Ich habe einen Traum
Heidi Klum, 31, geboren in Bergisch-Gladbach, ist das erfolgreichste deutsche Model. Als Schülerin gewann sie einen Wettbewerb, nach dem Abitur zog sie nach New York und wurde durch ein Titelbild auf der »Sports Illustrated« bekannt. Heidi Klum lebt in New York und hat eine sechs Monate alte Tocher. Sie träumt davon, ihre Träume nicht zu verlieren
Als man mich fragte, ob mir ein Traum einfiele, erinnerte ich mich daran, wie ich als junges Mädchen meine Fantasien in Kleidungsstücke hineinwebte und hoffte, jemand würde bemerken, dass ich nicht nur nähte, sondern auch etwas erfand. Pailletten in verschiedenen Farben, funkelnde Strasssteine und gerade und schräge Schnitte sollten aus meinen Entwürfen immer etwas Besonderes machen, sollten anderen auffallen und zeigen, dass die Näherei eine Kunst sein kann. Träume sind etwas Kunstvolles, sind Gespinste, so leicht wie Chiffon, und sie haben die Fähigkeit, dahinzuwehen wie Seidenschals im Wind.
Ich gehe durch mein Leben mit erhobenem Kopf, um den ich mir – für andere unsichtbar – Tücher binde, aus diesem leichten Traumstoff, der, wenn er mich berührt, die heiße Stirn kühlt. Das kann Seide auch: kühlen, wenn es warm ist, und wärmen, wenn Wind weht. Als Näherin wollte ich hoch hinaus. In jede Naht verwebte ich Traum-Moleküle, von denen ich hoffte, sie würden mich auf den Olymp einer gefeierten Modedesignerin heben.
Doch die Realität sieht anders aus. Ich lebe wie in einem goldenen Ei, aus dem ich immer dann herausschlüpfe, wenn mir Termine sagen: Heidi, das ist jetzt gut und notwendig für dich. Leider sind das tägliche Termine, manchmal ein ganzer Strauß, der am Ende nicht mehr duftet, sondern streng zu riechen beginnt.
Die Welt kennt mein Gesicht. Sie liegt richtig mit der Vermutung, ich würde viel Geld damit verdienen. Die Presse hat Recht, wenn sie schreibt, ich sei gerade glücklich mit einem Mann, stolz auf meine Tochter und verliebt in meine Eltern. Ich werde getragen von Anerkennung, Achtung, Glück und der Sympathie vieler Menschen. Amerika, Europa, Asien: Titelbilder erzählen die immergleiche Geschichte von meinen Haaren, meinen Augen, meiner Nase und meinem Mund. Was die Titelbilder, Titelgeschichten und Autoren nicht erzählen: Ich habe keine Zeit. Ich bin das Opfer des Menschen Heidi Klum, ich bin zu einem Produkt geworden, das stets gehegt und umworben werden will.
Über mich selbst, über mein eigenes Leben habe ich noch nicht viel herausgefunden. Ich bemerke, wie leicht es mir fällt, Erfolg zu haben und zu genießen, was um mich herum und mit mir geschieht.
Ich bin auf der Sonnenseite des Lebens, möchte auch gar nichts anderes behaupten, und manchmal fürchte ich mich davor, mir Fragen zu stellen wie: Vermisse ich etwas? Geht es mir zu gut? Was wäre, wenn ich plötzlich eine schwere Krankheit hätte? Was müsste man lesen, was einen weiterbringt? Bin ich politisch?
Es träumen immer jene, die sich nach etwas sehnen, habe ich einmal gelesen. Wonach ich mich sehnte, das habe ich bekommen: Man sagt, ich sei schön, erfolgreich und um mein Glück zu beneiden. Darf man Träume haben, wenn man so glücklich ist wie ich?
Träume zu haben bedeutet, über sich selbst nachgedacht, sich selbst erkannt zu haben. Habe ich das? Der Alltag ist der Feind des Nachdenkens, denn er ist ein Dieb von Zeit. Ich träume davon, meine Träume nicht zu verlieren.
Als Paillettennäherin habe ich im Traum nicht geglaubt, einmal sagen zu müssen, dass mir meine Träume abhanden zu gehen drohen. Ich hätte nie gedacht, dass mir die Zeit für die natürlichsten Dinge der Welt fehlen würde.
Für Freunde kochen.
Mit Freunden ausgehen.
Mir ein Kleid nähen.
Mit meiner Tochter Leni in den Zoo gehen.
Einfach gemütlich im Bett liegen bleiben, wenn ich eigentlich aufstehen müsste.
Nimm dir doch Zeit, Heidi!, höre ich die Menschen rufen. Arbeite doch weniger! Du hast es in der Hand! Bemitleide dich doch nicht selbst! Genieße deinen Erfolg und jammere nicht! Aber so einfach ist das nicht, Herrschaften! Erfolg muss man erhalten, denn er ist wie ein gefräßiges Tier, stets auf der Suche nach Nahrung. Fliegen um die Welt – obwohl ich Flugangst habe. Immer lächeln, immer schön sein, niemals fluchen, niemals blöd sein. Identifizieren, interpretieren, korrigieren, kritisieren.
In den Augen meines Publikums bin ich Ikone und Schlampe zugleich. Aus den Fenstern mancher Hotels sehe ich an den Kiosken mich selbst. Bin ich das oder meine Doppelgängerin? Wer war da beim Foto-Shooting noch vor drei Tagen in Mailand, während ich heute schon wieder in Los Angeles auf Nachrichten von meiner Agentin warte? Ist das Heidi 2?
Wer saß Modell für elegante Bustiers, während Leni im Nachbarstudio nach Milch verlangte? Bin ich das wirklich auf den Titelblättern, die ihren Freund im Arm hält, oder lag ich derweil im Bett und träumte davon, wer Heidi Klum wirklich ist? Kann ich gleichzeitig überall präsent sein, weil parallel Hunderte Redakteure mein Gesicht und meine Figur für ihre Produkte gebrauchen? Heidi2 ist das Abziehbild, die perfekte Täuschung, das Falsifikat für ein Publikum weltweit.
Während sie arbeitet, habe ich Zeit, über einen Traum zu reden, der immer wieder so beginnt: Es war einmal eine Paillettennäherin, die nicht wusste, wer sie war. Sie war sehr jung, handwerklich geschickt, hatte ein gestalterisches Talent und wollte als Modedesignerin die Welt erobern. Doch es kam alles ganz anders.
Aufgezeichnet von Marc Kayser
- Datum 25.11.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







