wir werden weniger Die Stadt der Künstler

Manchester war die erste Industriemetropole der Welt. Hier studierte Marx den Kapitalismus. Heute zeigt die englische Stadt, wie sich leere Viertel wieder füllen lassen

Es regnet in Strömen, aber das stört Phil Griffin nicht. Er wirbelt über den Gehsteig, bleibt mitten in einer Pfütze stehen und dreht sich mit ausladender Geste halb um sich selbst. »Hier hat alles angefangen«, sagt der Dokumentarfilmer und deutet auf ein viktorianisches Eisenbahnviadukt, zwischen dessen Bögen sich hohe Fensterfassaden nach oben strecken. Dahinter stehen einige kleine Tische mit Wachstuchdecken rund um einen großen Tresen: das Atlas Café in Deansgate am Südwestrand der Innenstadt von Manchester.

Phil Griffin erzählt, wie hier fast zufällig der Wiederaufstieg der alten Industriestadt geplant wurde. Er spricht von den Freitagabenden, an denen sich Architekten, Designer, Musiker, Filmemacher, Journalisten und Stadträte trafen – die unterschiedlichsten Menschen wollten die entvölkerte Stadt wieder beleben. Damals lebten in der Innenstadt nur noch 400 Menschen. Leere Lagerhallen, Fabrikgebäude und Textilmühlen aus viktorianischer Zeit – mehr hatte die Geschichte in der ersten Industriestadt der Welt nicht übrig gelassen.

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»Wir waren ausgelassen und risikofreudig«, schreibt Phil Griffin in einem Beitrag für den Katalog der Berliner Ausstellung Schrumpfende Städte. »Alles schien möglich.« Stadträte und Cityplaner hörten sich die Vorschläge der Kreativen an. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne für das neue Manchester.

Im Atlas Café entstand der Gedanke, aus der entleerten Stadt eine Unterhaltungsmetropole zu formen. Manchester sollte zur ersten 24-Stunden-Stadt Großbritanniens werden. Cafés, Bars, Nachtclubs und Restaurants sollten die Abwärtsspirale aus wirtschaftlichem Niedergang und fortschreitender Entvölkerung umdrehen. Zwar war Manchester selbst nur noch dünn bevölkert, aber das Einzugsgebiet war beträchtlich. In den umliegenden Gemeinden lebten auch damals noch weit über eine Million Menschen.

Die notwendige Szene entwickelte sich schon seit den Siebzigern. Kunststudenten und Musiker füllten die leeren Hallen aus dunkelrotem Ziegel. Sie sorgten dafür, dass Fabrikgebäude cool wurden. Der Produzent und DJ Anthony Wilson gerät ins Schwärmen: »Als wir anfingen, war Manchester eine entleerte, urbane Anti-Seele – aber dann kam die Populärkultur!«

Wilson produzierte die Happy Mondays und Joy Divison und ebnete den Weg für die Entstehung des Britpop und Bands wie Oasis. Anfang der Achtziger eröffnete er in einer alten Textilmühle in Deansgate den Nachtclub Haçienda. Binnen weniger Jahre avancierte der Laden zu einem der bekanntesten Clubs der Welt. Jahrelang huldigten die Massen hier den größten DJs.

Manchester wandelte sich ähnlich schnell zur Spaßstadt wie einst zur Industriemetropole. Die ersten Textilmühlen ließen sich hier im 18. Jahrhundert nieder, weil sich das weiche Wasser für die Bearbeitung von Tuchen und Stoffen besonders gut eignete. Hier kamen dampfgetriebene Webstühle zum Einsatz – die neue Wohlstandsmaschine des Empire. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Manchester über 60 Prozent des weltweiten Baumwollbedarfs gesponnen, gefärbt und in die ganze Welt verschickt. Friedrich Engels, der selbst als Textilunternehmer hierher kam, lud seinen Freund Karl Marx ein, um den Kapitalismus im Laborversuch zu studieren. Marx ging es vor allem um die vielen Menschen, die hier lebten. In den letzten 25 Jahren des 18. Jahrhunderts allein verzehnfachte sich die Einwohnerzahl, und bis 1930 hörte sie nicht mehr auf zu wachsen. Als die Weltwirtschaftskrise losbrach, lebten in Manchester rund 750000 Menschen. So stetig und unaufhaltsam das Wachstum schien, so brutal kam das Ende. Erst brachte der Krieg Zerstörung, dann knickte das Empire ein, mit ihm ging auch die Industriestadt nieder.

So schnell schrumpft selbst in Deutschland mit seiner geringen Geburtenrate heute kaum eine Stadt: Für die Zeit zwischen 1950 und 1990 verzeichnet das britische Büro für Nationale Statistik für Manchester einen Einwohnerverlust von 260000 Menschen, rund 37 Prozent der Nachkriegsbevölkerung. Dabei fingen die Sorgen der Stadtregierung nicht erst mit dem wirtschaftlichen Niedergang an. Als der Boom längst Vergangenheit war, machten sich seine Nachwehen immer noch bemerkbar. »1955 galten 70000 Wohnungen und Häuser als unbewohnbar«, sagt Stadtplaner Peter Babb. »Manchester war umzingelt von Slums, die aus dem 19. Jahrhundert stammten.«

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