schule Wieviele Kalorien…
…braucht ein Lehrer? Fragen wie diese müssen 15-Jährige im Pisa-Test beantworten. Kann man so das Bildungsniveau unserer Schüler messen?
Der Schock, den die erste Pisa-Studie hierzulande auslöste, ist Legende. In die Vorweihnachtszeit 2001 platzte die Nachricht: Deutschlands 15-Jährige erreichen im internationalen Leistungsvergleich nicht einmal Mittelmaß – und in keinem anderen Land ist der Schulerfolg so stark an die soziale Herkunft gekoppelt wie bei uns. Auch dieser Tage, bei der zweiten Untersuchungsrunde, erregt Pisa die Gemüter.
Doch ist die Aufregung eigentlich gerechtfertigt? Misst die Studie wirklich zuverlässig das Können der Schüler? Und was sagt sie über den Zustand unserer Schulen aus?
Bei der Antwort darauf hilft die Eingangsfrage aus der Überschrift. Sie ist durchaus typisch für die Pisa-Studie. Allerdings kommt sie nicht als stumpfe Wissensfrage daher. Vielmehr liegen den Schülern zwei Tabellen über den Energieverbrauch von Angehörigen verschiedener Berufsgruppen vor. In der einen ist der Energiebedarf nach Alter, Geschlecht und »Grad der Aktivität« aufgeführt. Aus der anderen ist ersichtlich, welcher Berufsgruppe welcher Grad der Aktivität zugeordnet ist. Lehrern zum Beispiel der Grad »mittel«, Bauarbeitern »schwer«. Aufgabe der Schüler ist es nun, mit Hilfe der beiden Tabellen die Frage zu beantworten, welchen Energiebedarf ein 45-jähriger Lehrer hat (Pisa-Lösung übrigens: 12120 Kilojoule, das entspricht 2895 Kilokalorien).
Dutzende derartiger Fragen aus drei Gebieten mussten die Schüler beantworten: Lesekompetenz (Prosatexte, aber auch Fahrpläne verstehen), Mathematik und Naturwissenschaften. Zusätzlich wurde in der aktuellen Pisa-Runde die so genannte Problemlösekompetenz geprüft. Sie erfordert den Blick über die Fächergrenzen hinweg sowie eine Portion Alltagswissen. Die Frage zum Energieverbrauch stammt zum Beispiel aus diesem Gebiet.
Die Pisa-Studie fragt weder Faktenwissen ab, noch unternimmt sie den Versuch, die humanistische Bildung zu testen. Sie gibt also keine Auskunft darüber, inwieweit jemand mit den Klassikern der deutschen oder der Weltliteratur vertraut ist. Die Forscher haben sich für eine dritte Variante entschieden, die der angelsächsischen Tradition entstammt und als internationaler Standard gilt: Sie prüfen, inwieweit die Schüler am Ende der Pflichtschulzeit über Fähigkeiten verfügen, ohne die sie später im beruflichen und gesellschaftlichen Leben keine Chancen haben.
Wer etwa im Lesetest von Pisa schlecht abschneidet, der kann keine Bewerbung schreiben, der hat Probleme, eine Lehrstelle und später einen Arbeitsplatz zu finden. Wer sehr gute Testergebnisse erzielt, der kann komplexe Probleme lösen und verfügt über eine gute Ausgangsposition, um später zum Beispiel einen anpruchsvollen Beruf zu ergreifen.
Dass die Pisa-Studie im Großen und Ganzen das Können unserer Schüler und damit die Leistungsfähigkeit unseres Schulsystems recht gut darstellt, zeigt sich auch daran, dass es keinen Wissenschaftler von Rang gibt, der die Aussagen oder die Methodik der Untersuchung ernsthaft infrage stellt.
Zufrieden ist mit dieser Art der Leistungsmessung auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die die internationale Pisa-Studie organisiert. Die Denkfabrik der Industrieländer hat vor allem die Wirtschaftskraft ihrer Mitgliedsländer im Blick.
Doch wird der Test den deutschen Schülern gerecht, die im Unterricht nur selten mit Fragen im Stil der Pisa-Aufgaben konfrontiert werden? Sind sie gegenüber ihren englischen oder amerikanischen Altersgenossen benachteiligt, die sich an vertrauten Gegenständen beweisen können? Die deutschen Pisa-Forscher sind diesen Fragen nachgegangen und haben Lehrplanexperten um ihr Urteil gebeten. Das Ergebnis: Obwohl sich die Pisa-Aufgaben nicht an den deutschen Lehrplänen orientieren, fordern sie die gleichen Kenntnisse ab, die deutsche Schüler laut Lehrplan parat haben müssen. Nach Meinung der Experten müsste ihr Wissen sogar darüber hinausgehen.
Besondere Aussagekraft gewinnt die Pisa-Studie dadurch, dass sie weit mehr beinhaltet als die in der Öffentlichkeit so beliebten Ranglisten. Eine gute Platzierung allein ist noch kein Ausweis für ein vorbildliches Schulsystem. Länder mit großen fremdsprachigen Einwanderergruppen wie Deutschland oder Schweden haben beispielsweise mehr zu schultern als Länder mit einer homogenen Schülerschaft wie Finnland. Deshalb lohnt sich für uns der Blick nach Schweden, wo die türkischstämmigen Einwandererkinder wesentlich bessere Leistungen erreichen als unsere.
Auch die Teiluntersuchungen zu den Kindern aus Einwandererfamilien sind für Deutschland aufschlussreich. So findet sich etwa im ersten Pisa-Bericht die Erkenntnis, dass Einwandererkinder in unserem Schulsystem dann keine Nachteile mehr zu erwarten haben, wenn sie die deutsche Sprache beherrschen.
Auch zur Rolle der Lehrer und des Elternhauses und zum Einfluss des Medienkonsums auf die Schulleistungen weiß die Pisa-Studie viel zu berichten. Damit liefert sie einige Hinweise dafür, an welchen Schrauben gedreht werden muss, damit Schulen besser werden – das eigentliche Ziel derart aufwändiger Untersuchungen.
Dennoch hat die Aussagekraft von Pisa Grenzen. Die heutzutage wichtigen Fremdsprachenkenntnisse etwa wurden nicht überprüft. Diese Lücke soll zumindest für Deutschland eine eigene Studie schließen, die im kommenden Jahr veröffentlicht wird.
Kaum zur Kenntnis genommen wurde in der Öffentlichkeit eine andere Beschränkung, der Pisa unterliegt: Sie zieht im Wesentlichen eine Bilanz der Schulleistungen. Zu den Ursachen guter oder schlechter Ergebnisse lassen sich zwar hier und da Hinweise herauslesen, aber nur wenig gesicherte Erkenntnisse. So kann man sehen, dass in Ländern mit weniger rigoros getrennten Schularten der Zusammenhang zwischen Herkunft und Schulleistungen nicht so strikt ist wie bei uns. Aber Pisa liefert keine zwingenden Argumente für die Einführung von Gesamtschulen. Diese Unklarheit bringt besonders Bildungspolitiker in ein Dilemma, von denen die Bürger schnelles Handeln erwarten. So speisen sich viele Reformideen der Kultusminister aus älteren Untersuchungen oder begründeten Vermutungen.
Um mehr über die Ursachen guter und schlechter Schülerleistungen zu erfahren, müssen wir mehr darüber wissen, was hinter den geschlossenen Klassentüren geschieht. Über den Unterricht, den wesentlichen Ort der Kompetenzvermittlung, weiß die Wissenschaft nur wenig. Leistungstests wie Pisa müssen deshalb ergänzt werden durch Studien zur Erforschung des Unterrichts. Die Schwächen des deutschen Mathematikunterrichts, seine Lebensferne und seine Kleinschrittigkeit, wurden zum Beispiel mit Videostudien in den neunziger Jahren aufgedeckt. Diese Studien brachten auch die Erkenntnis, dass der japanische Unterricht entgegen allen Vorurteilen lebendiger und diskursiver ist als der deutsche.
Und noch eine Lücke muss geschlossen werden: Bislang gibt es nur wenige gute Beispiele dafür, wie die Erkenntnisse aus empirischen Schulstudien für eine Verbesserung des Unterrichts oder des Schulalltags genutzt werden. Denn letztlich rechtfertigt nur ein Ziel die neuen Leistungsstudien: dass die Schulen tatsächlich besser werden.
- Datum 02.12.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 02.12.2004 Nr.50
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






