Misshandlungen in Coesfeld Sadisten in Uniform

Sie demütigten ihre Untergebenen und fotografierten die Szenen. Wo haben Unteroffiziere das gelernt?

Nein, Abu Ghraib war das nicht, aber die Misshandlungen in Coesfeld hatten durchaus damit zu tun, wie man sehen kann. Wo kann man das sehen? Auf Fotos, aufgenommen mit einer Digitalkamera. Wie damals, im Irak, haben die Missetäter ihr Treiben dokumentiert. Bereits Ende Oktober übergaben Bundeswehrvertreter der Polizei in Coesfeld einen Aktenordner voller Bilder von den Vorgängen in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne. Ein paar Beamte, Ministeriumsmitarbeiter und Bundestagsabgeordnete haben schon einige Bilder gesehen. Was sie übereinstimmend beschreiben, erinnert an menschenverachtende Trophäen – aus einem Krieg, den es nie gab.

Gefesselte Männer, auf Lastwagen geworfen. Auch, dass jemand einem anderen die Nase zuhält, um ihm eine Flüssigkeit einzuflößen. Des weiteren ein Ausbilder, der einem Rekruten, der mit gefesselten Händen am Boden liegt, den Stiefel in den Nacken stemmt. Er reckt die Faust zum Siegeszeichen. »Wie über einem erlegten Löwen«, sagte einer, der die Fotos kennt.

»Uffze sind keine Bildungsbürger«, sagt ein altgedienter Militär

Herausgeben wollen weder Staatsanwaltschaft, Verteidigungsministerium noch der Wehrbeauftragte die Aufnahmen. Sie verweisen auf »laufende Ermittlungen«, denen nicht vorgegriffen werden soll. Zu einem moralischen Urteil findet indes schon jetzt der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz: »Leute zu misshandeln und sie dann auch zu fotografieren, das ist schon eine Sauerei besonderer Qualität. Das nehme ich den Burschen wirklich übel.« Mit einigen der »Burschen«, mittlerweile 27 Beschuldigte aus Coesfeld, hat Gertz in den vergangenen Tagen gesprochen. Der Oberst nimmt ihnen ab, dass sie »keine ehrenrührigen Motive« hatten, sondern dass sie »realitätsnah ausbilden« wollten.

»Realitätsnah«, was heißt das in Zeiten, da Deutschland seine Soldaten auf den Balkan und an den Hindukusch schickt? Auch Schmerz und Demütigung? Was ist eigentlich aus der »Inneren Führung« geworden, jenem Leitbild des »Staatsbürgers in Uniform«, mit dem sich die Bundeswehr von anderen Armeen so gerne vornehm abhebt? Das Konzept hat mit dem Wandel der Aufgaben offenbar nicht Schritt gehalten. Es sind Dinge eingerissen, die nicht einreißen durften.

Immer neue Vorwürfe werden laut. In Ahlen und Nienburg, Stuttgart und Bruchsal soll es ebenfalls zu Exzessen gekommen sein. Die Anschuldigungen reichen von Ungeheuerlichkeiten (wie dem Ausdrücken einer Zigarette auf der Haut eines Soldaten) bis zu Aktionen, die zwar nicht zur Grundausbildung, sehr wohl aber zum Ausbildungskanon der Einsatzkräfte zählen (gefesselt und eingesperrt werden). Selbstverständlich ist die Gefangennahme Bestandteil des Trainings solcher Truppen, die in riskante Gebiete entsandt werden; diese Ausbildung wird allerdings theoretisch vorbereitet und psychologisch begleitet. Außerdem sind die Grenzen eng gefasst, so dürfen beispielsweise Atemwege und Blutzirkulation nicht beeinträchtigt werden.

Stromschläge aus dem Feldfernsprecher gar – unter Fernmeldesoldaten eine verbreitete Mutprobe – werden nach Angaben aus der Bundeswehr noch nicht einmal den Zöglingen der KSK-Elitetruppe verabreicht. Die allerdings erdulden es schon mal, nach erschöpfendem Nachtmarsch stundenlang stehen oder, noch schmerzhafter, knieen zu müssen. Und wer genau hinsieht, bemerkt die Grauzone. Äußerst hartes Üben geht nicht ohne Verletzungen ab, und Einzelkämpfern zu demonstrieren, was auf sie zukommen könnte, ist unumgänglich. Wie weit darf man da gehen? Das ist nicht immer genau zu bestimmen. Doch weil ein Untergebener, auch als »Staatsbürger in Uniform«, strukturell der Schwächere ist, muss durch ein ganzes System von Vorschriften und Kontrollen zu allererst die Achtung seiner Menschenwürde geschützt werden. Alles, was auf Verächtlichmachung zielt, etwa das Fotografieren in unterworfener Stellung, ist daher verboten. Tatsache bleibt allerdings, dass es Ähnliches in allen Armeen der Welt zu allen Zeiten gegeben hat und geben wird. Nicht anders in der Bundeswehr. In ihrer ersten Phase nach der Wiederaufrüstung waren Praktiken durchaus üblich, die aus schlimmeren Zeiten herrührten. Doch auch in der durch die »Innere Führung« zivilisierten Armee drangen Kenntnisse von Methoden, die an Folter grenzten, aus den Spezialausbildungen in den olivgrünen Truppenalltag vor.

Leider kam es nie zu empirischen Untersuchungen über Ausmaß und Ursachen solcher Missgriffe, obgleich sich die Bundeswehr als relativ abgeschlossener Sozialverband bestens dafür geeignet hätte - das hat wohl mit dem gespannten Verhältnis von Militärs und Sozialwissenschaftlern in Deutschland zu tun.

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