wirtschaftswissenschaft Neues vom Anti-SinnSeite 2/2

Immer wieder beruft sich der Autor auf diese Einsicht, der unter anderem der britische Nachfrageökonom John Maynard Keynes zum Durchbruch verhalf. Bloß erinnert das bei Bofinger an das Diktum: Für den, der einen Hammer hat, sieht alles aus wie ein Nagel.

Das ist deswegen schade, weil Bofingers Argumente wertvoll für die deutsche Reformdebatte sind. Er macht klar: Die demografische Entwicklung kann man auch optimistischer sehen als der Mainstream der Warner. Er hat Recht: Der Staat darf nicht mit Bildungsinvestitionen geizen. Die Wirtschaftslobby will die Steuern ihrer Klientel weiter senken – der Professor hält ihr mit Recht die geringe deutsche Steuerquote vor. Viele Ökonomen reden die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in Grund und Boden; falsch, wie Bofinger belegt. Doch dahinter liegt dann das Reich der differenzierten Realität, auf die auch er sich nicht einlassen mag. Zwar können Unternehmen in Deutschland zu viele Steuerschlupflöcher nutzen, aber für Neuinvestoren zählen die Steuersätze. Erstere zu stopfen, um Letztere zu senken, ist sinnvoll und gerecht. Und so groß die Exporterfolge sind, so entschieden hat die Industrie doch Jobs durch profitablere Maschinen ersetzt. Entsprechend hoch ist nicht nur die Arbeitsproduktivität, sondern auch die Arbeitslosigkeit.

Bofingers Gegner und vor allem ihre Ideen sind besser, als er sie aussehen lässt. Das ist eine Schwäche seines Buches. Er hat eben nicht die Wahrheit, er hat nur eine Wahrheit. Immer wieder erklärt er sich zum Einzelkämpfer. »Wer, wie der Autor dieses Buches, an diesem ›Jahrhundertwerk‹ (Riester-Rente) Kritik übte, hatte keine Chance, mit seinen Argumenten Gehör zu finden«, klagt er zum Beispiel.

Bloß dreht sich die ökonomische Debatte wieder, und den Ton geben angelsächsische Volkswirte an, die auf die Frage nach Angebots- oder Nachfragepolitik mit einem entschiedenen »Sowohl als auch« antworten. Mit Verspätung kommt diese Haltung auch in Deutschland an.

Bofinger hat schon Recht: Reform darf nicht bloß immer neue Einschnitte und Sparappelle bedeuten. Doch ebenso wenig darf sie am Reißbrett der Keynesianer entstehen. Gute Reformpolitik folgt vielmehr der pragmatischsten aller Fragen: Was funktioniert? Und insofern ist Bofingers Buch Teil des Problems und nicht seiner Lösung.

Wir sind besser, als wir glaubenWohlstand für allePeter BofingerBuchPearson Studium2004München19,95288
 
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