AIDS Erreger ohne GrenzenSeite 2/2
Die Regierung musste durch ein Urteil des obersten Gerichtes zur Ausgabe von virushemmenden Medikamenten gezwungen werden. Es bleibt ein Skandal, wie langsam dieses Programm anläuft. Selbst ärmere Länder wie Lesotho sind da schon weiter. Dort ging der Premier gemeinsam mit dem katholischen Erzbischof freiwillig zum Aids-Test.
Stephen Lewis, der UN-Sonderbeauftragte für Aids in Afrika, beklagt, dass viel zu geringe Finanzmittel für den Kampf gegen Aids bereitgestellt werden (siehe Interview Seite 17). Doch mancherorts wird der Überschuss auch zum Problem. Zum Beispiel in Swasiland. Weil das kleine Königreich die höchste Infektionsrate der Welt hat – 38,8 Prozent–, werden Unsummen an Aids-Geldern hierher geleitet. So fördert man Korruption und Misswirtschaft. Es fehlt an einer klaren Strategie, an qualifiziertem Personal. Im staatlichen Hospital von Manzini behandelt zum Beispiel ein einziger Arzt jeden Tag bis zu 250 Aids-Patienten. »Wir haben nicht die Kapazitäten, um das, was wir erhalten, auszugeben«, räumt Hani Dlamini ein, der Direktor der Swaziland Aids Support Organisation.
Obwohl die Verteilung von Arzneien oft chaotisch verläuft, glauben die meisten Fachleute unerschütterlich an eine medikamentöse Lösung, eine Obsession der modernen Medizin. Sie erklärt der Seuche den Krieg und schickt ihre Aids-Bekämpfer in die Schlacht gegen die Killerviren. Vielen Menschen jedoch leuchtet der Sinn der Vorbeugung nicht ein. Westliche Hygienelehren bleiben ihnen fremd. Sie schlucken die Medikamente mit verseuchtem Wasser. Sie erbrechen die Mittel, weil sie ihr unterernährter Körper nicht verträgt. Sie nehmen sie unregelmäßig oder falsch ein, weil sie in zerrütteten Verhältnissen leben; es ist niemand da, der sie anleiten und ihre Therapietreue kontrollieren könnte. Manche Patienten verkaufen die teuren Arzneien, um ihre Not zu lindern.
»Behandlung für alle – wenn es nur so einfach wäre«, sagt Stefan Hippler, katholischer Priester in Kapstadt. »Das Verhältnis zur Sexualität, zum Tod, zu den Traditionen muss sich ändern. Die afrikanischen Männer müssen sich ändern. Wir brauchen eine mentale Revolution.« Davon sind manche Samariter aus dem Norden noch weiter entfernt als die Empfänger ihrer Wohltaten. Der Aids-Nothilfeplan von US-Präsident George Bush setzt zum Beispiel auf Pillen, Treue und sexuelle Abstinenz. Kritiker sprechen von einem verdeckten Exportförderungsprogramm für die amerikanische Pharmaindustrie, kombiniert mit einem Kreuzzug christlicher Fundamentalisten. Was wohl Millionen von afrikanischen Ehefrauen, die treu sind und von ihren Männern infiziert wurden, von derart weltfremden Missionen halten?
Einem Land wie Indien, das mit seinen 5,1 Millionen Infizierten Südafrika bald überholen wird, bleibt nicht mehr viel Zeit. Die Verantwortlichen aus Neu Delhi sollten sich die Anleitungen hierzu in Uganda holen. Das Gebiet um Masaka am Victoriasee ist gleichsam Ground Zero der weltweiten Epidemie, hier griff die rätselhafte »Magerkrankheit« bereits in den frühen 1980er Jahren epidemisch um sich. 1992 waren 30 Prozent der Bürger angesteckt, heute sind es laut UNAids-Bericht nur noch 4,1 Prozent.
Man mag diesen Zwischenstand anzweifeln, in Afrika sind Zahlen und Daten oft ungenau, außerdem drücken die vielen Todesfälle die Statistik. Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass in Uganda die Pandemie ausgebremst wurde. Dass dies einem armen afrikanischen Land gelang, halten viele Experten für ein Wunder. Aber das »Wunder« hat ganz rationale Ursachen. Die Regierung in Kampala hat bereits 1987, als die meisten Politiker in Afrika noch über die »Aids-Lüge« schwafelten, einen nationalen Anti-Aids-Plan entworfen, der alle Teile der Gesellschaft zur Mitarbeit verpflichtete, die Schulen, die Gemeinden, die Wirtschaft, das Militär. Der Feldzug gegen die Seuche steht seither ganz oben auf politischen Agenda, er wurde zu einer »Querschnittaufgabe«, die in der Entwicklungsdiktatur Uganda leichter zu erfüllen war. Präsident Yoweri Museveni gab die Marschrichtung vor, und alle zogen mit, Minister, Generale, Lokalpolitiker, Lehrer, Wissenschaftler, Ärzte, traditionelle Heiler. Selbst die Kirchen schlugen einen für ihre Verhältnisse liberalen Kurs ein.
Dann gab es da noch Taso, The Aids Support Organisation, deren unermüdliche Mitarbeiter bis in die hintersten Dörfer zogen und einen Aufklärungsstand erreichten, der in Afrika seinesgleichen sucht. UNAids schätzt, dass 95 Prozent der Ugander wissen, was HIV ist und wie sie sich vor Ansteckung schützen können. Taso darf inzwischen die effizienteste Aids-Organisation der Welt genannt werden. Ihr Erfolgsgeheimnis verrät eine Gemeindeschwester: »Wer nahe am Feuer sitzt, weiß, wie heiß es ist.«
- Datum 25.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49
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