Erst traf es die Schwulen, dann die Prostituierten und Drogensüchtigen, schließlich die Schwarzen. Dazwischen lag eine kurze Schockwelle, in den achtziger Jahren, als man feststellte, dass jeder gefährdet ist. Dennoch ist Aids im Bewusstsein der Wohlstandswelt eine Krankheit geblieben, die immer die anderen trifft, die Abweichler, die Armen, die Afrikaner. Die Pandemie ist unfasslich wie die Pest, sie scheint an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit zu wüten.

Aber die Tage, in denen Aids als "schwarze Seuche" verdrängt werden konnte, sind spätestens seit der jüngsten Zwischenbilanz der Vereinten Nationen vorbei. Es stimmt, die meisten Infizierten leben in Afrika, rund 25 Millionen von weltweit 37,8 Millionen. Dennoch, jedes Land ist mittlerweile betroffen. Alle sechs Sekunden steckt sich ein Mensch mit dem Erreger an, ein Heilmittel ist nicht in Sicht. Und: Die schlimmste Phase der Pandemie stehe noch bevor, sagt Peter Piot, Chef von UNAids. Vor allem in Asien und Osteuropa breite sich das Virus "praktisch ohne Kontrolle" aus, heißt es im Bericht seiner Experten, die vor allem wegen des Tempos der Neuansteckungen alarmiert sind. Es müsse schnell gehandelt werden, mahnt Piot. Andernfalls werde Aids sich in den bevölkerungsreichsten Staaten der Welt – in China und Indien – zur Katastrophe auswachsen.

Das Virus überspringt Schutzwälle und Staatsgrenzen, es ist der globalisierte Erreger, der sich so unaufhaltsam um die Erde bewegt wie Aktienspekulationen, Satellitenbilder oder Datenströme. Es wird auch Westeuropa nicht verschonen, Epidemiologen prophezeien, dass Aids aus dem Osten zurückkehren wird, aus Lettland, Estland, Russland und der Ukraine. Die Pandemie verbindet den armen und den reichen Teil der Welt, und zugleich trennt sie die beiden Hemisphären. In den Zitadellen des Wohlstands werden die Infizierten durch bessere Therapien immer älter. In den Entwicklungsländern rafft die Immunschwäche immer mehr Menschen hin, drückt die Lebenserwartung; in Botswana etwa soll sie nur noch 32 Jahre betragen. "Die Wahrheit über Aids ist eine allgemeine Wahrheit darüber, wie die Welt heute aussieht", schreibt Henning Mankell in seinem eindringlichen Buch Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt.

Asien und Osteuropa befinden sich heute ungefähr dort, wo Afrika vor 15 Jahren stand: ganz am Anfang einer Seuche, deren Auswüchse sich niemand vorstellen kann. Im Vorjahr starben allein in den Staaten südlich der Sahara 2,2 Millionen Menschen an den Folgen von Aids – weit mehr als bei allen Kriegen und Bürgerkriegen auf dem Kontinent. Die Alterspyramide gleicht allmählich einer Sanduhr: Das Segment der wirtschaftlich Aktivsten zwischen 15 bis 49 Jahren wird immer schmaler, die Alten und Kinder bleiben übrig. In Afrika können die Politiker aus Indien, China oder Russland besichtigen, was auf sie zukommt, wenn sie nicht schleunigst gegensteuern. In Simbabwe würden sie Dörfer sehen, wo Verzweiflung und Tod wohnen, wo die Menschen hungern, weil die Felder brachliegen – zu viele Arbeitskräfte sind schwer krank oder gestorben. In Kinderheimen in Malawi können sie Aids-Waisen antreffen, 14 Millionen davon gibt es in Afrika. In Lusaka, Sambia, könnten die Delegationen aus Fernost Ministerien besuchen, in denen nur jede zweite Amtsstube besetzt ist – der Rest der Staatsbeamten lebt nicht mehr.

Das Virus hat 5,3 Millionen Südafrikaner befallen, keine zweite Nation wird so verheerend von der Pandemie heimgesucht. Sie war nach dem Untergang der Apartheid nicht darauf vorbereitet. Am Kap kann die Weltfamilie jedenfalls viel lernen: über haarsträubende Fehler und sträfliche Versäumnisse, über das Verdrängen und Leugnen und Bagatellisieren, über die Tabus und Mythen, über den Aberglauben und die abstrusesten Verschwörungstheorien, über Schuld und Schande und Scham im Schatten einer Tragödie.

Nonnen halten die Krankheit für eine Strafe Gottes

Da ist die Geschichte des jungen Mädchens aus Bergville, das zu Tode gesteinigt wird, nachdem es sich zu seiner Krankheit bekennt. Da ist der greise Sangoma, der Medizinmann, der davon überzeugt ist, dass er Aids im Bunde mit den Ahnen kurieren könne. Da sind verstörte Nonnen, die die Seuche für eine Strafe Gottes halten. Und überall in der privaten Sphäre ist dieses gespenstische Schweigen, obwohl es vermutlich keinen Staat gibt, der mehr für öffentliche Aids-Aufklärung ausgibt. "Niemand redet darüber, das werde ich nie kapieren", bekennt die amerikanische Anthropologin Susanne Leclerc-Madlala, die einen Südafrikaner geheiratet hat. Man spricht hinter vorgehaltener Hand über this thing, dieses Ding.

Zum großen Schweigen kommt die große Verwirrung. Die Gesundheitsministerin, eine Ärztin, hält antiretrovirale Medikamente, die das Leben der Infizierten erleichtern und verlängern, wegen der vielen Nebenwirkungen für gesundheitsschädigend und empfiehlt Aids-Patienten allen Ernstes Knoblauch und Olivenöl als vorbeugende Diät. Präsident Thabo Mbeki bezweifelt den kausalen Zusammenhang von HIV und Aids. Er tut sich als afrikanischer Mann schwer, über die Verbreitung des Virus durch sexuelle Kontakte zu reden, hinzu kommt die Angst vor rassistischen Vorurteilen der Weißen, die Schwarze, so Mbeki, gerne als "zügellose Sexbiester" sehen, "die ihre Triebe nicht beherrschen können".