Strafvollzug Visite beim Knastdoktor

Hinter Gittern haben weder Arzt noch Patienten die freie Wahl. Dafür gibt es hier ganz spezielle Leiden und Nöte. Ein Blick in die Praxis des Gefängnisarztes Joe Bausch

Zur Begrüßung stellt Michael Skirl ein Tablett mit Obsttörtchen auf den Tisch. »Bitte, von Mörderhand gebacken!«, sagt der Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) im westfälischen Werl. Das Gebäck schmeckt prima, auch wenn man mit der Zunge unwillkürlich nach Nägeln oder Rasierklingen tastet. Manche Dinge sind eben in einer Haftanstalt für Mörder, Vergewaltiger und andere Schwerverbrecher etwas anders als außerhalb der Gefängnismauern.

Das weiß auch der Mann im weißen Kittel neben Gefängnisleiter Skirl. Josef Bausch-Hölterhoff ist einer der beiden Ärzte im Gefängnis von Werl. Und seine 880 Patienten sind eine ganz besondere Klientel. Wie in einer normalen Hausarztpraxis geht es hier nicht zu.

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Das beginnt damit, dass »Joe« Bausch hier keinen Patienten abweisen kann – selbst dann nicht, wenn seine Sympathie für einen Serienmörder eher dürftig ist: »Beschimpft mich jemand übel, kann ich ihn höchstens des Raumes verweisen.« Umgekehrt können sich auch die Inhaftierten ihren Doktor nicht aussuchen. Das führt zu Spannungen zwischen Arzt und Patient. »Die Situation kann sich bei uns von einer auf die andere Sekunde total ändern«, sagt Bausch. Kürzlich hat ein für seinen Jähzorn bekannter Häftling einen Krankenpfleger so heftig angegriffen, dass dieser sich einen Knochen der Mittelhand brach. 14 Tage Arrestzelle waren die Folge. Sich dort dann nach dem Befinden des Häftlings zu erkundigen, findet selbst Bausch »schwierig«.

Dennoch liebt der Regierungsmedizinaldirektor seinen Beruf – so sehr, dass er sogar in seiner Freizeit als Schauspieler den Gerichtsmediziner Doktor Joseph Roth im WDR- Tatort mimt. Als Arzt ist er eine besondere Instanz im Gefängnis. Bausch verurteilt nicht, sondern versucht jede Situation zu verstehen. So mancher Patient, der sonst den knallharten »Knacki« gibt, heult in Bauschs Sprechzimmer Rotz und Wasser. Einige geben sogar Delikte zu, »für die sie noch gar nicht bestraft wurden« – denn sie wissen, dass Bausch an seine ärztliche Schweigepflicht gebunden ist. Auch wenn ein Häftling HIV-infiziert ist, darf dies nicht publik werden. Allerdings hat die Vertraulichkeit Grenzen. Bausch muss Meldung erstatten, wenn die Sicherheit oder die Gesundheit von Gefangenen in Gefahr ist. Genauso ist er zum Rapport verpflichtet, wenn ein Häftling die Schuld an einem Verbrechen einräumt, für das ein anderer einsitzt.

Das Vertrauen der Häftlinge musste sich der Mediziner erst hart erarbeiten. »Die haben mich hier in meinen ersten Jahren ganz klar abgecheckt«, erzählt Bausch. Kippt der Arzt in seinen Diagnosen? Bleibt er bei einem einmal formulierten Nein zu erhofften Hafterleichterungen? In aller Regel ist Bausch konsequent. Dass er sich das leisten kann, mag auch an seiner Devise liegen: »Nie Voreingenommenheit zeigen, sondern immer zuhören«.

»Als Arzt ist er kompetent, und als Mensch kann er zuhören«, bescheinigt Häftling Edwin G. seinem Doktor. »Ich bin froh, dass er da ist«, fügt der 50-Jährige aus Saarbrücken hinzu und attestiert Bausch »viel Fingerspitzengefühl« im Umgang mit den Gefangenen.

Gefängnisärzte sehen sich besonders häufig Patienten gegenüber, die sich von einer bestimmten Diagnose Vorteile versprechen – sei es eine zusätzliche Stunde an der frischen Luft oder die Erlaubnis, eigene statt der Häftlingswäsche zu tragen. Ein Drittel der Häftlinge, so wird vermutet, täuschen Krankheiten vor – oder übertreiben das jeweilige Leiden. »Immerhin sind in Haft viele Menschen mit bestens ausgeprägten betrügerischen Fähigkeiten«, sagt der Gefängnismediziner. Doch auch die müssen gründlich untersucht werden. Sonst »werden sie im Vollzug auf verschiedensten Ebenen dauerhaft Schwierigkeiten machen«. Schiebt der Arzt die Simulanten einfach ab, beschweren sie sich permanent beim Anstaltsleiter oder geben Beschwerden an ihre Rechtsanwälte, Angehörige und die Presse weiter.

Andererseits können die Haftumstände durchaus handfeste Leiden auslösen. Depressionen zum Beispiel, wenn die Welt draußen ungute Botschaften schickt. »Die Frau trennt sich, die Kinder melden sich trotz wiederholter Briefe nicht mehr, oder man kriegt einen beschissenen Bescheid von der Justizbehörde«, zählt Bausch mögliche Gründe für den Sturz ins Jammertal auf. Gut, dass im anstaltseigenen Arzneivorrat ausreichend Psychopharmaka lagern. Noch besser, dass für Joe Bausch Körper und Seele keine Gegensätze sind: »Wer sagen würde, das ist nicht mein Bier, der hat als Arzt hier nichts verloren.« Auf den ersten Blick leiden die Häftlinge an ähnlichen Krankheiten wie die Menschen in Freiheit. Am häufigsten plagen sie Hautleiden, Kopf- und Rückenschmerzen, Magen-Darm-Probleme.

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