Norddeutschland Straße zum Jenseits

Das Kehdinger Land liegt westlich von Hamburg zwischen Moor und Meer. Es ist ein gruseliges Land, in dem mit allem zu rechnen ist. Deshalb werden hier so viele Krimis geschrieben

»Plötzlich und unerwartet von uns gegangen«, war der Code in den Anzeigen. Selbstmörder gab es reichlich hier, besonders im Herbst; am schlimmsten war es aber im November… In dieser nassen Gegend saß die Depression im Boden und in den modrigen Gräben fest und stieg im Herbst heimtückisch mit dem Nebel empor und kroch lauernd um die niedrigen, krummen Häuser, in denen die Menschen in grauen Zimmern eingeschlossen waren .

Wilfried Eggers: »Die Tote, der Bauer, sein Anwalt und andere«

Nebel hängt über dem Wasser, das vom Tidenwechsel träge ist. Elbaufwärts müht sich die Sonne, die Dämmerung über den Hafenkränen zu verscheuchen. Der einzige Fahrgast, der flüchtig sein Mountainbike im Unterdeck des Motorschiffs verstaut und sich dann im Windfang des Oberdecks hinter einem Kriminalroman versteckt, weckt Argwohn. »Hab ich dich doch gefunden«, sagt der Fährmann kurz vor dem anderen Ufer, »hin und zurück? Macht mit Fahrrad neun Euro.«

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Anständige Menschen quälen sich um diese Stunde im Stau auf der Hamburger Elbchaussee ihrem Tagwerk entgegen. Wer sich jetzt auf die Fähre von Schulau nach Lühe begibt, muss besondere Gründe haben. Die Suche nach letzten Dingen, zum Beispiel. Hinter Lühe nämlich kommt elbabwärts nicht mehr viel. Ein Rest vom Alten Land. Stade. Ein erkaltetes Kernkraftwerk mitten auf dem Weg hinterm Deich. Danach kommt das Nichts.

Das Nichts heißt Kehdinger Land. Im Nordosten, gegen die Elbe ein endloser Deich. Unter seinem Schutz vereinzelte Obstbauernhöfe. Dörfchen, in denen einst Fischer gehaust haben mögen. Ein leerer Strandparkplatz. Ein geschlossenes Hotel, das den Ausflüglern des Sommers nachtrauert. Weiter im Südosten trödelt ein lethargischer Nebenfluss der Elbe zu, den manche »den Vergessenen« nennen – vielleicht weil die Oste schon aus hundert Meter Distanz zwischen ihren Deichen nicht mehr zu sehen ist. Zwischen beiden Flüssen weisen schnurgerade Fleete den Weg ins Moor, das sich im Vorwinter als eine ebenso weitläufige wie platte und graugrünbraune Angelegenheit zeigt.

Nur wenige Stunden auf dem Fahrrad durch dieses Land, und der Reisende erinnert sich, von der verbreiteten Angewohnheit der Einheimischen gelesen zu haben, Hand an sich zu legen. Eine lebendige Heimatdichtung jedenfalls bezeugt, dass die Landärzte hier einen Kälberstrick, der von einem Dielenbalken baumelt, als natürliche Todesursache diagnostizieren. In jüngerer Zeit ist im Kehdinger Land auch der Tod durch Fremdeinwirkung endemisch.

Der Beweis findet sich im Internet. Vielleicht, weil die üblichen Bemühungen der Tourismusförderer – Aktion Ferienspaß, Badegütekarte, Kutschfahrt über Land – auf diesem schwierigen Terrain nicht alle Hoffnungen erfüllten, wirbt die Homepage www.niederelbe.de/krimi seit einiger Zeit für die Deutsche Krimistraße: »Wohl in keiner Straße sind mehr Krimis geschrieben worden als am 2,3 Kilometer langen Rönndeich im niedersächsischen Drochtersen-Hüll», heißt es, »und kaum irgendwo sonst spielen zugleich mehr Krimis als in dieser sonderbaren Gegend zwischen Moor und Meer.« Allein 200 Folgen der Fernsehserie Der Alte hat demnach Drehbuchautor Volker Vogeler in seinem Haus an der Rönne geschrieben, zudem dort auch etliche Ideen für Tatort und Derrick ausgebrütet. Gleich um die Ecke haben Autoren wie Jürgen Petschull, Elke Loewe und Wilfried Eggers Kriminalromane mit reichlich Lokalkolorit verfasst.

Mit solcher Lektüre und solchem Reiseziel im Kopf belebt sich das Land des Nichts dann doch. Die Elbinsel Krautsand, welche die Wischhafener Süderelbe und die Krautsander Binnenelbe vom großen Strom abtrennen, wirkt noch harmlos. Sicher, im Weidengestrüpp des nebelverhangenen Strandes könnte sich einiges verbergen. Besser das rettende Sträßchen landeinwärts nach Dornbusch nehmen. Überm Eingang zum einsamen Elektroladen auf der Wurt steht »Gott mit uns« geschrieben – die Leute werden ihre Gründe haben. Im Schaufenster liegen Varta-Batterien in Reserve.

Plötzlich rollt das Rad nicht mehr über welligen Asphalt, sondern über Pflaster. Alte, kleine rot-schwarze Klinker, glatt, hart gebrannt. Die Steine könnten gut noch in der Ziegelei des alten Friedrich von Rönn gebrannt sein. Der hatte im Krieg als SS-Mann in Polen Kleinbauern erschossen und zu Hause als Ortsbauernführer Zwangsarbeiter in seiner Fabrik geschunden und aufhängen lassen, erzählt Wilfried Eggers’ Roman Ziegelbrand. Fünfzig Jahre später rappeln sich ein paar fast schon tote Seelen aus dem Altersheim auf, dem alten Nazi eine späte Rechnung zu präsentieren.

Fünf Kilometer südöstlich, in Ritsch, steht die Ziegelei, die Eggers inspiriert hatte. In Deutschlands letztem großen Ringofen, einem infernalischen, gemauerten Kreisgewölbe, läuft dort in vierzehn Tagen einmal das Feuer im Kreis und brennt, was Fabrikherr Matthias Rusch »den Ferrari unter den Ziegeln« nennt. Mit Klinkern aus dem Kehdinger Land wurde in den letzten hundert Jahren halb Hamburg gebaut.

Doch für den Ofen hat der Fahrradreisende keine Zeit. In Dornbusch nämlich quält ihn nach vier Stunden Fahrt der Hunger. Die Gaststätte Fitschen ist geschlossen, auch sonst tut sich keine Nahrungsquelle auf. Die Verzweiflung lässt ihn die Landstraße nach Freiburg wählen. Der Tourismusprospekt hatte den idyllischen Marktflecken gepriesen. Entkräftet rettet sich der Reisende nach zwölf Kilometern in den Kehdinger Hof. Das Haus weckt Vertrauen. Ein groß dimensioniertes Kotzbecken auf dem Herrenklo, ein Anschlag an der Gaststubentür, der zum Vortrag über die Gefahren des Alkoholismus lädt. Die Karte auf dem Wirtshaustisch bietet ein nicht ganz landestypisches, aber irgendwie zum Reisezweck passendes Tagesgericht: Blutwurst, gebraten. Der Wirt kommt vom Rhein, und wie die köstliche Blutwurst nach Kehdingen kommt, erklärt er detailreich. Außerdem berichtet er von den Ausschweifungen beim letzten Ball des Schweineversicherungsvereins, erzählt sein zurückliegendes und zukünftiges Leben, äußert sich skeptisch zur Lage des Tourismus im Lande und bietet dem Gast sein Etablissement zum Kauf an.

Auf den Reisenden aber wartet nun einmal der Tod, und darum muss er weiter. Gut gestärkt macht er sich auf den Weg an umstandslos geraden Fleeten entlang zum vergessenen Fluss Oste hin. In einem dieser Fleete endete in einer kalten Winternacht die Verfolgungsjagd des Polizeiobermeisters Schäfer. Sein Dienst-Passat war dem »Lamborschini« von Bankräubern unterlegen – POM Schäfer fand sich Stunden später, dem Erfrierungstod nahe und mit gebrochenen Knochen, in den heilenden Armen einer Moorhexe wieder, die nach Katerpisse und Vanille roch.

Der Radreisende aber bleibt auf dem Weg, von dessen Rand ihm immer wieder ein »Moin, Moin« entgegenklingt. Es kommt unter immer gleichen Schirmmützen hervor, die auf roten Köpfen mit markanten Ohren sitzen. Einer der Grüßenden mag August von Borstel sein, wenn er schon aus dem Knast ist. Der Landwirt hatte sich eines Abends direkt vom Melken abführen lassen müssen, weil seine Frau mit durchgeschnittener Kehle auf dem Hof lag. Landarzt Dewald hatte dem Täter seine Anerkennung nicht versagen können: »Der Schnitt. Sehen Sie ihn sich an, hier – er ist wunderbar. Exakt wie im OP. Keine Fransen. Ein Strich. Besser kann man es nicht machen…« Leider war Bauer von Borstel dann in hartnäckiges Schweigen verfallen, dem Richter, aber auch seinem Anwalt gegenüber – aus landestypischer Wortkargheit, nicht aus krimineller Verstocktheit, was die Wahrheitsfindung jedoch erschwerte.

Trotz der Gefahren am Wegesrand erreicht der Reisende vor Einbruch der Dunkelheit Osten. Irgendwo hier muss der Garten von Tante Robbie sein. Jetzt im November wäre die Pracht ohnehin nicht zu sehen und zu riechen, welche die Autorin Elke Loewe in ihrem Krimi Die Rosenbowle dort wachsen lässt: Papaver, der unterm Gewitterregen seine knallroten Blätter abwirft, Pfefferminze, Salbei, Rittersporn, Päonien, Margeriten, Königin von Dänemark, Hosta, Iris Sibirica, Toskanische Rose und leider, ja leider auch Eisenhut und Fingerhut. Das Stadtkind Valerie erbt alles, weil es beim Besuch seiner lieben Tante diese tot vor einem eigentlich belebenden Getränk sitzen findet.

Ostens Attraktion ist nun stattdessen die Schwebefähre über die Oste, ein gewaltiges Stahlgerüst, das ein Eiffel-Schüler 1909 dort konstruiert hat, um das technische Problem der rampenlosen Querung eines Flusses zu lösen. Im Dunkel läuten schön schaurige Hammerschläge durch das eiserne Gerippe, das gerade saniert wird. Gleich unter dem Fährgerüst bietet der Fährkrug nächtliche Herberge.

Zum gebratenen Aal und zu Muscheln findet sich Autor Wilfried Eggers ein. »Weit habe ich es nicht gebracht im Leben«, sagt er trocken, »gerade mal 500 Meter vom Wohnhaus meiner Eltern in Drochtersen bis zu meinem eigenen Haus.« Bei einem Familienausflug zur Ritscher Ziegelei war der Rechtsanwalt auf die Idee gekommen, seinen ersten Kriminalroman zu schreiben: »Da musste ich dann bei.« Ein bisschen hat er sich in seinen Krimis selbst gezeichnet, als Rechtsanwalt Schlüter, der an der Alltagsroutine eines Kleinstadtnotars und den Gerechtigkeitsdefiziten der Justiz verzweifelt. Schlüter hält sich durch exzessiven Bücherkonsum schadlos. Eggers schreibt. Er skizziert deutsche Leitkultur, die von Schützenfesten geprägt ist. Er zeichnet die schrulligen Moorbewohner, auf die er in seiner Jugend immer herabsah: »Die Eingenähten, haben wir die in unserer Familie immer genannt, weil die sich im November in ihren nassen Hütten eingenäht haben und erst im Frühling wieder herausgekommen sind.« Manchmal platzen in Eggers’ Romanen den Moormenschen die Nähte, und dann kommen Gewalt, Tücke und die Übel der Vergangenheit heraus.

Heute liebt Eggers das Moor und seine Stille: »Fahren Sie nach Hüll, laufen Sie auf der Wasserscheide zwischen Elbe und Oste. Dann sehen Sie, was ich meine.«

Ja, was meint er denn? Von der Straße Dornbuscher Moor geht ein Feldweg namens Scheidung ab. Vor dem Horizont hängt eine Kulisse aus Nebel. Der einzige Schmuck des nass-schwarzen Bodens sind Stoppeln vom abgeernteten Futtermais. Spillerige weiße Birkenstämme reihen sich aneinander, ihr goldenes Herbstlaub ist der einzige Farbtupfer weit und breit. »Erlkönigs Land« hat die Schriftstellerin Elke Loewe das genannt. Man muss es mögen.

Irgendwo dort im Dunst wird die Kate von Agathe Kalde stehen, der Moorhexe, der sie nachsagen, dass sie gern die einsamen Bauern tröstet. Erwiesen sind nur ein Polizeiobermeister und ein halbseitig gelähmter Rentner, der SS-Männer jagt. Den alten Rathjens dagegen, das Scheusal, soll sie mit seinem Trecker in den Absturztrichter eines englischen Jagdbombers geschickt haben, was den Großbauern einer gerechten Strafe zuführte.

Hier fährt man besser nicht weiter, also ab in Richtung Hüll. Radwanderschilder weisen den Weg als Niedersächsische Milchstraße aus. Einmal nach links über die Große Rönne, dann nach rechts, und dann muss sie es aber sein: die Deutsche Krimistraße am Rönndeich. Ein drei Meter breiter Asphaltweg von gut zwei Kilometer Länge. Rechts gesäumt von Birken, dahinter das lehmige Fleet. Links ein paar Fachwerkhäuser, Herbergen von Hamburger Teilzeitaussteigern vermutlich. Ziemlich am Ende ein Bauernhof, ein Schild verheißt Gutes. Karl Neumann mostet hier Äpfel – und brennt einen Schnaps, den er unverdientermaßen nicht Calvados nennen darf. Krimistraße? Er sagt: »Meine Frau ist oben, einfach die Treppe rauf und durch die Tür.«

Elke Loewe hat Zeit für einen unangemeldeten Plausch. Sie lebt ewig im Moor. »Eine Naturlandschaft ist das hier nicht«, sagt sie, »es gibt kein bisschen Erde, das nicht schon einmal auf einer Schaufel gelegen hat. Und die Entwässerungsgräben, alles gerade bis zum Horizont und aufgeräumt.« Was macht den Reiz der Gegend aus? »All das Gerade lässt einem viel Platz für die eigenen schiefen und krummen Gedanken.« Deshalb lebt sie gern hier, deshalb redet sie gern über das Land des Nichts. Und ihre Lieblingsstelle? »Die Oste«, sagt sie, »das ist schon ein ganz feiner Fluss. Ich hoffe, er bleibt vergessen.«

Dabei hatte sie ihren Kriminalroman Die Rosenbowle doch so beendet: »Ich entlasse Sie nun aus meinem Bericht, hoffend, Sie werden sich nicht davon abhalten lassen, in Erlkönigs Land zu reisen, wo die Bäume vor dem ewigen Nordwestwind buckeln und der Fluss alle sechs Stunden zurück zur Quelle fließt.«

Aber das ist nur Literatur.

Information

Anreise : Mit dem Pkw von Hamburg auf der A7 durch den Elbtunnel bis Abfahrt Hamburg-Heimfeld, weiter auf der B73 in Richtung Cuxhaven. Oder von Hamburg auf der B431 bis Glückstadt und mit der Elbfähre ( www.elbfaehre.de ) nach Wischhafen. Eine Fahrt kostet pro Person 1,50Euro, für Pkw ab 4,50 Euro. Für Verwegene: Fahrrad mitnehmen und mit der Fähre entweder von Hamburg-Landungsbrücken bis Stader Sand oder von Schulau (Wedel) bis Lühe und dann radeln

Unterkunft und Verpflegung : Hotel Fährkrug, Familie Ahlf, Deichstraße 1, 21756 Osten, Tel. 04771/ 2338, www.faehrkrug.de . Eine Übernachtung im Doppelzimmer inklusive Frühstück kostet zwischen 59 und 69 Euro. Hotel Kehdinger Hof, Hauptstraße 59, 21729 Freiburg/Elbe, Tel. 04779/316 (Doppelzimmer mit Frühstück ab 45 Euro)

Literatur : Elke Loewe: »Die Rosenbowle«; Rowohlt Verlag, Reinbek 2004; 256 S., 8,90€; Elke Loewe: »Simon, der Ziegler«; Rowohlt Verlag, Reinbek 2004; 218 S., 8,90€; Wilfried Eggers: »Die Tote, der Bauer, sein Anwalt und andere«; Grafit Verlag, Dortmund 2000; 349 S., 9,90 €; Wilfried Eggers: »Ziegelbrand«; Grafit Verlag, Dortmund 2003; 314 S., 9,40 €; Jürgen Petschull: »Der Herbst der Amateure«; Piper Verlag, München; nicht mehr lieferbar

Auskunft : Tourist-Info Kehdingen, Stader Straße 139, 21737 Wischhafen, Tel. 04770/831129, www.niederelbe.de/krimi

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49
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