Meng Lin hat die Couch-Ecke gewählt, ganz hinten in der Bar des Pekinger Swiss-Hotels. Licht gibt es hier kaum, trotzdem trägt Meng Lin eine Sonnenbrille. Er raucht Kette, Marke Zhongnanhai light, gerade hat er sich zum teuren Hotelpreis zwei neue Schachteln kommen lassen. Er raucht und schweigt. Man spürt seinen Blick durch die verdunkelten Gläser. Er soll seine Geschichte erzählen, die Geschichte des ältesten Aids-Patienten Chinas. Er hat dunkelrot gefärbte Haare, trägt ein olivfarbenes T-Shirt, keine Spur der Krankheit. Entweder er steht jetzt auf, oder er wird stundenlang reden. Die Zigaretten hat er. Meng Lin entscheidet sich, sitzen zu bleiben.

Er beginnt mit dem Tag im Jahr 1995, an dem er von seiner HIV-Infektion erfuhr: Telefongespräche mit den zwei Brüdern, erst Entsetzen, dann Angst und Empörung, sie zwingen ihn, noch am gleichen Tag aus der Wohnung der Mutter auszuziehen. Die Schwägerin ist Ärztin, aus Ansteckungsangst berührt sie beim Besuch der Mutter die Türgriffe nicht. Abends stellt sich Meng erst vor ein Eisenbahngleis, dann besteigt er ein Hochhaus. Doch zum Selbstmord fehlt ihm der Mut. Die Nacht verbringt er in einem öffentlichen Bad.

Jahre vergehen. Meng hat alle, auch familiären Kontakte abgebrochen. Die Mutter weiß von nichts, er hat ihr gesagt, er sei ins Ausland gezogen. Bis zu ihrem Tod sieht sie den Sohn nicht wieder. Mengs Familie glaubt, er habe Schreckliches verbrochen. Es ist die Zeit, die Meng im Einklang mit Joel Rehnstrom, dem Aids-Koordinator der Vereinten Nationen für China, die erste Phase der chinesischen Auseinandersetzung mit Aids nennt. Während ihr galt der Virus als ausländische Krankheit, als Ausdruck des dekadenten Lebensstils im westlichen Kapitalismus.

Erst in der zweiten Phase, von 1998 bis 2003, bekämpft der Staat Aids, doch nur indem er mit Polizeikräften gegen Drogenhandel und Prostitution vorgeht. Man spricht von Vorbeugungsmaßnahmen. In der Gesellschaft bleibt das Thema tabu. "Keiner, der mich kannte, hat mir geholfen", sagt Meng. "Schon beim Anruf legten die Leute auf. Sie brauchten nur meinen Namen zu hören." Eine alte, inzwischen 62-jährige Krankenschwester aber ruft ihn jeden Tag an. "Es ist kalt. Zieh dich warm an", sagt Xu Lianzhi am Telefon. Heute ist die Frau in China eine Legende. Sie ist eine der Ersten im chinesischen Gesundheitswesen, die Aids-Kranke nicht wie Aussätzige behandelt. Wahrscheinlich verdankt ihr Meng sein Überleben. Er hält durch, arbeitet den ganzen Tag, um das Geld für Medikamente zu verdienen. 120.000 Yuan, umgerechnet 12.000 Euro, benötigt er im Jahr für seine Behandlung. Es ist das Zehnfache eines chinesischen Durchschnittseinkommens. "Alles wird in China gefälscht, nur die Aids-Cocktails nicht", ärgert sich Meng. Aber er schafft es, Jahr für Jahr. Alle anderen, die so lange infiziert sind wie er, sterben.

Dann kommt das Jahr 2003: In China bricht die Sars-Epidemie aus. Die Regierung ist gezwungen, ihre Politik zu ändern. Nur Transparenz und Offenheit können das Land vor Sars schützen. Ein Gesundheitsminister muss gehen, nach dem Abklingen von Sars wird auch Aids zur Chefsache erklärt. Am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, besucht Premierminister Wen Jiabao Aids-Kranke und reicht ihnen die Hand. Meng schaut im Fernsehen zu. An diesem Tag beginnt für ihn die dritte Phase des Kampfes gegen Aids in China: "Seither ist Aufklärung erwünscht und möglich." Die Regierung wisse nun, dass die ganze Gesellschaft mobilisiert werden müsse.

Heute ist Meng 36 und hat einen eigenen Schreibtisch im UN-Aids-Büro von Joel Rehnstrom in Peking. Er ist einer von nur drei HIV-Trägern im ganzen Land, die sich regelmäßig in die öffentliche Debatte einmischen. Noch befindet sich China im Anfangsstadium der Epidemie. Es gibt je nach Schätzung zwischen 840000 und 1,5 Millionen HIV-Träger. Bisher sind verseuchte Spritzen im Blut- und Drogengeschäft die Hauptursache der Epidemie. Nur 11 Prozent der Infizierten in China wurden durch Geschlechtsverkehr angesteckt, weltweit sind es 90 Prozent. Doch Meng und Rehnstrom sehen gemeinsam die Gefahr. "Die Sexindustrie in China explodiert gerade. Es gibt bereits sechs Millionen Sexarbeiterinnen, die sehr selten Kondome gebrauchen", sagt Rehnstrom, der China heute in der gleichen Lage sieht, die in Thailand Anfang der Neunziger herrschte. Daher die UN-Prognose, dass die Zahl der HIV-Infektionen in China schon bis 2010 auf zehn Millionen ansteigen könnte.

Meng weiß jetzt, was er in seiner begrenzten Zeit zu tun hat. Fünfmal hält er in diesem Monat Vorträge in Shanghai. In den öffentlichen Diskussionen, an denen er teilnimmt, fordern Experten, alle HIV-Infizierten auf eine Insel zu verbannen und Aids-Kranke "human zu töten". Doch Meng steht dann nicht auf, sondern bleibt sitzen. Er ahnt, dass auf seinem Engagement die Überlebenshoffnungen von Millionen in der Zukunft beruhen. Nur in Peking gibt er keine Vorträge. Deshalb überlegt er auch zu Beginn des Gespräches so lange. Weil sein neuer Freundeskreis in Peking nichts über seine Krankheit erfahren soll.