Roman Die Pracht der Gefühle
Brigitte Kronauer schreibt ein Schäferspiel, sehr barock und sehr langweilig
Am Ende des Romans läuft die Erzählerin atemlos ihrem Erlöser entgegen. Er soll mit einem Schiff, einem Hovercraft, von England her kommen. Der sehnlich Erwartete ist ein Leser, er hat ein Libretto der Erzählerin gelesen. Und er ist Komponist. Er soll dieses Libretto in Töne setzen. Als ob der Mann, der Leser, der Komponist, alles retten könnte, das Desaster des Textes aufheben, das Chaos ordnen, die leere Erregung mit Sinn füllen und besänftigen könnte.
Um es gleich zu sagen: Sofern damit der Leser des Romans Verlangen nach Musik und Gebirge gemeint sein sollte: Er kann nicht. Und er will auch nicht. Er braucht selbst einen Erlöser. Was soll er diesem nur schwach kontrollierten Exzess der Beschreibungsredundanz und der irrlichternden Stimmungsmalerei entgegenhalten? Wie das buchstäbliche Ausufern der Liebesbedeutungsbehauptungen unter Kontrolle bringen?
Nicht ohne Sympathie für das Selbsterregungspotenzial der Dichterin und ihre Feier der eigenen Fertigkeit hat der Leser die Reise durch Oostende begonnen, aber bald schon fand er sich erschöpft und ein wenig gelangweilt am Katzentisch der Romangesellschaft wieder. Mit der fünf- bis zehnköpfigen Gruppe, die er drei Tage im belgischen Seebad Oostende begleitet hat, wurde er zu keinem Zeitpunkt warm. Er durfte zuschauen, bis hin zum Schlüssellochblick aufs Intime, durfte das Geschaute unter sachter Anleitung gescheit klein denken und auch herzlich verachten. Aber einsteigen in die turbulenten Liebes- und Hassgeschäfte, seine Seele wärmen oder sein Mütchen kühlen, das durfte er nie. Aber da muss doch mehr sein als virtuoses literarisches Schaustellergewerbe und seine Legitimation in Reflexionen über Schein, Maskerade und Illusion, denkt der erlösungsferne, eher verzweiflungsnahe Leser bitter. Wie fing das denn alles an?
Die schöne Sonja: »Taglilie, Impala, Rotduckerchen«
Im Zug nach Oostende trifft die in der anonymen »man«-Form erzählende deutsche Frau Fesch auf das Paar Frau Quapp und Roy. Frau Quapp ist alt und die Oma von Roy. Roy ist jung und gehbehindert und liest gerade einen Text von einem Stuntman in einer italienischen Illustrierten, weshalb er im Rest des Roman auch penetrant Stuntman genannt wird. Überhaupt wird der im Folgenden endlos ausgewalzte Liebeshändel Roy als Stuntman und Stehaufmännchen der Leidenschaft erweisen. In Oostende beobachtet Roy, ebenso wie »man«, ein Liebespärchen wie aus der Illustrierten: Er, Maurizio, ein kompakter Muskelmann, dem die Beschränktheit aus den Bi- und Trizepsgebirgen aufsteigt, ist prädestiniert für sexuelle Intensivnutzung. Sie, Sonja, eine Über-alles-Schönheit, manieristisch und modelmäßig geschönt und gelängt wie von Parmigianino und Peter Lilienthal zusammen, lebt ausschließlich von begehrlichen Zuschreibungen, zumal durch die Erzählerin, die ihr Profil in immer neuen floralen und tierischen Benennungen stilisiert, am häufigsten: Taglilie, Impala und Rotduckerchen. Zum Bambi fehlt zweifellos das Glotzäugige, da Sonja ihre lang bewimperten Lider zum dauernden Schlafwandeln halb geschlossen halten muss. Dies wiederum macht den hinkenden Roy verrückt, der seinerseits zum Verrücktwerden des Lesers bis zum bitteren Ende des Romans ununterbrochen diesem langgesichtigen Schlaflied auf zwei schönen Beinen hinterhersehnen muss.
Aufgemischt wird die Konstellation durch den Antwerpener Parfumhändler Willaert, einen willensstarken Wiedergänger des belgischen Malers James Ensor. Er bringt mit einem Zug das matte Liebessetting in Bewegung, indem er aus schierer Geilheit den dummen »Bodyguard« Maurizio als intellektuelles Wesen anspricht, was diesen quasi auf dem Absatz schwul hingerissen sein lässt und Sonja frei und Roy fast schon am Ziel seiner Wünsche. Viel mehr wirkliche Bewegungen im Tanz der Affekte gibt es dann auch nicht mehr auf den nächsten dreihundert Seiten, nur noch kleinere Variationen.
Es handelt sich nämlich, Gott bewahre, nicht ums Leben und was wir dafür halten, sondern um eine bloße Versuchsanordnung, die weniger chemisch, wie in Goethes Wahlverwandtschaften, als mechanisch gedacht ist. Brigitte Kronauer will Kunst, und die muss offenbar künstlich sein. So gibt sie sich nicht die geringste Mühe, die Figuren personal glaubwürdig zu gestalten; umgekehrt: Sie gibt sich die größte Mühe, sie als Träger von Verlangen und Leidenschaft zu vereinfachen. Deshalb kommen ihnen immer wieder dieselben Attribute zu. Es sind Puppen und Masken, die von anderswo regiert werden. Sie werden geführt wie Figuren in einem barocken Schäferspiel, nur dass der Schauplatz, das sommerliche Seebad Oostende, im Gegensatz zu solcher Figurenstilisierung mit einer geradezu hyperrealistischen Feinmalerei dargestellt ist. Es ist eine sehr bewusste topografische Lust am Werk. Und eine ebenso bewusste Unlust, die Personen mit einem komplexen ich-zentrierten Innen- und Gefühlsleben auszustatten.
- Datum 18.12.2007 - 03:39 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49
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