Was ist mit unserem Mathematikunterricht los? Er ist unfrei. Das Wesen der Mathematik dagegen ist die Freiheit. An diesem Widerspruch krankt der deutsche Mathematikunterricht. Gewiss, das ist eine statistische Aussage, es gibt also positive Ausnahmen. Aber die Regel will, dass fest programmierter Stoff in wenige Unterrichtsstunden gepresst wird, ohne dass Zeit und Raum gegeben sind, den Schülern den Sinn des Stoffs zu vermitteln.

Und mit dem "Sinn des Stoffs" ist nicht gemeint, dass die Schüler verstehen sollen, dass alle ihre geliebten Handys oder MP3-Player ohne Mathematik nur Sondermüll wären. Gemeint ist auch nicht der pseudopraktische Stumpfsinn der so genannten eingekleideten Aufgaben. Gemeint ist vielmehr die Entwicklung des freien und genauen Denkens.

In einer Schule, deren Mathematikunterricht im Laufe der Jahrhunderte vielleicht Höhen, auf jeden Fall aber alle Tiefen durchmessen hat, nämlich im ehrenwerten Johanneum zu Hamburg, hielt dessen berühmter Rektor Joachim Jungius am 19.März 1629 eine Rede mit dem Titel Über den propädeutischen Nutzen der Mathematik für das Studium der Philosophie. Er führte darin aus, dass Kinder seiner Erfahrung nach gerne mit mathematischen Objekten umgehen. Der Schüler, sagte er, "wird in Zahlen und in Figuren finden, was er bewundert, woran er sich freut, was ihn interessiert; ihm wird schon Kreide, Sand oder ein Blatt Papier genügen, um sein Wissen durch eigene Arbeit zu erproben". Wenn man indessen Erwachsenen "Punkte, Linien, Winkel, Parallelen und Zentren vorlegt und durch die erforderliche, häufige Wiederholung ihnen einzutrichtern sucht, so bekommen sie Ekel wie vor mehrfach gekochtem Kohl".

Spielerisch genau bestimmte Probleme lösen

Warum erinnern sich die meisten Erwachsenen nur an gekochten Kohl? Und nicht an die freie Aktivität, in den Worten von Jungius: "Wissen durch eigene Arbeit zu erproben"? Vielleicht liegt es nicht vorwiegend an den Lehrern, genauer: an ihrer Ausbildung. Vielleicht liegt es daran, dass Kindsein heute etwas anderes ist als vor 375 Jahren, als Jungius seine Rede hielt.

Es ist wohl so, dass es heute größerer pädagogischer Anstrengung als damals bedarf, um Kinder in eine geistige Welt zu entführen, in der nichts anderes zählt als das freie Spiel mit wenigen, gut definierten Voraussetzungen. Und wenn das so ist, wenn das Eröffnen eines solchen Freiraums schwierig ist, weil von allen Seiten Stressoren auf die Gemüter der Kinder einwirken, dann folgt daraus: Der Mathematikunterricht braucht ausgedehnte, von keiner Klassenarbeit und keinem Pausengeklingel und keiner Biologiestunde beeinträchtigte Zeitblöcke. Freiräume, in denen die Klasse an interessanten Problemen arbeitet, also an solchen, aus denen neue interessante Probleme entstehen – und wenn zu ihrer Lösung Neues gelernt werden muss, dann ist der "Sinn des Stoffs" unmittelbar einsichtig.

Gegen diese Art des diskursiven und explorierenden Unterrichts ließe sich einwenden, er sei ein Mittelschichtsideal. Die häuslichen Voraussetzungen vieler Kinder setzten sie nicht in den Stand, sich in einem solchen Unterricht artikulieren zu können; für sie sei Auswendiglernen und das Einüben von Rechenverfahren die bessere Ausrüstung für das spätere Leben. Die beiden Gegenargumente lauten: Erstens wäre das kein guter Grund, den besseren Schülern einen solchen Unterricht zu verweigern. Zweitens aber ließe sich ein solcher Unterricht an unterschiedliche Niveaus anpassen. Und er wäre mehr als alle anderen schulischen Aktivitäten geeignet, gerade die Unterprivilegierten erleben zu lassen, dass auch sie selbstständig denken können. Dass sie frei sein können.