Kulturgeschichte Die Mutter aller StudentenrevoltenSeite 6/6

Searle: Kein Student entscheidet über Beförderung, Berufung oder Bezahlung von Professoren. Die Mitentscheidung war damals eine klassische Forderung der Studenten.

ZEIT: Können Sie erklären, warum die amerikanischen Universitäten aus der Studentenrevolution am Ende unbeschädigt, ja besser herausgekommen sind als die kontinental-europäischen?

Searle: Die amerikanischen Universitäten haben ein größeres Selbstbewusstsein, sie haben die Machtfragen besser beantwortet als die europäischen. In Deutschland haben sie Studenten erlaubt, in Berufungsausschüssen zu sitzen. Das ist lächerlich. Amerikas Vorteil ist nicht nur die Unabhängigkeit der Universitäten, sondern auch sein pluralistisches System. Es gibt 2000 Universitäten, jede anders als die nächste. Es gibt keinen Zentralismus wie in Frankreich oder, auf Länderebene, in Deutschland. Die meisten Universitäten sind keinem direkten politischen Einfluss ausgesetzt, selbst die staatlichen nicht. Gerade diese haben eine Tradition, sich den Staat vom Leibe zu halten.

ZEIT: Sie haben zehn Jahre in Oxford studiert und gelehrt, Sie haben in Frankreich, in Deutschland, in Holland, Belgien, Italien unterrichtet, sie kennen die Unterschiede. Wo liegen die Gründe für das qualitative Gefälle nach der Studentenrevolte?

Searle: Amerikaner nehmen ihre Universitäten sehr viel ernster als die (kontinentalen) Europäer. Das hat fast eine religiöse Qualität. Die Menschen glauben an Harvard oder Berkeley oder Stanford, sie sorgen sich um diese Unis, widmen ihnen ihr Leben, ihre Zeit, oft viel Geld. Als ich in Frankfurt unterrichtete, hatte ich nicht das Gefühl, dass irgendjemand an die Universität dort glaubt. Auf einem deutschen Campus gibt es überall Graffiti. Wenn in Amerika ein Graffito auftaucht, wird es sofort übermalt. Wäre dem nicht so, gäbe es einen Aufschrei. Universitäten hier werden verehrt, in Europa sind sie bloß Anstalten. Die einzige Universität, wo ich das Gefühl hatte, das sie mehr ist als eine Einrichtung, war die Berliner Humboldt-Universität nach ihrer Wiederauferstehung und der Befreiung vom Kommunismus.

Das Gespräch führte Christine Brinck

 
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