Es gibt keinen Fortschritt
Aufklärung und Demokratie haben die Welt nicht besser gemacht. Die Triumphe der Technik zerstören die Umwelt, und im Namen der Menschenrechte wird Krieg geführt. Auch die westliche Utopie vom Neuen Menschen ist gescheitert. Was nun?
Ich komme aus einem kulturellen Milieu, das noch überwiegend von protestantischer Ethik und – aus der Ferne wie vom Schauder eines tollkühnen Gerüchtes – auch durch die Aufklärung geprägt war. Trotz der Angst, die die Moderne mit ihrer Versprechung größerer Laxheit weckte – rauchende Jungen, Mädchen mit kurzen Röcken –, war man der Ansicht, dass sie die Entwicklung der Gesellschaft vorantreiben würde. Naturgesetze konnten wissenschaftlich erklärt werden, und jede neue Entdeckung wurde zu einer Wahrheit, die die Dunkelheit davor mitsamt ihrem Aberglauben vertrieb. (…) Nazismus und Faschismus schienen endgültig besiegt, die Demokratie war auf dem Vormarsch, und dem Vernehmen nach wollte man sogar auf den Mond.
Kurz, wir waren ebenso die Schubkräfte wie die Geschöpfe des Fortschritts, und dieser prometheische Begriff gab unserem existenziellen Sinn für Zwecke auf dieser Erde nicht bloß einen erwünschten zusätzlichen Wert, sondern er wurde auch für die unvermeidliche Triebfeder zur Verbesserung des Gemeinschaftslebens gehalten. (…) Unser kollektives Denken war vom historischen und materialistischen Determinismus geprägt. Die Geschichte ließ sich in jeder Phase als Schritt nach vorn verstehen, das wussten wir einfach, und sie kündete von einem wachsenden Bewusstsein, das die Verbesserungen des Zustands der Menschheit versprach.
Globalisierung? Ein Deckname für weltweite Ausbeutung
Wir würden die nationalen Grenzen abschaffen und die Grenzlinien der Religiosität. Das menschliche Leben würde sich unaufhörlich mit wachsender Industrialisierung, schnellerer Kommunikation, zunehmender Mobilität, mit Antibiotika und Plastik verbessern. Das westliche Konzept vom Neuen Menschen, das vermutlich auf der sehr frühen christlichen Forderung nach »Bekehrung« basiert – und damit auf der Möglichkeit, »wiedergeboren« zu werden und nach dem »vollkommenen« Leben zu trachten –, wurde zum Fundament unserer Utopie. Mit der Freiheit ging es voran. Wir wussten, wer der Feind war. Wir würden das Gefüge von Ungerechtigkeit und unrechtmäßig erworbenem Reichtum niederreißen, um dem Fortschritt den Weg zu ebnen; wir würden einen Krieg um den Frieden führen!
Nur dass ich etwas kurzsichtig war. Zu gegebener Zeit und um viele Erfahrungen reicher, die mir eine blutige Nase und ein trauriges Herz eingetragen hatten, wurde deutlich, dass es im Verlauf der Geschichte, jedenfalls so weit unsere Erinnerungen und Recherchen zurückreichten, wohl nur minimale Änderungen im Verhalten und Bewusstsein des Menschen gegeben hatte und dass diese besonderen Umständen zugeschrieben werden konnten, gleichsam flachen Senken in der Zeit. Sie waren Variationen der Themen Selbsttäuschung und Barbarei. Außerdem: Jeder »Fortschritt« in den uns gemeinsamen Lebensbedingungen setzte einen dialektischen Prozess in Gang, durch den wir ebenso viel verloren, wie wir gewannen, mehr noch vielleicht.
In den meisten Ländern wird die Todesstrafe nur noch selten verhängt, und doch gibt es mehr offiziell vertuschte »Todesschüsse« und wahllose Ausmerzungen von Widersachern als je zuvor. International hat man sich darauf geeinigt, die Folter abzuschaffen, doch vermutlich sind noch nie so viele Menschen zu dem Zweck gequält worden, Informationen aus ihnen herauszupressen. Wir hielten die Vereinten Nationen für einen angemessenen internationalen Kompromiss, um Hoffnung zu bündeln und in Konflikten zu vermitteln, doch dann wurden sie von der einzigen Supermacht dieses Planeten entmachtet, die ihre eigenen Interessen wichtiger fand. Uns wurde erzählt, die Muslime seien frommer und menschenfreundlicher geworden, und doch sind Steinigungen von Frauen wegen angeblicher Übertretung religiöser Gebote keineswegs unüblich.
Bald besaß beinahe jeder ein Auto oder träumte davon – sodass es plötzlich Millionen zweifelhafter Gründe gab, Straßen und Autobahnen zu verstopfen. Wir legten uns ein Handy zu, und heute gleichen wir Scharen pausenlos schnatternder Individuen, die sich nichts zu sagen haben und wie taube Vögel vereinsamen. Wir alle gewöhnten uns an das Fernsehen wie Fische ans trübe Wasser, und jetzt haben wir abgedroschene Fantasien, die davon infiziert sind, ständig Lügen und dem Reiz von Wünschen ausgesetzt zu sein, die niemals befriedigt werden können. Bald gab es für das, was man sich nicht im Kino anschauen konnte, keine Tabus mehr – im Namen unserer freien Meinungsäußerung! –, und gegenüber Vergewaltigung, Pädophilie und der Pornografie sinnloser Morde sind wir jetzt abgestumpft. Wir holen uns die Neuigkeiten aus dem Netz, und wir werden überschwemmt von Geschwätz, Paranoia und den Exzessen ungezügelter Narzissmen. Wir bekamen den Himmel in den Griff, und jetzt können wir unpersönlichen Tod aus der Ferne zufügen.
Ein Hühnchen liegt auf fast jedem Teller, und wir sind mit Hormonen und Antibiotika voll gestopft. Wir werden reich und fett durch abertausend gezüchtete Schweine und können das Wasser unserer Erde nicht mehr trinken. Wir konsumieren nach Herzenslust und ersticken an Abfall und Müll. Wir zerstören die Erde in einer Orgie der Umweltverschmutzung. Selbst die Armen haben Zugang zu Hamburgern und Fritten und werden fettleibig. Wir kurbelten unsere Wirtschaft mit der Produktion und dem Verkauf von Waffen an, und dreizehnjährige Killer mit Perücke und mit Kalaschnikows, die billiger als eine Tüte Reis sind, sehen keinen anderen Weg mehr, zum Mann zu werden, als dass sie Amok laufen. Durch all das zog und zieht sich der goldene Faden der Globalisierung, der Deckname für weltweite kapitalistische Ausbeutung: Wir wurden darauf abgerichtet, zu kaufen, zu kaufen und nochmals zu kaufen, und die Armen wurden ärmer.
Und Südafrika? Nicht mehr alle fetten Bonzen sind weiß
Es stimmt, wir sind fortgeschritten zu einem internationalen Konsens der Ächtung von ethnischen Säuberungen, Genozid und Ethnozid. Und dann kamen Bosnien, der Kosovo, Ruanda, Tschetschenien und Darfur. Der Westen verpflichtete sich, Demokratie zu exportieren, eine Demokratie, die mit missionarischem Eifer und Unvernunft Vernunft und faktenbasiertes Regieren übertrumpft – und wir schauen weg bei Städten, die dem Erdboden gleichgemacht werden, und bei abertausend toten Zivilisten. (…) Afghanistan wurde von den Taliban befreit, und heute liefert es wieder 80 Prozent des weltweiten Heroinaufkommens. Fidel Castro verkörperte revolutionäre Leidenschaft und Rechtschaffenheit, doch heute wissen wir, dass in Kuba Flüchtlinge als Terroristen erschossen werden und regimekritische Dichter im Gefängnis sitzen. Die sowjetische Kommunistische Partei wurde beim Sturz des Regimes praktisch vernichtet, heute wird das Land mit eiserner Faust von einem KGB-Offizier regiert.
Und was ist mit Afrika? (Denn dort bin ich mit dem Herzen.) Unabhängigkeit wurde gewährt oder erkämpft, doch sind fast alle Länder zum Überleben von internationalen Almosen abhängig, während ihre Führer auf Lebenszeit die Bevölkerung ausplündern. (Im Namen der Solidarität aber und weil wir die Notwendigkeit einer historischen Wiedergutmachung einsehen, bleiben wir stumm.) Senegals Präsident Wade spendet anderthalb Millionen Dollar an eine amerikanische Gesellschaft für die Ausbildung von Weltraumwissenschaftlern, während Kinder, so genannte Talibes, mit leeren Bettelbüchsen in Scharen durch die Straßen von Dakar ziehen. Algerien befreit sich in heroischem Kampf vom französischen Kolonialismus, und dann versinkt es in einer Hölle aus Korruption und fundamentalistischer Gewalt.
In Südafrika kommt die Mehrheit an die Macht, und nun sind nicht mehr alle fetten Bonzen weiß, und ein paar Weiße sind zu den armen Schwarzen gestoßen, die noch ärmer geworden sind und so immer mehr in die Kriminalität getrieben werden. Angola bringt seinen brutalen Bürgerkrieg endlich zu Ende, und sein Präsident ist vielleicht der reichste Dieb auf Erden. Eritrea wird zum Sinnbild für Selbstgenügsamkeit, Aufrichtigkeit und Demut, und dann opfert der machtkranke Präsident wegen einiger Quadratkilometer Wüstenland Abertausende Leben in einem obszönen Krieg mit den äthiopischen Vettern.
Europa meint es mit Afrika nicht ernst. Die EU tritt für eine neoliberale Wirtschaftsform ein, die in der Praxis bedeutet, dass autoritäre Regime festgeschrieben werden, was Afrika zu weiteren Bürgerkriegen verdammt. Das Feld wird drogenverrückten »Rebellen« überlassen und religiösen »Revolutionären«. Die Folge dürfte ein weiterer Verfall des sozialen und politischen Gefüges sein, weitere Verschlechterung der Lebensbedingungen, weitere Versuche verzweifelter Menschen, um jeden Preis nach Europa zu gelangen – und die einzige Antwort der Festung Europa werden Polizeimaßnahmen sein. (…)
Die Wahrheit ist, und zwar in einem absoluten Sinn: Wir wissen nicht mehr, als wir früher gewusst haben. Darin gibt es keinen Fortschritt. Jede Generation lebt ganz in der Fülle ihrer eigenen Einsichten. Wir lernen nicht aus den Fehlern der Vergangenheit – möglicherweise, weil wir Überleben mit Fortschritt gleichsetzen, mit der Notwendigkeit, sich voranzukämpfen. Vielleicht sind wir verdammt, die gleichen Fehler zu wiederholen. Aber es stimmt auch, dass wir unsere Begrenztheit überschreiten müssen, dass wir uns an die Idee einer Utopie klammern müssen, als Rechtfertigung und Motivation, um in Bewegung zu bleiben und ein Geräusch von uns zu geben. (…)
Fortschritt? Nein. Kreativität? Notgedrungen. Womöglich gibt es keinen Fortschritt, aber wir müssen uns auch weiterhin von uns selbst ein Bild machen. Die Welt – unsere Welt – hat seit je existiert, und jeden Tag müssen wir sie neu erschaffen. Würden wir nicht auf ihr wandeln, es gäbe die Erde nicht. Ek eet my brood en drink my wyn / En hou my hart van gode rein (»Ich eß mein Brot und trink mein’ Wein / Und halt mein Herz von Göttern rein« – N. P. Van Wyk Louw).
Der südafrikanische Dichter Breyten Breytenbach, geboren 1939, lebt derzeit in den USA. Er hat die Rede für den Berliner Kongress »Der Begriff Fortschritt in den Weltkulturen«, die wir hier in Auszügen dokumentieren, nicht persönlich gehalten, weil er Schwierigkeiten bei der Wiedereinreise in die USA befürchtete. Der Kongress vom 28. bis 30. November war Abschluss einer internationalen Konferenzserie von Goethe-Institut und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). – Übersetzt von Bernhard Robben. Vollständiger Text unter www.goethe.de/fortschritt
- Datum 02.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.12.2004 Nr.50
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