Kulturgeschichte Die Mutter aller Studentenrevolten
Vor 40 Jahren begann an der kalifornischen Universität Berkeley die Studentenbewegung, die bald die gesamte westliche Welt erfassen sollte. Ein Gespräch mit dem berühmten Sprachphilosophen John R. Searle, der damals als Dozent die Proteste unterstützte und sie als Mitglied der Universitätsleitung wenig später bekämpfte
DIE ZEIT: Vor genau vierzig Jahren wurde mit dem Free Speech Movement (F.S.M.) in Berkeley die Studentenrevolte entfacht. Am 2. Dezember 1964 besetzten gut tausend Studenten die Sproul Hall, am 3. riefen sie den Streik aus. Warum geschah das nicht drei Jahre früher oder vier Jahre später wie etwa in Berlin?
John R. Searle: Man kann das Free Speech Movement nicht verstehen, wenn man es nicht als Fortsetzung der Bürgerrechtsbewegung begreift. Viele amerikanische Studenten, gerade auch aus Berkeley, waren damals in dieser Bewegung engagiert. Dort haben sie Techniken des Protests gelernt, die sie mit nach Berkeley zurückbrachten. Es gab im Herbst 1964 eine höchst aktive Studentenschaft, die bereit war, mobilisiert zu werden, auch wenn sie sich dessen gar nicht bewusst war. Hinzu kamen die Demonstrationen vom Vorjahr, die sich nicht gegen die Universität richteten, sondern gegen Arbeitgeber, denen man Diskriminierung von Schwarzen vorwarf. Ein weiterer Grund für die Protestbereitschaft der Studenten war die bevorstehende Präsidentenwahl. Allein die Möglichkeit, dass der extrem konservative Republikaner Barry Goldwater gewählt werden könnte, betrachteten viele als schiere Katastrophe. Berkeley war also ein Pulverfass, das schließlich explodierte, weil die Universitätsleitung beschlossen hatte, bestimmte Studentenrechte abzuschaffen.
ZEIT: Welche?
Searle: Das Recht, sich zu organisieren und auf dem Campus politisch aktiv zu werden. Es ging dabei insbesondere um ein Grundstück, den Bancroft Strip, am Rande des Campus, der angeblich der Stadt Berkeley und nicht der Uni gehörte und darum auch für politische Kundgebungen genutzt werden konnte. Die Universität, die politisch neutral bleiben wollte, erklärte Bancroft zum Universitätsgelände und untersagte dort fortan alle politische Betätigung.
ZEIT: Das war der Auslöser?
Searle: Ja, es gab sofort Proteste und die ersten Sit-ins. Doch die seismische Verschiebung vom gängigen zum hochtourigem Protest war der berüchtigte Polizeiwagen-Vorfall.
ZEIT: Was war passiert?
Searle: Jack Weinberg, ein junger Mann, der gar kein Student in Berkeley war, wurde verhaftet, weil er trotz des Verbotes auf dem Campus agitierte. Zehn Jahre früher hätte die Verhaftung kein Aufsehen erregt. Doch jetzt blockierten die Studenten das Polizeiauto, in dem Weinberg saß, glücklich über seine Verhaftung. Die Universität hatte genau das Falsche getan: Sie dachte, sie zeigt den Studenten den Knüppel, aber sie zeigte nur die Schwäche der Universität. Sie konnten die Verhaftung nicht vornehmen, sie konnten den Wagen nicht bewegen. Das Symbol der Macht – das Polizeiauto – wurde so zum Symbol der Ohnmacht.
ZEIT: Waren Sie dabei? Es gibt Zeitzeugen, die behaupten, Sie hätten vom Dach des Polizeiautos eine Rede an die Studenten gehalten?
Searle: Absoluter Quatsch. Ich war nicht einmal in der Nähe des Autos. Meine Assistentin, Suzanne Goldberg, zerrte mich vor die Tür und zeigte mir, was los war. Ich dachte damals: »Dies ist eine törichte Art der Problemlösung.« Ich fand die Idee, einen Polizeiwagen zu behindern, nicht gut, und ich wäre garantiert auch nie aufs Dach gestiegen, um zu reden. Für mich sah das alles eher sehr illegal aus. Die Angelegenheit dauerte 32 Stunden, ging bis tief in die Nacht, 800 Studenten hatten sich versammelt und einige standen auch auf dem Dach – ich aber nicht.
ZEIT: Aber Sie sind auf dem berühmtesten Foto des Free Speech Movement, bei der Riesendemonstration durchs Sather Gate gleich in der vordersten Reihe hinter dem Free-Speech-Transparent, zu sehen.
Searle: Stimmt genau. Ich trug meinen besten Anzug aus Oxford zu dem Anlass.
ZEIT: Der feine Tweed hat nichts genützt, in den Augen vieler galten Sie als Radikaler.
Searle: Ich hatte einen sehr guten Studenten, Mario Savio, und Suzanne Goldberg war meine Assistentin. Beide wurden berühmte Free-Speech-Anführer. Für den FBI hat das vermutlich von Anbeginn wie eine Verschwörung ausgesehen – Searle, Savio und Goldberg im selben Seminarraum. In unserem Engagement für die Bürgerrechte passten wir auch gut zusammen. Ich habe auf der Sproul Plaza gegen die Universitätsregeln für Redefreiheit plädiert. Und zwar weil Studenten dieselben Verfassungsrechte haben wie alle anderen Bürger auch – folglich war es absurd, ihnen diese Rechte auf dem Campus vorzuenthalten. Ich folgte bei allem einem einfachen Prinzip: Ich kümmerte mich nicht um Universitätsregeln, die ich nicht respektieren konnte, wollte aber nie das Gesetz brechen. Und ich habe auch stets die Studenten davon abgehalten, das Gesetz zu brechen.
ZEIT: War die Polizeiauto-Affäre der Dammbruch?
Searle: Absolut. Danach hat keiner mehr gefragt, was er darf oder nicht, die Studenten machten ihre Sit-ins, sie hielten Ansprachen auf dem Campus, organisierten riesige Demonstrationen, ich hielt eine Rede, auf einer Kommode stehend, mit einem »illegalen« Mikrofon. Ich hatte keine Erlaubnis, hätte sie auch nicht bekommen, habe aber auch nicht gefragt.
ZEIT: Hatten Sie Erfolg?
Searle: Das Free Speech Movement war unerhört erfolgreich, erfolgreicher, als irgendeiner zu hoffen gewagt hätte. Das Problem war nur, dass wir zwar die Redefreiheit errungen hatten, aber gleichzeitig die rechtmäßige Universitätsleitung diskreditiert und demoliert hatten. Wir hatten den Kanzler hinweggefegt, es gab keine anerkannte Autorität mehr. Wir hatten eine revolutionäre Situation geschaffen, in der die Studenten das aufregende Gefühl hatten, dass alles möglich sei. Es wurden unglaubliche Erwartungen freigesetzt.
ZEIT: Über die Redefreiheit hinaus?
Searle: Viele junge Leute, nicht nur in Berkeley, dachten sich: So wird’s gemacht. Man geht nach Berkeley, besetzt Gebäude und verändert den Lauf der Geschichte. In der Tat kamen eine Menge Leute hierher – sie haben es mir selber so gesagt – weil »die Weltrevolution in Berkeley beginnt«. Sie hatten das Gefühl: »Wir können aus der Universität etwas Utopisches machen«.
ZEIT: Und Sie?
Searle: Ich hielt das für kindisch. Ich war 32 Jahre alt. Ich wollte nicht die Weltrevolution und nicht, dass sie in Berkeley beginnt. Ich wollte eine erstklassige Universität. Die Administration hatte zwar in der Frage der Redefreiheit falsch entschieden, hatte aber völlig Recht mit ihrem verzweifelten Versuch, die Integrität der akademischen Welt zu bewahren.
ZEIT: Sie wurden im Frühjahr 1965 Teil der Administration, warum?
Searle: 1965 war mir bereits klar, dass die Radikalen der Feind der intellektuellen Werte waren, und ich war wild entschlossen, dagegen anzukämpfen. Als der neue Kanzler, Roger Heyns, seine Arbeit aufnahm, sagte er zu mir: »Sie haben es eingerissen, Sie bauen es auch wieder auf.« Wir mussten die Führungsstrukturen der Universität wieder herstellen. Ich habe die nächsten zwei Jahre kaum Forschung gemacht, sondern nur diese Arbeit, und das war Kampf.
ZEIT: Welche Rolle spielte der Vietnamkrieg?
Searle: Der Krieg hat es sehr schwer gemacht, er machte es geradezu unmöglich, Universitäten Mitte bis Ende der sechziger Jahre zu führen.
ZEIT: Sie waren ein Kriegsgegner?
Searle: Von Anfang an. Ich habe im Januar 1965 auf dem ersten Antikriegs-Teach-in gesprochen.
ZEIT: Wie wurde Ihr Job in der Uni-Leitung von Ihren Freunden des F.S.M. aufgenommen?
Searle: Für die war ich der Verräter. Ich war der Sonderassistent des Kanzlers für Studentenangelegenheiten. Der Job verlangte höchste Konzentration und Feingefühl, zwölf Stunden täglich. Ein Fehler beim Frühstück konnte 1000 Polizisten beim Mittagessen auf dem Campus bedeuten. Es war unangenehm, Morddrohungen eingeschlossen. Ich dachte: Ich mach das für ein Jahr, wir assimilieren das F.S.M. und machen jedem unmissverständlich klar, dass mit der Anerkennung der freien Rede es nun wieder business as usual an dieser Universität geben muss. Doch viele wollten gerade das nicht; für sie war business as usual so viel wie Unterstützung des Krieges. Die Leute, die mich aus dem F.S.M. kannten, verstanden nicht, dass ich nicht weiter gehen wollte. Sie meinten, dass ich mich an die Reaktion verkauft hatte.
ZEIT: In Ihrem Buch The Campus War (1972) schreiben Sie, dass die Konfrontation zum Selbstzweck wurde.
Searle: Konfrontation ist dramatisch, aufregend, bedeutungsvoll. Nichts in der modernen Universität kann es mit diesem Reiz für die Massen aufnehmen. Für viele Studenten hieß das vor allem: Endlich passierte etwas in ihrem langweiligen Leben, und nicht wenige kamen nach Berkeley, um genau diese Erfahrung zu machen.
ZEIT: Wie gingen Sie denn gegen die rebellierenden Studenten vor?
Searle: Nach dem Muster: Erkläre, was die Prinzipien sind, die du verteidigen willst, und gib nicht nach! Gerade diese Prinzipienfestigkeit schaffte eine Menge Wut und Frust, weil der übliche Stil der amerikanischen Uni-Verwaltung immer in Nachgiebigkeit bestand. Wir jedoch zogen eine Linie, die nicht überschritten werden durfte. Es gab die größten Demonstrationen gegen uns, aber wir gaben nicht nach. Eines Tages musste ich zwölf meiner alten Freunde festnehmen lassen, und zu ihrer und meiner Überraschung wurden elf von einer Berkeley-Jury verurteilt. Das war unerhört. Keine Berkeley-Jury hatte je einen Mario Savio schuldig gesprochen, sie haben immer einen Grund für »angemessenen Zweifel« gefunden. Es waren harte Zeiten, weil so viel Hass und Groll und Gewalt auf dem Campus waren. Und auch wir konnten das nicht vollständig kontrollieren, solange der Krieg andauerte. Doch machten wir stets klar, dass die Universität nicht in ein Antikriegsinstrument umgeschmiedet werden durfte. Wer Steine warf, musste dafür bezahlen. Wir haben schließlich gewonnen, weil wir intellektuelle Prinzipien nicht geopfert haben.
ZEIT: Nennen Sie ein Beispiel!
Searle: Kein Student entscheidet über Beförderung, Berufung oder Bezahlung von Professoren. Die Mitentscheidung war damals eine klassische Forderung der Studenten.
ZEIT: Können Sie erklären, warum die amerikanischen Universitäten aus der Studentenrevolution am Ende unbeschädigt, ja besser herausgekommen sind als die kontinental-europäischen?
Searle: Die amerikanischen Universitäten haben ein größeres Selbstbewusstsein, sie haben die Machtfragen besser beantwortet als die europäischen. In Deutschland haben sie Studenten erlaubt, in Berufungsausschüssen zu sitzen. Das ist lächerlich. Amerikas Vorteil ist nicht nur die Unabhängigkeit der Universitäten, sondern auch sein pluralistisches System. Es gibt 2000 Universitäten, jede anders als die nächste. Es gibt keinen Zentralismus wie in Frankreich oder, auf Länderebene, in Deutschland. Die meisten Universitäten sind keinem direkten politischen Einfluss ausgesetzt, selbst die staatlichen nicht. Gerade diese haben eine Tradition, sich den Staat vom Leibe zu halten.
ZEIT: Sie haben zehn Jahre in Oxford studiert und gelehrt, Sie haben in Frankreich, in Deutschland, in Holland, Belgien, Italien unterrichtet, sie kennen die Unterschiede. Wo liegen die Gründe für das qualitative Gefälle nach der Studentenrevolte?
Searle: Amerikaner nehmen ihre Universitäten sehr viel ernster als die (kontinentalen) Europäer. Das hat fast eine religiöse Qualität. Die Menschen glauben an Harvard oder Berkeley oder Stanford, sie sorgen sich um diese Unis, widmen ihnen ihr Leben, ihre Zeit, oft viel Geld. Als ich in Frankfurt unterrichtete, hatte ich nicht das Gefühl, dass irgendjemand an die Universität dort glaubt. Auf einem deutschen Campus gibt es überall Graffiti. Wenn in Amerika ein Graffito auftaucht, wird es sofort übermalt. Wäre dem nicht so, gäbe es einen Aufschrei. Universitäten hier werden verehrt, in Europa sind sie bloß Anstalten. Die einzige Universität, wo ich das Gefühl hatte, das sie mehr ist als eine Einrichtung, war die Berliner Humboldt-Universität nach ihrer Wiederauferstehung und der Befreiung vom Kommunismus.
Das Gespräch führte Christine Brinck
- Datum 02.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.12.2004 Nr.50
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