Zum Welt-Aids-Tag stecken sie sich wieder die roten Schleifchen an, sie halten Reden und bekunden Solidarität mit den Opfern. Es hat inzwischen etwas Ritualhaftes, wenn in Deutschland die Gefahren von Aids beschworen werden. Ist die Seuche hierzulande überhaupt noch Grund zur Sorge? Den 43.000 Infizierten in Deutschland stehen 38 Millionen weltweit gegenüber; die Ansteckungsraten liegen dank frühzeitiger und intensiver Prävention um die Hälfte unter dem europäischen Durchschnitt. Und wer sich trotzdem angesteckt hat, wird mit teuren, so genannten antiretroviralen Medikamenten behandelt, die den Ausbruch der Krankheit hinauszögern. Diese Betroffenen gehören damit zu jenen privilegierten fünf Prozent der weltweit Infizierten, die überhaupt Zugang zu Medikamenten haben.

Aids hat seinen Schrecken verloren – und das macht die Seuche, 20 Jahre nach ihrem Ausbruch, wieder gefährlich. 829 Neuinfektionen mit HIV sind im ersten Halbjahr 2004 in Deutschland registriert worden – eine "deutliche" Steigerung im Vergleich zum ersten Halbjahr 2003, wie das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem jüngsten epidemiologischen Bulletin schreibt. Vor allem die schwulen Männer, mit rund 50 Prozent nach wie vor die größte Gruppe der Infizierten, lassen die Zahlen ansteigen. Nach einer langen Phase der Enthaltsamkeit aufgrund des Aids-Schocks der achtziger Jahre haben Schwule seit einiger Zeit wieder mehr Sex – und immer öfter vergnügen sie sich ohne Schutz.

Betroffene meinen, Aids sei eine chronische, behandelbare Krankheit

Mit 1.413 Neuinfektionen hatte die Immunschwäche-Krankheit im Jahr 2001 ihren bisherigen Tiefststand erreicht, seither steigt die Zahl der frisch Infizierten wieder: auf 1.631 im Jahr 2002 und 1.839 im vergangenen Jahr. Verantwortlich dafür ist neben den Schwulen die wachsende Gruppe der Zuwanderer aus so genannten Hochrisikoländern in Osteuropa und Afrika. Viele von ihnen sind drogenabhängig oder Prostituierte oder beides – und damit vor allem für Heterosexuelle ein Infektionsrisiko. Besonders stark sind die Steigerungsraten der Ansteckung bei den 20- bis 25-Jährigen.

Alarmierend ist, dass quer durch die Bevölkerung, nicht nur unter Schwulen, immer öfter auf Safer Sex verzichtet wird. Einer Langzeitstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln zufolge benutzten von den Befragten mit mehreren Sexualpartnern im vergangenen Jahr nur noch 78 Prozent Kondome, im Jahr 2001 waren es noch 83 Prozent. Der Kondomabsatz spiegelt den Trend wider: Von 2000 bis 2003 ging die Zahl der verkauften Kondome in der Bundesrepublik von 207 Millionen auf 189 Millionen Stück zurück. Zwar wissen 99 Prozent der Bevölkerung, dass ungeschützte Kontakte riskant sind – aber die Folgen werden verharmlost.

Nur noch 30 Prozent sehen, so die Bundeszentrale, in Aids eine der gefährlichsten Krankheiten, 1987 waren es mehr als doppelt so viele. Ein wesentlicher Grund dafür ist sicher, dass die Jugendlichen von heute – heterosexuelle wie schwule – den Aids-Schock der achtziger Jahre nicht miterlebt haben. Sie kennen nicht mehr die ausgemergelten, dahinsiechenden Sterbenden aus den frühen Jahren der Epidemie. Viele von ihnen hielten Aids sogar für eine Krankheit der Älteren, die Jugendliche gar nicht bekommen können, sagt Joachim Braun, Sexualberater bei pro familia in Berlin. Andere Ängste trieben die Jugendlichen mehr um als die Angst vor Aids. Die Perspektivlosigkeit, was die eigene Zukunft angeht, oder den Zerfall gesellschaftlicher Werte – Probleme, bei denen sie auch ihre Eltern oft hilflos erleben. Dazu kommen die pubertätsbedingten Verunsicherungen: Wenn es um den ersten Sex geht, haben Jungen "Angst, keinen hochzukriegen oder den Mädchen nicht zu gefallen" so Braun. "Und die Mädchen interessiert vor allem, wie sie eine Schwangerschaft vermeiden. Aids ist da sehr nachrangig."

Bei Schwulen ist oftmals schwindendes Verantwortungsbewusstsein der Grund, warum sie leichtsinnig werden. Nach fast 20 Jahren Leben mit Aids sind sie es leid, immer nur Safer Sex zu praktizieren. "Die Widerstände gegen das Kondom waren immer da, und sie brechen jetzt wieder durch", sagt der Frankfurter Sexualwissenschaftler Martin Dannecker. "Die Angst vor dem Tod stellt sich nicht mehr ein" – was auch eine Folge des medizinischen Fortschritts ist: Die Kombinationstherapie, die es seit 1996 gibt und den Ausbruch der Krankheit hinauszögert, hat aus Aids in den Augen vieler Betroffener eine Art chronische, aber behandelbare Krankheit gemacht.

Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergab: Je mehr die Menschen über die HIV-Therapie wissen, desto eher sind sie bereit, auf Safer Sex zu verzichten – ein verhängnisvoller Schluss, warnt der Arzt Holger J. Gellermann, der in Hamburg eine HIV-Schwerpunkt-Praxis führt: "HIV ist auch mit Behandlung keine einfache chronische Krankheit. Bei Diabetes zum Beispiel bleiben Sie mit Medikamenten gesund, bei HIV können Sie trotzdem krank werden." Nach wie vor sterben jedes Jahr 600 bis 700 Menschen in Deutschland an Aids. Gellermann: "Wir sehen wieder häufiger Aids-typische Infektionen, weil die Patienten zu spät zum Arzt gehen. Bei einigen versagen die Medikamente. Beängstigend ist, dass jetzt häufiger Viren übertragen werden, die gegen Medikamente resistent sind." Außerdem nehme die Zahl derer zu, die nicht direkt an HIV sterben, sondern an Nebenwirkungen der Medikamente wie zum Beispiel Leberversagen.