Aids Ein anpassungsfähiges Virus, schwer zu bekämpfen

Noch immer gibt es keine Therapie, mit der Aids besiegt werden kann. Hoffnungen richten sich auf einen Impfstoff, der seit Anfang des Jahres in Deutschland getestet wird

Aids ist nicht heilbar, aber man kann die Symptome hinauszögern. Nach einer Infektion mit dem HI-Virus dauert es bei ansonsten gesunden Menschen durchschnittlich zehn Jahre, bis die ersten Anzeichen einer Aids-Erkrankung auftreten. Der Aids-Erreger wurde zwar bereits 1983 isoliert. Dass es noch immer keine Therapie gibt, mit der die Krankheit besiegt werden kann, liegt an der enormen Vielseitigkeit des Erregers. »Das Virus ist so schwer zu bekämpfen, weil es so anpassungsfähig ist«, sagt Professor Frank Hufert von der Universität Freiburg, Experte für neue Infektionskrankheiten.

Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Es entert menschliche Zellen, stört deren normalen Ablauf und bringt sie dann vollends unter seine Kontrolle. Zuerst wird in der Zelle das Erbgut des Virus mit Hilfe des Enzyms Reverse Transkriptase in DNA umgewandelt. So gelingt es den Viren, ihr Erbgut in das der Wirtszelle einzuschleusen. Diese verhält sich fortan nach dem Plan der Eindringlinge und bildet keine neuen Körperzellen – sondern neue HI-Viren. Die menschliche Wirtszelle verliert ihre ursprüngliche Funktion und dient nur noch als Produktionsstätte für Aids-Viren.

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Sie legen die menschliche Abwehr lahm. Denn sie befallen bevorzugt die Zellen, die auf ihre Bekämpfung spezialisiert sind. So vermehrt sich HIV in aktivierten T4-Zellen, wichtigen Kämpfern der Immunabwehr. »Das ist so, als ob ein Brandstifter erst das Feuerwehrgebäude ansteckt, bevor er in der übrigen Stadt Feuer legt«, erklärt Hufert.

Aids-Kranke werden seit Ende der achtziger Jahre systematisch behandelt. Zidovudin (unter den Namen AZT oder Retrovir bekannt) war das erste spezifische Aids-Medikament. Es gehört zu den Reverse-Transkriptase-Inhibitoren. Diese Arzneien hemmen die Verwandlung des Virenerbguts in menschlichen Zellen. Die Therapie wirkt zwar, doch leider oft nur für kurze Zeit. Denn die Viren sind so anpassungsfähig, dass sie sich auch einen anderen Weg suchen können, um die Kontrolle über die Wirtszelle zu übernehmen. Zudem haben sich häufig Resistenzen gegen AZT entwickelt, sodass man dazu überging, zwei Medikamente zu kombinieren – leider auch das nur mit begrenztem Erfolg.

Neuere Mittel verhindern, dass Aids-Viren, die in den Körper eingedrungen sind und sich dort vermehren, aus den Zellen geschleust werden. Denn wenn die innere Virusverpackung durch Proteasehemmer blockiert wird, können keine »reifen« Viren entstehen. Mit dieser Behandlung sowie der Gabe von zwei Hemmstoffen der Reversen Transkriptase als Dreierkombination wird das Überleben der Infizierten um durchschnittlich acht Jahre verlängert. Deshalb ist es heute keine Seltenheit mehr, dass Infizierte 20 Jahre nach der Ansteckung noch leben.

Eine weitere medikamentöse Strategie zielt darauf, zu verhindern, dass Aids-Erreger in eine Zelle eindringen. Noch ist unklar, wie weit sich damit der Beginn der Symptome hinauszögern lässt. Der neueste Ansatz: Zu Beginn dieses Jahres wurde erstmalig damit begonnen, einen Impfstoff gegen HIV in Deutschland zu testen. Er soll eine vor der Infektion schützende Abwehrreaktion hervorrufen. Noch ist es allerdings zu früh, um den Erfolg dieser Immunisierungsversuche zu beurteilen. Hoffnung gibt auch ein sehr preiswerter Behandlungsansatz: In einer neuen Untersuchung senkte das Antibiotikum Cotrimoxazol die Sterblichkeit von HIV-infizierten Kindern in Sambia.

Bisher haben es die HI-Viren trotz aller medikamentösen Hindernisse geschafft, sich in den Zellen zu vermehren. »Von der Ausstattung her ist das HI-Virus der Rolls-Royce unter den Viren«, sagt Frank Hufert. Dazu gehört auch eine gewisse Schlampigkeit der Erreger, die ihnen aber zum Vorteil gereicht. Bei ihrer Vermehrung kommt es nämlich zu vielen Ablesefehlern im Erbgut. Dadurch entstehen neue Viren-Varianten, gegen die manchmal keines der bisher verfügbaren Medikamente hilft.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49
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  • Schlagworte Aids | Sambia | Rolls Royce | HIV | Virus | Erbgut
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