Biografie Auf der Suche nach Karasek

In seinen Erinnerungen erzählt der Journalist und Schriftsteller von einem turbulenten Leben und von seiner Begabung zum Erfolg

Vor sechs Jahren gab Harald Juhnke seinen Memoiren den Titel aber als hätte er daran immer noch nicht genug, entlehnte er sich von Ödön von Horváth das (ungenau zitierte) Motto: »Eigentlich bin ich ganz anders. Nur komm ich so selten dazu.« Jetzt spendiert sich Hellmuth Karasek, zu seinem 70. Geburtstag, 526 Seiten und der Virtuose der Omnipräsidenz, der es zu allem gebracht hat, wovon unsereiner nur träumen kann, der immer hinter dem Bildschirm sitzt, wenn wir bloß davorhocken, der erst den herausgegeben hat und nun für den konkurrierenden Springer Verlag schreibt, der sich als Boulevardautor den Namen Daniel Doppler zugelegt und im zweite Geige gespielt hat: dieser Verwandlungskünstler und Pop-Proteus begrüßt uns nun mit wiederum ungenau zitiertem Horváth: »Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.«

Ein gewitzter Erfolgstyp, ein Aufsteiger im Aufsteigerland

Anzeige

Er sollte sich nicht wundern. Diesem Memoirenbuch aber merkt man, über weite Strecken, den Ernst an, mit dem die vielen uneigentlichen Karaseks den eigentlichen suchen, und wie da ein hoch gewitzter Erfolgstyp, »ein Aufsteiger im Aufsteigerland« (Karasek), nach seinen Wurzeln fahndet, nach seiner Herkunft und, sagen wir das harte Wort, nach seinem Charakter. Da hat einer offenbar das Gefühl, als sei er, beim Senkrechtstart vom schlecht bezahlten jungen Journalisten zur Fernsehgröße und zum »Zirkulationsagenten«, immer eher »auf der Flucht« (so der Titel des Buches) gewesen und dabei nicht nur den Engpässen und Sackgassen, den Karriereknicks und Widersachern entkommen, sondern leider auch sich selbst. Zunächst aber, in der ersten Hälfte des Buches, ist das »auf der Flucht« noch keine Metapher, sondern intensive Beschreibung des panischen Hin und Hers einer Familie mit vier Kindern, die es aus dem Grenzort Bielitz in die Ausweglosigkeit des zu Ende gehenden Krieges verschlägt, dann nach Niederschlesien, der erneuten Vertreibung entgegen, die in die damalige Ostzone führt, ins Erzgebirge und dann für mehrere Jahre in Bernburg an der Saale einen Halt findet. Bis für den Heranwachsenden schließlich, nach seiner »fünften Flucht«, im deutschen Westen das beginnt, was die FAZ, bei Gelegenheit ihres Karasek-Fragebogens, so beschrieb: »Die journalistische Karriere des am 4. Januar 1934 in Brünn geborenen Multitalents verlief geradlinig.«

Mit einer kleinen, fast parabelhaften Szene setzt Karasek sein Thema und seine Erzählweise: Da stöbert der Zehnjährige, kurz vor dem Weihnachtsfest 1944 in Bielitz, das das letzte dort sein wird, heimlich sein Geschenk auf, eine elektrische Eisenbahn; als er sie dann bekommt, kann er nur wenige Tage mit ihr spielen, muss sie beim Aufbruch zurücklassen. Und dennoch macht sie Familiengeschichte: »Die nächste Märklin-Eisenbahn habe ich 1967 meinem Sohn Daniel zu Weihnachten geschenkt, der sie später seinem Bruder Manuel Mitte der siebziger Jahre schenkte. Von dem wiederum bekam sie 1993 mein Sohn Nikolas… Jetzt verstaubt sie im Keller.«

Die Flucht erspart dem Jungen die (wohl verhängnisvolle) kurze Rückkehr in die Napola; aber sie erspart dem Erzähler nicht die Überlegung, welchen Weg sein Leben wohl genommen hätte, wären die Nazis (zu denen sein Vater gehörte) damals nicht schon am Ende gewesen. Fluchtszenen, Eisenbahnenge und -ängste, Notquartiere, Hunger und Panik vor dem nächsten Tag – Erinnerungen, wie sie zum Bestand einer ganzen Generation gehören; Lektüre, die das Trauma von Millionen entwurzelter Menschen beschwört. Aber nie larmoyant erzählt, sondern oft mit einem Schuss Schwejk. Man erfährt, wie sich unterhalb der großen Katastrophe, des kleinen Elends eine Jugend abspielte, wie sich gerade aus all den Nöten eine besondere Gewitztheit herausbildete, wie auch der Spaß sein Recht forderte und der Spaßmacher seinen Tribut, wie der junge Karasek seine Talente zum Klassenclown und durchtriebenen Wortführer entwickelte; das ist nicht nur unterhaltend zu lesen, sondern erklärt auch die Unbedingtheit, mit der später der Erwachsene den Erfolg, das Entertainment, die Pointe um jeden Preis kultivierte, bis hin zu der bramarbasierenden Bonhomie, mit der sich jetzt der Siebzigjährige in Szene zu setzen liebt.

Ein »Wer ist wer?« der westdeutschen Intellektuellenszene

Übrigens auch gegenüber dem jungen Menschen, dessen Leben er auf den ersten dreihundert Seiten nachzeichnet. Wenn da etwas stört, ist es die Schlaumeierei, mit der der alte Karasek dem jugendlichen in seine Geschichte hineinredet. Als der Junge für den Vater lügen muss und sich dabei verheddert, apportiert der Autor den »Grubenhund« von Karl Kraus. Und als er, im Alter von sechzehn, zum ersten Mal im Westen ist und bei Stuttgarter Verwandten einen Stapel Illustrierte findet, darf er nicht etwa entzückt sein oder neugierig, sondern muss sich gesagt sein lassen: »Ich war bereit, ohne die Kritische Theorie oder Die Dialektik der Aufklärung zu kennen, ja ohne die Namen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer je gehört zu haben, mit marxistisch geprägter Verachtung auf diese Playboy-Kultur zu reagieren.«

Dann der Westen und die Erfolgsstory. Der kurze Weg vom Feuilleton der Stuttgarter Zeitung zum Chefdramaturgen am Staatstheater Stuttgart; der ein wenig längere nach Hamburg als Theaterkritiker der ZEIT und der Sprung hinüber zum Spiegel, wo er zwei Jahrzehnte lang das Kulturressort leitet. Die Freunde, die Feinde und wie sich das abwechselt. Immer wieder das freudige Erstaunen eines »Egomanen« (Karasek) über sich selbst und seine Begabung zum Glück. Aus dem »Wer bin ich?« der ersten Hälfte des Buches wird nun ein »Wer ist wer?« der westdeutschen Intellektuellenszene, mit hübsch boshaften Porträts von Leuten wie Siegfried Melchinger und Peter Palitzsch, mit einem oszillierenden Walser-Bild und einem Treuebekenntnis zu Marcel Reich-Ranicki.

Service