Ayaan Hirsi Ali, die Frau, die mit Theo van Gogh jenen islamkritischen Film („Submission 1“) gemacht hat, den van Goghs Mörder als einen der Gründe für die Tat vom 2. November nennt, bleibt weiter verschwunden. Oder soll man sagen: unter Verschluss?

Aber wenigstens hat sie sich soeben aus dem Untergrund mit einem Interview zu Wort gemeldet: Sie fühle sich sicher, sagt sie, sie werde auch nicht gegen ihren Willen festgehalten, „alles ist relativ“, in diesem Sinne lebe sie „in relativer Freiheit“ und habe so immerhin Zeit zum Nachdenken. „Ich habe Bücher, ich kann schreiben“.

Isoliert und abgeschnitten ist Ayaan Hirsi Ali also nicht. Das ist für ihre Freunde beruhigend. Einige hatten, nachdem Ayaan mehr als zwei Wochen lang spurlos verschwunden war und niemand mit ihr Kontakt gehabt hatte, nach ihrem Verbleib gefragt. In einem offenen Brief deuteten sie den Verdacht an, die Regierung halte die 35jährige somalisch-holländische Feministin womöglich unter Verschluss, zweifellos zunächst zu ihrem eigenen Schutz, aber auch, um sie an weiteren Äußerungen zu hindern – in der Hoffnung, dass die Wogen sich nach dem Mord an Theo van Gogh glätten würden, wenn sie nur lange genug schweigt. Die politische Führung musste sich bereits öffentlich dazu äußern und das als finstere Vermutung zurück weisen. Und offenbar deshalb hatte man schließlich doch einen Termin zwischen Hirsi Ali und einem Vertreter der angesehenen Tageszeitung NRC Handelsblad aus Rotterdam arrangiert. Irgendwo.

Wo genau, musste geheim bleiben. Al-Qaida liest mit und es gibt genug Wirrköpfe, die auf ihre große Stunde der Bestrafung der „Gotteslästerin“ warten, am liebsten um den Preis der Selbstopferung. Aus der Bemerkung der Zeitung, dass sie in ihrem Bericht über die Begegnung mit Hirsi Ali nicht einmal Angaben über die „Zeitzone“ machen dürfe, in der ihr Reporter die rechtsliberale Abgeordnete der niederländischen Regierungspartei VVD treffen konnte, schließen viele auf einen Aufenthaltsort in den Vereinigten Staaten. Diese Vermutung liegt nahe. Dort ist man nicht so leicht aufzuspüren, außerdem war Hirsi Ali schon einmal, vor ziemlich genau zwei Jahren, zur eigenen Sicherheit im nordamerikanischen Westen untergetaucht.

Damals noch aktiv in der sozialdemokratischen PvdA und als Sozialwissenschaftlerin bei einem parteinahen Think-tank beschäftigt, hatte Hirsi Ali mit kritischen Texten und Interviews über die Unterdrückung der Frauen im Islam im allgemeinen und im moslemischen Milieu der Niederlande im besonderen Aufsehen erregt. Die Stimmung in den Niederlanden war ohnehin schon etwas angespannt, der im Mai 2002 ermordete Populist Pim Fortuyn hatte mit seiner scharfen Kritik an der Illiberalität vieler Prediger in den Moscheen tiefe Spuren hinterlassen. Da wirkte die Kritik der jungen Einwanderin – verschärft durch ihre Vorwürfe an die „multikulturelle Naivität“ der Holländer – wie ein Sprengsatz. Ihre sozialdemokratischen Arbeitgeber deckten sie zwar, sie sorgten auch für ihre „Flucht“ nach Amerika, nachdem die ersten Morddrohungen gekommen waren, sie schirmten sie auch ab gegen Kritik aus der eigenen Partei. Aber sie konnten nicht verhindern, dass ihre Genossin Ayaan im Exil vom konservativ-liberalen VVD abgeworben wurde. Dort wurde die Exmuslima mit den radikal-kritischen Positionen herzlich aufgenommen. Anfang 2003, nach dem Bruch der Rechtskoalition mit der nach wenigen Monaten hoffnungslos zersplitterten populistischen Fortuyn-Partei, fanden schon wieder Wahlen statt, die frisch aus Amerika zurück geholte Hirsi Ali zog für den VVD in die Tweede Kamer ein.

Im Parlament traf sie auf Leute wie den rechtsliberalen Fortuyn-Verehrer Geert Wilders, auch er ein leidenschaftlicher Kritiker des Islam und der moslemischen Zuwanderung sowie ein Gegner jeder Form von türkischer Mitgliedschaft in der EU. In diesem Jahr nun hat er die VVD-Fraktion im Streit verlassen, er bereitet die Gründung einer eigenen antiislamischen Partei vor und braucht eine ähnlich starke Polizeischutztruppe wie Hirsi Ali. Nach van Goghs Ermordung war auch Wilders untergetaucht, hatte jede Nacht an anderem Ort geschlafen und sich kaum auf die Straße gewagt. Umfragen zufolge könnte seine noch zu gründende Partei inzwischen auf 24 der insgesamt 150 Parlamentsmandate kommen (etwa soviel wie zur Zeit der VVD). Nicht verwunderlich in einem Land, dessen „deMol-isiertes“ Fernsehpublikum Fortuyn soeben zum größten Holländer aller Zeiten gewählt hat.