Am Ende ist man verstört. Völlig vergeistigt angesichts eines unförmigen Betonkolosses, der hoch über dem Dorf steht. Man glaubt sogar, die Sprache seiner grauen Masse zu verstehen. Aber davon ahnt man am Anfang noch nichts. Dornach, zwanzig Tramminuten südlich von Basel, ist ein ganz normales, wohlhabendes Schweizer Dorf. Es gibt die Feldschützen, die Freischützen, einen Dart-Club, einen Jodler-Club. Es gibt Bäckereien, Metzgereien, Kleingewerbe und Reste einer Metallindustrie, eine reformierte und eine katholische Kirche. Dann bemerkt man vielleicht, dass überdurchschnittlich viele ältere Herren eine Baskenmütze tragen. Diese Herren sind Wesen aus einer zweiten Welt, die innerhalb von Dornach und der Nachbargemeinde Arlesheim existiert. Sie macht sich zunächst nur in Andeutungen bemerkbar. Im Lebensmittelmarkt liegt neben den Frauenzeitschriften der Gastronomische Planetenreigen – Gedanken zur Getreideküche. Gegenüber dem Coop wirbt Die Sichellaute, Schule für Leierspiel . Im Supermarkt neben den Pril-Flaschen stehen ökologisch korrekte Sprudeltabs für die Geschirrspülmaschine, angeschrieben in der Waldorf-Schrift, die man von Weleda-Produkten kennt. Diese Zeichen gehören in die Welt der Anthroposophie. Ihr Zentrum liegt auf dem Hügel über dem Dorf und heißt Goetheanum. Dass es so kam, ist eigentlich Zufall. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste der Österreicher Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, vier so genannte Mysteriendramen, die seine Lehre veranschaulichen sollten. Im Kern geht es – frei nach Goethe – darum, die geistige Welt mit der Sinneswelt in Einklang zu bringen. In München wollte er dafür eine eigene Bühne bauen, aber die Stadt verweigerte die Genehmigung. Der Dornacher Zahnarzt Emil Grossheintz stellte daraufhin sein Land zur Verfügung, und Steiner baute dort sein Goetheanum. Schon die Baustelle lockte viele Anhänger an – meist Deutsche, die sich nach etwas sehnten, das sie aus der Erstarrung von Korsett und Kaiser befreite, ohne sie völlig orientierungslos zu machen. Einige von ihnen ließen sich am Hügel nieder.

Wenn man in Dornach unterwegs ist, erkennt man die Anthroposophen leicht. An den aufwändigen Zopfkonstruktionen, mit denen die Damen ihre Haare hochgesteckt haben. An den exakten, ruhigen Schritten, die wirken, als gäbe es außerhalb des eigenen Körperradius nichts, dem man Aufmerksamkeit schenken muss. Als Besucher möchte man manchen gerne unauffällig ein bisschen folgen. Etwa dem knorrigen Denker, der mit einem Stoffbeutel in der Hand den Hügel hinunterschreitet und die umwölkte Stirn gesenkt hält, bis er sein Ziel erreicht hat: das Vollwertbrot-Regal im Bioladen.

Verbunden werden die beiden Welten in Dornach vom Ortsbus. Pünktlich jede halbe Stunde startet er am Bahnhof. Die alten Dornacherinnen haben sich auf den hinteren Bänken eingerichtet und bringen sich gegenseitig auf den neuesten Stand der Dinge.

Auf der Weg zum Goetheanum hält der Bus vor dem Gemeindehaus. Hier regiert Kurt Henzi, der Gemeindepräsident. Sein mageres, stolzes Gesicht und seine präzisen Gesten geben ihm den Glamour eines Stummfilmschauspielers. "Wir wissen nicht, wie viele Anthroposophen in Dornach wohnen. Darüber erheben wir keine Daten." Von seiner Sekretärin holt er einen Zettel mit den aktuellen Einwohnerzahlen: 6300 Einwohner, davon 1500 Ausländer. "Aber das sind nicht alles Anthroposophen." Henzi ist in Dornach aufgewachsen. Vor vielleicht fünfzig Jahren wartete er mit den anderen Kindern am Bahnhof auf die Fremden, die kamen, um die Mauern anzufassen, die Rudolf Steiner angefasst hat. Gegen ein Taschengeld zogen die Kinder ihnen die Koffer mit dem Leiterwagen den Hügel hinauf. "Sonst hatte man nicht viel miteinander zu tun." Nur an Weihnachten wurde die Dorfbevölkerung zu den Christspielen eingeladen und stieg hoch.

Im Bus sitzen schmale Damen mit geradem Rücken und ruhigem Gesicht

Als gemeinnützige Organisation zahlt das Goetheanum in Dornach keine Steuern. Kurt Henzi würde niemals sagen, dass ihn das ärgert. Er sagt: "Früher haben sie bei den Veranstaltungen wenigstens noch Billettsteuer gezahlt. Aber die wurde abgeschafft." Vor ein paar Jahren wollten Gemeindemitglieder erwirken, dass in Dornach keine weiteren anthroposophischen Gebäude mehr bewilligt werden. "Aber die hatten", sagt Henzi, "in der Gemeindeversammlung keine Chance." Grobe Verbote passen nicht zur hiesigen Mentalität. Als Schweizer schaut man darauf, dass sich jeder an die Regeln hält, und lässt einander ansonsten in Ruhe.

Der Bus durchquert die Dorfteile Brüggli – geprägt vom Gewerbe –, Apfelsee und Oberdornach, den Dorfkern; die Straße wird immer steiler. Nach und nach sind die Alten mit dem derben Dialekt ausgestiegen. Wenn überhaupt, wird jetzt nur noch Hochdeutsch gesprochen. In den Polstern sitzen nun schmale Damen mit geradem Rücken. Sie halten ruhige Gesichter gegen das milde Winterlicht, faltige junge Mädchen. Die Männer tragen Wollwesten und packen anspruchsvolle Tageszeitungen aus.

Je näher wir dem Goetheanum kommen, desto öfter sieht man Türfüllungen oder Fensterrahmen, die ohne rechte Winkel auskommen und leicht verzerrt wirken. Die Häuser haben auf einmal ungewohnte, asymmetrische Grundrisse; Dächer wölben sich organisch. In der anthroposophischen Baukunst sind Architektur und plastisches Gestalten nicht starr voneinander getrennt. Nach einer Viertelstunde erreicht der Bus die höchste Haltestelle. Fremd wie ein Raumschiff steht das Goetheanum auf der Wiese, mit dem festen Gewicht eines uralten Elefanten. Aber gleichzeitig scheint der klobige Korpus aus hellem Beton frei zu schweben. Die Wirkung ist stark, auch wenn man sich gegen die Anthroposophie sträubt. Steiners Bau ist 1928, noch unvollendet, in Betrieb genommen worden. Das erste, aus Holz gebaute Goetheanum fackelten Brandstifter in der Silvesternacht 1922 ab. Drei Jahre später starb Steiner, während der Bauarbeiten zum zweiten Goetheanum. Heute ist es Zentrum der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und Sitz der Hochschule für freie Geisteswissenschaft sowie Theater, Kongresszentrum und Tagungsstätte. In diesem Sommer wurde zum sechsten Mal eine anthroposophische Inszenierung des Fausts geboten. Werktreue 21 Stunden lang, verteilt auf drei Tage.