Da der Mensch die Sorgen, die er sich macht, meistens auch verursacht hat, kann er sich seinem eigentlichen Luxusproblem widmen – das ist er selbst. Das Wissenstier Mensch, das im Außendienst beträchtliche Erfolge feiert, aber mit seiner Innenrevision nicht recht vom Fleck kommt, bleibt sich selbst ein Rätsel, das umso rätselhafter wird, je hartnäckiger es sich in seiner privaten Befindlichkeit eingehaust hat. Unser Bewusstsein, großzügig verteilt auf so viele wehrlose Köpfe, macht jeden Einzelnen von uns zu einem Präzedenzfall, an dem Selbsttherapie zu üben ist.

Wer sich mit der Pflege seiner Identität befasst, kann für überraschende, Glück spendende Momente, fündig werden; eine solide Beschäftigung, die auf Dauer angelegt ist, lässt sich daraus jedoch nicht gewinnen. Vom Bewusstsein, das uns, warum auch immer, als Begleiter zugeteilt wurde, kommen wir nicht los, was zur Folge hat, dass wir von unserem Dasein wie aus einer Geschichte erfahren, die wir uns ständig neu erzählen müssen – ohne Nachlass und der schleichenden Gefahr ausgesetzt, dabei wunderlich zu werden.

Darüber lässt sich trefflich philosophieren, aber besser noch kann man davon erzählen – wenn man denn erzählen kann. Der in Berlin lehrende Schweizer Philosoph Peter Bieri, der 2001 eine viel beachtete Untersuchung über Das Handwerk der Freiheit veröffentlichte, kann so gut erzählen, dass er sich seit einiger Zeit eine zweite Agentur in der Sprache eingerichtet hat, die für jenes hintergründige Geschehen zuständig ist, an das sich die auf breite Formate bedachte philosophische Theorie nicht herantraut.

In seinem neuen Roman Nachtzug nach Lissabon (zuvor erschienen Perlmanns Schweigen, 1995, und Der Klavierstimmer, 1998) erzählt Bieri alias Mercier von einer denkwürdigen Selbstfindung, die über den Kopf und die Gedanken eines anderen stattfindet. Der Held des Romans ist ein Antiheld: Raimund Gregorius, Lateinlehrer aus Bern, alleinstehend, nachdem ihn seine wesentlich jüngere Frau aus nachvollziehbaren Gründen verlassen hat, worauf er eine papierene Liaison mit einem Fundus alter Texte eingegangen ist, die er sich nachhaltig genug einzuverleiben vermochte, um sich den Zugang zur realen Welt zu verstellen.

Eines Tages fällt Gregorius, nachdem er auf einer Berner Brücke eine ihm unbekannte Portugiesin vor einem Selbstmord bewahrt hat, den diese vermutlich gar nicht begehen wollte, das Buch eines geheimnisvollen Autors in die Hände: Amadeu de Prado heißt er, war Arzt in Lissabon, obgleich er sich selbst wohl mehr als Philosoph und Dichter sah, der vergeblich erstrebte, was für uns normal Bemittelte die Grundvoraussetzung ist, um halbwegs unbeschädigt durchs Leben zu kommen, nämlich ein stillschweigendes Einverständnis zwischen dem kleinen Ich und seiner Welt zu erzielen.

Auf Gregorius, von dem Mercier sagt: "Wie so oft war er mit seinen Gedanken allein, und sein Geist war nach außen hin versiegelt", wirkt Prados Buch wie ein Kulturschock: Er löst sich aus seinen bisherigen Bindungen, quittiert den Dienst und fährt mit dem Nachtzug nach Lissabon, um mehr über einen Autor zu erfahren, der in seinem Buch genau den Fragen nachgeht, die auch Gregorius umgetrieben haben, ohne dass ihm das bislang klar geworden wäre: "Gibt es ein Geheimnis unter der Oberfläche menschlichen Tuns?", fragt Prado beispielsweise. "Oder sind die Menschen ganz und gar so, wie ihre Handlungen, die offen zutage liegen, es anzeigen?"

Ausdruck eines verborgenen Lebens von ungeahnter Tiefe