datum 25.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49
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