abfallmarkt Ein Gespür für Müll

Abfall hat Norbert Rethmann reich gemacht. Nun will er auch noch Marktführer werden. Die Konkurrenz fürchtet ein Monopol

Altpapier, Plastikflaschen, Tierkadaver und Stahlschrott haben Norbert Rethmann zum Milliardär gemacht. Kürzlich, zu seinem 65. Geburtstag, krönte der Gründer der Rethmann AG & Co. KG sein unternehmerisches Lebenswerk: Er verkündete die Übernahme von 70 Prozent der Anteile am Entsorgungskonzern RWE Umwelt. Stimmt das Kartellamt zu, schluckt der Familienbetrieb Rethmann, der zweitgrößte Abfallentsorger Deutschlands mit Sitz in Lünen, spätestens im Januar 2005 den bisherigen Marktführer. Pikantes Detail: RWE Umwelt hatte vor einigen Jahren Rethmanns härteste Konkurrenten in Nordrhein-Westfalen, die Müllimperien von Gustav Edelhoff und Hellmuth Trienekens, gekauft.

Im Westen der Republik fiele Rethmanns Dominanz nach einer Übernahme denn auch besonders eklatant aus. Die »Megafusion« mache Rethmann zum »Müllmonopolisten«, warnt Reinhard Schultz (SPD), der für den westfälischen Landkreis Warendorf im Bundestag sitzt. Ob Duisburg, Essen, Frankfurt, Köln oder Wesel – das Familienunternehmen werde den Preis des Mülls von der Tonne bis zur Recyclinganlage diktieren. Erweise sich zudem das Buhlen der Rethmanns um die angeschlagene Abfallentsorgungs-Gesellschaft Ruhrgebiet AGR als erfolgreich, werde speziell das Revier künftig zu mehr als 50 Prozent von dem Konzern entsorgt, befürchtet Schultz.

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Schon heute lässt Rethmann von seinen Mitarbeitern Abfälle aller Art einsammeln, sortieren, recyceln, kompostieren, verbrennen, auf Deponien fahren, sterilisieren und an Mastvieh verfüttern. Weltweit, von Frankreich über Osteuropa bis nach Taiwan, beschäftigt er 9000 Menschen. Allein in Deutschland sind es 6000. Zum Imperium gehören 38 Papiersortieranlagen, 36 Kompostwerke, 32 Aufbereitungsanlagen für Sonderabfälle, 20 Sortieranlagen für Leichtverpackungen und 23 Deponien. Von den bundesweit jährlich 3,1 Millionen Tonnen Altglas recycelt Rethmann mehr als ein Drittel. Hinzu kommen mindestens 10 Prozent des Altpapiers, 10 Prozent der Verpackungen mit dem Grünen Punkt sowie mehr als die Hälfte der ausrangierten elektronischen Geräte.

Wer Glas, Schrott und Papier sortiert, beherrscht das Geschäft

Dass sich Norbert Rethmann jetzt anschickt, einen Konzern mit mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz aufzubauen und etwa das Vierfache des nächstgrößeren Konkurrenten zu erwirtschaften, alarmiert kommunale und private Konkurrenten. Der Verband Kommunale Abfallwirtschaft und Stadtreinigung (VKS) versteckt seine Angst vor Wettbewerb und dem möglichen Verlust seiner langjährigen Entsorgungsverträge – deren Tarife etwa 25 Prozent über denen privater Anbieter liegen und gute Einnahmen sichern – hinter Schreckensszenarien wie »Leistungsverschlechterungen und Preissteigerungen«. Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) gibt hingegen ganz offen »Monopol- und Gebührenalarm«.

Der Angst liegt eine einfache Überlegung zugrunde: Wer am Ende der Wertschöpfungskette, beim Sortieren und Verwerten, eine beherrschende Position einnimmt, kann auch auf die Firmen am Anfang der Kette – jene, die den Müll sammeln und abliefern – Druck ausüben. Verleibe sich Rethmann die Sammel- und Sortierverträge, vor allem aber die Sortier- und Verwertungsanlagen von RWE Umwelt ein, könne das Unternehmen einzelne Abfallströme wie Altglas, Leichtverpackungen, alte Hölzer, Elektronikschrott oder Altpapier auf eigene Anlagen lenken und die Preise diktieren, befürchtet bvse-Hauptgeschäftsführer Hans-Günter Fischer. Gefahr für den Markt drohe nicht zwangsläufig durch die addierten Umsatzzahlen von Rethmann und RWE Umwelt, sondern durch die strategische Bündelung der Abfallströme. Die logistische Aufrüstung mache es Rethmann möglich, sowohl Wettbewerber als auch Subunternehmer wie zum Beispiel kleinere Mülleinsammler in ein enges Preiskorsett zu zwingen und unwillige Marktteilnehmer »wegzufegen«.

Familie Rethmann selbst macht kein Geheimnis daraus, dass sie es auf die Abfallströme abgesehen hat. »Wenn die Rohstoffpreise weiter steigen, wird der Sekundärrohstoffmarkt noch größere Bedeutung erlangen«, sagt Rethmanns Sohn Ludger, Vorstandssprecher der Entsorgungssparte. Die Firma soll unter dem Namen Remondis zum internationalen Rohstofflieferanten umgebaut werden.

Ironischerweise war es das Kartellamt selbst, das – zumindest in Teilen – die Konzentrationswelle im Müllgeschäft ausgelöst hat. Die eigentlich auf Wettbewerb drängende Behörde erzwang vor Jahresfrist die Neuausschreibung der Verträge über Sammlung, Transport und Verwertung gebrauchter Verkaufsverpackungen mit dem Grünen Punkt durch das Duale System Deutschland (DSD). Das betroffene Umsatzvolumen: knapp 1,8 Milliarden Euro. RWE Umwelt bewarb sich wie Rethmann um die Verträge, ging aber vielfach leer aus, sodass die eigenen Müllfahrzeuge und Sortierbänder nicht mehr ausgelastet waren.

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