Als könnte man nicht selbst lesen. 1960 erschien Kaff auch Mare Crisium im Stahlberg Verlag, dann als Taschenbuch bei Fischer, nun als sorgfältig gedruckte Wiederveröffentlichung bei Suhrkamp (313 S., 24,80 €). Trotzdem haben es nicht viele zu jenem Buch von Arno Schmidt geschafft, das den Rain markiert zwischen den Büchern, die man auch Jugendlichen in die Oberstufenhand drücken kann (Brand’s Haide), und späteren Text-Typoskripten wie Zettel’s Traum oder Abend mit Goldrand. Bücher, die man zu Statuszwecken kaufte, aufschlug, vier, fünf Seiten darin las und den Rest ermattet auf ein Später verschob.

" Nichts Niemand Nirgends Nie! " beginnt Kaff auch Mare Crisium mit dem Rütteln der Dreschmaschine auf dem Land und dem Spaziergang von Karl Richter, Lagerbuchhalter, mit Hertha Theunert, rothaarige Textilentwerferin, in und um Giffendorf, einem Kaff in der norddeutschen Heide. "‘ Nichts Niemand Nirgends Nie! : Nichts Niemand Nirgends Nie! ’ : (die Dreschmaschine rüttelte schtändig dazwischen, wir konnten sagen & denken was wir wollten. Also lieber bloß zukukken)", beginnt Jan Philipp Reemtsma seine (ungekürzte, versteht sich) zehn CDs lange Lesung des Romans, und es klingt so frisch und frühmorgendlich, als habe man seit 44 Jahren auf die Geschichte gewartet. Und schnell wird erklärt, dass mit Kaff nicht nur ein Dorf gemeint ist (in dem sich der wirkliche Arno Schmidt 1958 mit seiner wirklichen Frau Alice niedergelassen hatte und das unter dem Namen Bargfeld später zum Mekka werden sollte), dass Kaff auch anderes bedeutet: "›IhrinSchlesien hättet Schpreu gesagt ; gelblich iss 1 wie’s Andere.‹ Owiesoundeutlich."

Es wird bald spürbar, wie da einer durchs Lesen die Hörwege freiräumt, wenn Jan Philipp Reemtsma – Schmidtindianer der ersten Stunde – mit gespaltener Zunge der Diktion des intellektuellen Erzählers Karl nachschmeckt und sie fast nebenbei und mit unerwarteter Schauspielbegabung auch den anderen, wenigen Personen leiht. Da ist die spröde Hertha aus Schlesien, die von Karl mit allen Mitteln der Sprache erotisiert wird, da ist die einheimische "Tanndte Heete", die mit s-pitzem Zungenschlag fast ohnsorgisches Vergnügen verbreitet, herzhaft peinlich von Thema zu Thema springt und den Roman zur Volkskomödie macht. Und es hat kein Ende mit der Komik, das ist das Verblüffende an diesem Buch. Man hatte ja immer vom Schmidtschen Humor gelesen, hier ist er zu hören.

Der Text muss leise mitgemurmelt und abgeschmeckt werden

Natürlich ist der Plot eine große Misere, erzählt Karl seiner Hertha – 24 Stunden durch Giffendorf streifend – parallel die Endzeit-Utopie vom Mond, auf dem sich Amerikaner und Russen – nach dem 3. Weltkrieg – atombombenbedingt zurückgezogen haben und sich dort weiter ihrem Nervenkrieg widmen. Und so markiert das Buch – mit seinen beiden Polen – auch das öffentliche Ende des linkspolitischen Arno Schmidt, der nun, ins Dorf zurückgezogen, seine Personen das Wort ergreifen lässt: "Koalizjohn & Opposizjohn ? : das ist wie Nichts & Gegen=Nichts!" Jan Philipp Reemtsma spricht beide Handlungsstränge selbst – auf linken und rechten Stereokanal verteilt –, und es ist das pure Vergnügen, die Welt untergehen zu sehen. Ob es die amerikanische Nibelungen-Parodie auf dem Mond ist oder das Dorftheater, in das Karl und Hertha abends von Tante Heete geschickt werden, das Buch strotzt von Humor, anzüglichen Witzen, derben Kalauern, Bauerntheaterkomik und Salonschärfe. Und manchmal, wenn man das untrügliche Gefühl hat, etwas nicht verstanden zu haben, eine Anspielung, einen Bildungsschlenker – es geht zu schnell –, dann sitzt man verschämt da, nimmt das Buch zur Hand, liest nach und mit: "›Da schtimmt ‘och oo was nie, Du.‹ Und ich bitter : ›Das heißt man Bill=Dung in der Bundes=Rehpuhblick!‹".

Als Kaff auch Mare Crisium 1960 erschien, giftete und spottete die Kritik über die Unleserlichkeit der "ferkorxden Orrto=Graffie", jener Privat- "Ettümollogie", die man einem Joyce, aber keinem Schmidt zugestand (Hertha: "Du immer mit Dei’m Dscheuss"), der vom unsäglichen Hans Habe (ein Henryk M. Broder der fünfziger Jahre) mit dem Begriff "literarischer Clown" belegt wurde. Seitdem bleibt Arno Schmidt ungelesen oder maßlos bewundert. Einer seiner Jünger, Jörg Drews, schrieb 1968: "Kaff ist nicht sinnvoll vorlesbar", und wies auf jenen Verlust hin, der entsteht, wenn von "cream-hilled" nur Kriemhild bleibt. "Der Text muss gesehen, leise mitgemurmelt, mit dem Mund abgeschmeckt und grimassierend nachvollzogen werden." Richtig, man muss das Buch kaufen. Der erste Schritt ist in diesem Fall aber das Hörbuch. Hier liest erst, wer Reemtsma gehört hat.