schule Wandel ohne Vision
Jedes Bundesland hat anders auf den Pisa-Schock 2001 reagiert. In Bremen wird die Nachhilfe gefördert. Bayern investiert in kleinere Klassen. Alle Länder wollen mehr Kontrolle. Doch die Ungerechtigkeit des Schulsystems bleibt
Diesmal wollte er nichts dem Zufall überlassen. Ulrich Schatka ist persönlich von Klasse zu Klasse gezogen und hat den Schülern vor dem Test eingeschärft: Es geht um die Zukunft. Es geht um den Ruf Bremens. Strengt euch an. Bei der ersten Pisa-Runde im Jahr 2000 haben weder Schüler noch Lehrer den Test richtig ernst genommen, erinnert sich der Direktor des Bremer Schulzentrums Rockwinkel. Bei der neuen Untersuchung sollte das nicht wieder vorkommen. Dazu ist die Sache zu wichtig.
Die neue Anstrengungsbereitschaft in Bremen wie anderswo scheint Früchte getragen zu haben. Ganz kleine zumindest. Stimmen die Vorabmeldungen, dann haben die deutschen Schüler ihre Ergebnisse beim Pisa-Test leicht verbessert – und sind doch noch weit von der internationalen Spitze entfernt. Befinden sich unsere Schulen auf dem rechten Weg der Erneuerung? Oder zeigen die neuen Pisa-Resultate, wie halbherzig, sparsam und unausgegoren die Politik auf die Bildungskatastrophe reagiert hat?
Noch bevor die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die ersten Zahlen veröffentlicht hat, entbrennt der Streit um die Schulpolitik erneut. Vom Kindergarten bis zum Abitur sind wir dabei, alles zu erneuern, sagen die Kultusminister. Das sei nur purer Aktionismus, um sich vor den wirklichen Reformen zu drücken, schimpfen Kritiker wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). So müsse die sozial ungerechte frühe Trennung der Schüler ein Ende haben. Recht haben beide – zumindest aus ihrer Sicht. Jedes Kultusministerium kann eine lange Liste mit laufenden Reformen präsentieren. Die Schulen verändert haben bislang nur wenige. Das zeigen auch die Beispiele Bayern und Bremen, Spitzenreiter und Verlierer im deutschen Pisa-Vergleich.
Auf der Suche nach der Formel des Schattens des Baumes
Der Mathematikunterricht im Bremer Schulzentrum Rockwinkel ist so ein Fall von Veränderung. Wie misst man mit einem Maßband die Höhe eines Baumes, der einen Schatten wirft?, heißt die Frage des Tages. 26 Neuntklässler sitzen in kleinen Gruppen über Karteikärtchen gebeugt und diskutieren die Aufgabe. Während einige schon nach wenigen Minuten mit Rechenformeln hantieren, versuchen andere (»Was ist eigentlich ein Maßband?«) noch, das Problem zu verstehen. Am Ende der Stunde können fast alle die Lösung präsentieren – auch deshalb, weil die Schüler je nach Leistungsstärke unterschiedliche Hilfen auf den Karteikarten bekommen haben. In einer der nächsten Stunden werden die Schüler auf dem Schulhof mit Zollstock und Peilstab rechnen.
Haben deutsche Schüler – wie Vorabmeldungen zur Studie sagen – in Mathematik tatsächlich besser abgeschnitten, dann liegt es an einem Unterricht wie diesem. Realitätsbezogene Aufgaben statt schematischen Rechnens, individuelles Lernen statt Formelpauken im Gleichschritt: Für einen solchen reformierten Mathematikunterricht steht die Abkürzung Sinus (Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts). Mit einigen hundert Lehrern ist das bundesweite Fortbildungsprogramm gestartet, nach dem Pisa-Schock verzehnfachte sich die Zahl. Sinus zeigt, wie man Unterricht erfolgreich verändert und wie lange dies dauert. Seit sechs Jahren läuft das Projekt. Doch längst hat Sinus nicht die Mehrheit der Klassenzimmer erreicht.
Die Mathepädagogen des Schulzentrums Rockwinkel sind seit zwei Jahren dabei. »Die Bereitschaft der Lehrer, sich fortzubilden, ist gestiegen«, sagt Ulrich Schatka. Er hat auf einem Zettel aufgelistet, was Pisa an seiner Schule in Bewegung setzte. Auf 16 Reformen und Reförmchen – von »Neue Unterrichtsmethoden« bis »Verstärkte Zusammenarbeit der Lehrer« – ist er gekommen. Neuerdings schreiben die Rockwinkel-Schüler Jahresabschlussarbeiten, die in jedem Fach den wichtigsten Lernstoff abfragen. Einige Lehrer leisten freiwillig Hausaufgabenhilfe am Nachmittag. Vom Sitzenbleiben bedrohte Schüler erhalten Extraunterricht. 24 Millionen Euro pro Jahr investiert Bremen zusätzlich in die Bildung. Eine beachtliche Summe für den armen Stadtstaat.
Auch Bayern gab sich mit dem für deutsche Verhältnisse guten Ergebnis nicht zufrieden. »Wir wollen im internationalen Vergleich diejenigen erreichen, die fünf Meter vor uns schwimmen«, verkündete Kultusministerin Monika Hohlmeier. Lehrer müssen sich pro Jahr nun mindestens drei Tage lang fortbilden. Die Schulen erhalten zusätzliche Stunden, um Klassen zu teilen und in Kleingruppen schwache Schüler zu fördern. Ausgewählte Schulen erproben die Selbstständigkeit. Sie dürfen über ihre Anschaffungen autonom entscheiden oder üben jenseits des 45-Minuten-Takts neue Unterrichtsformen wie Vorlesungen oder Freiarbeit.
Für alle Bundesländer gilt jedoch: Viele der angekündigten Reformen stehen erst ganz am Anfang und haben – außer eine Menge Unruhe – bislang wenig bewirkt. »Die Papierlage ist sehr gut«, kommentiert ein Bremer Bildungsbeamter ironisch den Widerspruch zwischen den Ankündigungen der Ministerien und der Realität in den Schulen.
–Beispiel Autonomie. Folgt man der Rhetorik der Politiker, sind Deutschlands Schulen dabei, das Joch der Kultusbürokratie abzustreifen. Für die große Mehrheit ist das Gegenteil der Fall. »Noch immer werden Schulen wie Verwaltungsbehörden geführt«, sagt Ulrich Kober von der Bertelsmann Stiftung. Die Stiftung betreut in Nordrhein-Westfalen das Projekt »Selbstständige Schule«, den Trendsetter auf diesem Feld. Doch selbst dort genießen bislang nur fünf Prozent der Schulen die neue Unabhängigkeit.
–Beispiel Lehrerausbildung. Näher an die Praxis sei die Ausbildung der Pädagogen gerückt, heißt es etwa aus dem bayerischen Kultusministerium. Doch bis auf einige Tage in der Schule kommt das Thema Unterricht in den ersten Studienjahren noch immer nur am Rande vor. An den meisten Universitäten sei die Lehrerausbildung die gleiche geblieben, meint der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers, der verschiedene Kultusministerien bei der Reform der Lehrerausbildung berät.
–Beispiel Frühförderung. Alle Bundesländer testen die Sprachkenntnisse der Vorschulkinder und verschreiben, wenn nötig, Deutschkurse. Doch in anderthalb Stunden Förderunterricht in der Woche wie in Bremen oder 40 Stunden für jedes Kind insgesamt in Bayern lassen sich schwere Deutschdefizite von Migrantenkindern nicht ausgleichen. Für mehr Stunden fehlen Geld und Personal.
Geldnot, die Überforderung der Schulen, das Beharrungsvermögen der Bürokratie: Es gibt viele Gründe, warum sich die Reformen noch immer in Projekten, Modellen und Versuchen erschöpfen. »Bis sich der Unterricht tatsächlich merklich ändert, vergehen noch Jahre«, prophezeit Bildungsforscher Olaf Köller.
Köller ist Leiter des neuen Berliner Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen und damit so etwas wie der künftige Oberwächter der deutschen Schulen. Sein Institut ist eines der Vorzeigeprojekte, auf das die Kultusministerkonferenz (KMK) verweist, wenn Kritiker ihr Untätigkeit vorwerfen. Das andere sind die neuen Bildungsstandards. Sie legen fest, was deutsche Schüler können und wissen müssen. Olaf Köller und seine Kollegen sollen die Tests und Aufgaben entwickeln, um die Standards in die Realität zu übersetzen.
Auch das hat Deutschland seit Pisa gelernt: Es bringt wenig, die Schulen mit Regeln zu überschütten, ohne zu kontrollieren, ob diese auch umgesetzt werden. Die deutschen Schulen seien extrem gegängelt und zugleich fast völlig frei gewesen, sagt Bildungsforscher Oelkers. Schulleiter Schatka formuliert es drastischer: »Eigentlich konnte in Bremen jeder machen, was er wollte.«
Damit ist es vorbei. Jetzt wird gemessen, kontrolliert und verglichen. Output-Orientierung nennt sich das. Will man im deutschen Reformknäuel einen roten Faden finden, hier könnte man ihn suchen. Bayern schickt Inspektoren in die Schulen, die Unterricht, Ausstattung sowie Reformanstrengungen unter die Lupe nehmen. Niedersachsen will es ähnlich halten, Schleswig-Holstein baut einen Schul-TÜV auf.
Wie in anderen Bundesländern müssen sich auch die Schüler in Bayern nun Vergleichsarbeiten stellen, nicht nur für das Abitur, sondern ebenso in den zweiten und dritten sowie sechsten, achten und zehnten Klassen. Sie sollen den Lehrern helfen, den Wissensstand ihrer Schulklasse besser einzuschätzen und Förderbedarf rechtzeitig zu erkennen. Gleichzeitig legen sie das Lernniveau an der jeweiligen Schule offen und enthüllen erstmals auch das Leistungsgefälle innerhalb eines Lehrerkollegiums. An der Bremer Rockwinkel-Schule zeigte sich, dass Lehrer, die für ihren guten Unterricht bekannt waren, mit ihren Klassen tatsächlich bessere Ergebnisse erzielten als andere. Dennoch sah man davon ab, die Leistungsunterschiede zu thematisieren.
Es fällt schwer, Menschen zu Mehrarbeit zu motivieren, die meinen, bereits am Rand ihrer Leistungsfähigkeit zu stehen. Ob in Bayern oder Bremen, Berlin oder Baden-Württemberg: Überall zeigen Lehrer Stresssymptome angesichts der immer neuen Forderungen, Altes zu lassen und Neues zu beginnen.
Als besonders schwer verdaulich erweisen sich die Reform-Rationen, die immer häufiger völlig unausgegoren die Kultusministerien verlassen. In Bayern verordnete das Kultusministerium den Grundschullehrern, ihre Schüler zusätzlich zum Zeugnis mittels eines umfassenden Beobachtungsbogens zu bewerten. Die Behörden zogen die Anweisung zurück, als sie einsahen, dass kein Lehrer die Zeit hat, die Informationen zu erheben.
Die bayerischen Beobachtungsbögen gehören zu den typischen Versuchen, das dreigliedrige System zu verbessern, ohne es zu verändern. Sie sollten die Schüler genauer und gerechter bewerten – um sie dann nach der Grundschule mit größerer Präzision auf die drei Klassenstufen zu verteilen. »Die frühe Trennung von schwachen und starken Schülern bleibt in Bayern sakrosankt«, kritisiert der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes Albin Dannhäuser. Das gilt nicht nur in Bayern. Auf den größten sozialpolitischen Skandal der Pisa-Ergebnisse – den engen Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Herkunft der Schüler – hat die Politik bislang keine Antwort gefunden. Die meisten haben noch nicht einmal eine gesucht. Aus Angst vor neuen Grundsatzdebatten erklärten sie Veränderungen an der Schulstruktur zum Tabu. Nur Schleswig-Holstein will nun aus der Einheit der Systembewahrer ausscheren (siehe Streitgespräch).
Einige Bundesländer haben die frühe Auslese sogar noch verschärft. In Bayern werden auch Haupt- und Realschüler mittlerweile flächendeckend nicht mehr wie bisher erst nach der sechsten, sondern bereits nach der vierten Klasse auf unterschiedliche Schultypen sortiert. Niedersachsen und Bremen haben die Orientierungsstufe abgeschafft und trennen nun ab Klasse vier. Und auch die Verkürzung der Schuljahre bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre wird die Zahl der Gymnasiasten nicht erhöhen. Der Lernstoff wird komprimiert, der Umstieg von der Realschule zum Gymnasium erschwert. Obwohl die Schulzeitverkürzung mit Pisa nicht das Geringste zu tun hat, steht sie in fast allen Bundesländern ganz oben auf der Reformagenda.
Ein Jahr nach Pisa lud Karl Wilhelm Littmann, stellvertretender Schulleiter der Bremer Rockwinkel-Schule, seine Kollegen nach Schweden ein. Zwei Drittel opferten ein paar Tage Freizeit. Die Lehrer besuchten eine Schule, wo die Schüler, wie in Schweden üblich, bis zur Klasse 12 gemeinsam lernen. Euphorisch kehrten sie zurück, erzählten von der Ausstattung der Räume und dem guten Image der Lehrer in Schweden. Sie schwärmten von der Autonomie der Schule und vom Unterricht, in dem jeder Schüler zu seinem Recht kommt und 95Prozent es bis zur Klasse 12 schaffen. Eine Traumschule, lautete die einhellige Meinung – doch in Deutschland leider nicht machbar.
Für so viel Reform fehlt in Deutschland der Mut.
Mitarbeit: Juliane von Mittelstaedt
- Datum 02.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.12.2004 Nr.50
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