Bücher über Schule Mauern einreißen, die im Kopf
Warum das schönste Buch über Schule nicht nur glücklich macht
Was soll man nur tun mit all den Büchern über Bildung? Im Regal strafmodern lassen, Leseverweigerung, tut sich eh nichts? Fleißiges Durchfingern auf der Suche nach auftriebigen Ideen – oder haben wir die nicht alle längst gehört? Verschlingen auf der Suche nach Worten des Trostes für ausgebrannte Lehrer, wahlweise graugesichtige Eltern? Für solche Gefühligkeiten hat der Buchmarkt uns in diesem Jahr wieder gut bedient, gebürt der Wellness-Pokal der Pädagogik: »Wie unsere Kinder wirklich fürs Leben lernen« verspricht der Untertitel. Ach, Pädagogik für die Seele: Da wird erzählt von der legendären Helene Lange Schule in Wiesbaden.
Die Helene Lange Schule war ein Gymnasium und wurde eine Integrierte Gesamtschule und endlich zum Sehnsuchtsort derer, die an unseren Schulen leiden. In Wiesbaden unterrichten Lehrer gerne, und zwar in Jahrgangsteams, und niemand hetzt von 45-minütiger Kurzstunde zur nächsten Klasse, deren Gesichter sich auch niemand mehr merken kann. Hier finden Kinder ein Zuhause, in Räumen, zwischen denen Wände niedergerissen wurden und die sie selbst gestalten, und keiner droht, dass sie dort wieder entfernt werden, aus ihrer eigenen Schule! Kinder lernen da, wie Schule klingt (mittels Tonbandaufnahmen), was harte Arbeit ist (beim Bäumefällen), wie man sich streitet (in Klassenräten) und dass man sich nach Fehlverhalten versöhnen kann (inklusive Sühnedienste, auch für Lehrer). Man begegnet einander auf Augenhöhe, selbst Eltern. Alles offen, bis zu den Klassentüren, alles in Bewegung, sogar das Mobiliar. Ökos kommen auf ihre Kosten, und die 68er-Grufties sehen noch vor der Rente ihre Träume wahr werden, die von der Schule als Polis, einem Ort, wo sich Demokratie erneuert. Selbst die Leistungsgierigen werden bedient, Alphatier-Väter und Mütter im Wettbewerbswahn, noch bevor sie nach den Lieblingsinstrumenten der deutschen Pädagogik schreien, nach Noten und dem Schweiß der Angst. Beste Pisa-Werte, auch ohne so was! Geputzt wird nicht von dunkelhäutigen Mamas, sondern von Schülern.
O ja, es ist sehr schön in Wiesbaden. Und weit weg von allem, was die meisten Kinder halbtags und bald ganztags erfahren. Ohne dass eine begründete Hoffnung bestünde, es könne für unsere Kinder, in ihrem kleinen Schulleben, einmal besser werden, so wie es ihnen alle wünschen.
Wie will man die Distanz der deutschen Schule zum gelungenen Experiment in Wiesbaden beschreiben? Von Hamburg aus: ungefähr 500 Kilometer. Von Erfurt: so 220, von München mindestens 300 Kilometer. Wiesbaden kann weit weg sein für Menschen, die einen Ranzen mit sich schleppen, unerreichbar wie die ebenfalls so enorm legendäre Laborschule in Bielefeld oder die super Odenwaldschule oder die anderen hoch gelobten best practise- Beispiele, mit denen uns Bildungsforscher vor den Augen wedeln, um zu zeigen, was alles möglich ist, vielerorts, wenngleich immer, für die meisten Kinder: andernorts.
Man fühlt eine Brise des Übermuts: Einfach weg mit Schule!
Will man wissen, wie weit der Weg in die Zukunft der Bildung, wahlweise nach Wiesbaden oder zu einer der anderen Vorzeigeschulen, wirklich ist, sollte man ein orangefarbenes Paperback zur Hand nehmen, übrigens schon 30 Jahre alt, diese Streitschrift Entschulung der Gesellschaft . Man spürt gleich, wie einen eine Brise des Übermutes anfliegt, und wird ganz schwindelig. Entschulen, einfach weg mit allem, wenn es denn alle so quält…
Der Autor Ivan Illich, er war Theologe, Kulturphilosoph, Physiker, Lehrender an Universitäten von Bremen, Kassel, Marburg über Pennsylvania bis Mexiko, ein eleganter Denker bis zu seinem Tod vor zwei Jahren, ist ein radikaler Gegenspieler von Enja Riegel, der ehemaligen Rektorin der Helene Lange Schule. Auf dem Umschlag ihres Buches präsentiert sie sich mit offenen Haaren: Pragmatikerin in Jeans. Schule umkrempeln ist ihre Profession, Bildungsreform der engagiertesten Sorte, vor der Illich so eindrücklich warnt. Weil Reform nicht das Wesen von Schule verändere, weil alle Versuche, so Illich, das System von innen zu reformieren, scheitern müssen, weil sie ein System bestätigen, das in der Anlage krank ist.
Illich beschreibt als Wahnidee, junge Menschen seien überhaupt nur in Institutionen zu bilden. Die Institution monopolisiere Bildung für einen postulierten Homo educandus als Dienstleistungsgut, das durch Ausschluss vieler Menschen und Möglichkeiten, künstlich verknappt werde: »In die Schule aufgenommene Schüler unterwerfen sich diplomierten Lehrern, um ihrerseits wieder Diplome zu erlangen. Beide sind frustriert, und beide machen unzulängliche Resourcen – Geld, Zeit oder Gebäude – für ihre Frustration verantwortlich.« Das hat was, aus einer Entfernung von 30 Jahren uns zugerufen (aus Mexiko!), in unsere heutige angeheizte Bildungsdebatte hinein, man möchte schmunzeln. Lehre uns die Erfahrung nicht das genaue Gegenteil von diesem Verschulungswahn, fragt Illich, nämlich dass Wissen am besten außerhalb von Schulen aufgesogen werde, im Leben, in dem sich das Zwangsgelernte meist als überflüssig erweise? Sind Sprachen nicht am besten zu lernen in Gesellschaft, sagen wir, im Liebesgeflüster? Illich fragt nach Beweisen, dass überhaupt irgendetwas von dem, was Schüler in Schulen lernen, dort durch Unterricht vermittelt werde: »Soweit in den Schulen überhaupt etwas gelernt wird, sind Lehrer eher hinderlich.«
- Datum 25.11.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Serie kinder-jugendbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







