Es ist eine alte Geschichte. Alter Mann nimmt sich junge Frau und fühlt sich wieder jung. Das Leben erzählt sie uns jeden Tag. Selbst Minister beugen ihr graues Haupt und erliegen ihrem Zauber. Die Vorteile des unverwüstlichen Modells liegen auf der Hand: Die junge Frau ist das Vitalfutter des alten Mannes, ein Antidot gegen schwindende Lebenskräfte und ein leeres, unbeschriebenes Blatt, auf dem der alte Mann seinen Lebensroman noch einmal von vorne schreiben kann.

Die eher banale, außenministerliche Kombination – väterlicher Galan, junge Knospe – findet, hinsichtlich der ungestörten Entfaltung der darin beschlossenen Herrschaftsverhältnisse, in der Literatur vielfältige Steigerungsmöglichkeiten. Die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat auf die Beliebtheit des weiblichen Leichnams in der europäischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts hingewiesen. Nur über die weibliche Leiche, behauptet sie, könne die patriarchalische Kultur das Wissen um den Tod verdrängen und zugleich artikulieren. Noch besser als eine junge Frau ist also eine tote Frau. Aber warum gleich töten, was man auch kaufen kann? Insofern ist die Hure, am besten die junge Hure, am allerbesten die junge bewusstlose, tief schlafende, sozusagen beinahe schon tote Hure, im materialistischen Zeitalter sicherlich die beste Wahl für die literarische Selbstentfaltung eines alternden Repräsentanten der patriarchalischen Hochkultur.

Zum 90. Geburtstag spendiert der Held sich eine Jungfrau

Das hat der kolumbianische Nobelpreisträger Gabriel García Márquez erkannt und hat einen kleinen, in der ganzen Welt ungeduldig erwarteten Roman über einen alten Mann und eine immerzu schlafende Kinder-Hure geschrieben. Hierzulande, wo der bekennende Bordellgänger in der Literatur eine – womöglich einzig durch den frühen Kirchhoff repräsentierte – Randerscheinung ist, mag das merkwürdig erscheinen. In der karibischen Vollblut-Welt gehört, glaubt man dem Nobelpreisträger, das erotische Dienstpersonal zum männlichen Alltagsleben wie das Kreuz in die Kirche. "Für den Schriftsteller", schrieb García Márquez in seiner Autobiografie Leben, um davon zu erzählen, "ist das Bordell der beste Wohnort: Ruhe am Vormittag, nachts immer Betrieb". Seufzend las man die besonnten Passagen seiner Lebensbeschreibung, in denen die Nutten ohne Höschen zum Klang der karibischen Blechmusik beim Tanz ihre Röcke vor dem Autor hoben. Schon damals will der Cavaliere einer der Damen nur deswegen gefolgt sein, um sie mit "Träumereien zu verführen, die ich ihr im Schlaf erzählte".

Von der Bordell-Idylle der Autobiografie (in der die generösen Herren die kleinen Mädchen nach Vollzug des Geschäftlichen sogar im Lesen unterrichteten) entfernt sich das lang erwartete Alterswerk nur ein, zwei melancholische Tangoschritte. Melancholisch vor allem insofern, als der Held in den illustren Kreis der einsamen, halb begabten Junggesellen gehört, wie sie von Pessoa bis Onetti bis auf den letzten Tränensack bereits so hinreißend wie umfassend beschrieben wurden. Neu hingegen ist die Kreuzung aus Machismus und Absurdismus, die sich offenbar einstellt, wenn ein Lebemann altert und beginnt, über die Liebe nachzudenken.

Die Sache ist kurz gesagt die: Ein Journalist, der noch immer mit einigem Erfolg die wöchentliche Kolumne in seinem Blatt schreibt, möchte sich zu seinem 90. Geburtstag eine Jungfrau schenken. Sein Männerleben ist bisher unspektakulär und in bewährten Bahnen verlaufen: regelmäßige Puffbesuche (allerdings immer nur "Gebrauchtware"), eine aufgelöste Verlobung und selbstverständlich der "monatliche Ritt" des häuslichen Dienstpersonals, das der Hausherr am liebsten "verkehrt herum rammte", wenn es sich "über den Waschtrog beugte". Nicht ganz ohne Schwierigkeiten, dass räumt der Autor ein – "ein tiefer Schauder ließ ihren Körper erbeben, aber sie hielt stand" – anders als all jene Leser, die für derartigen Herrenreiter-Kitsch unempfänglich sind.

Nun, im Alter, möchte der Zeitungsschreiber, der nie etwas anderes als Glossen zustande gebracht hat, ein Buch schreiben. Alle Miseren einer kleinen Angestelltenexistenz sollen darin zur Sprache kommen: die viel zu geringe Zeit für das eigentliche Leben, die wenigen Freunde, das Empfinden der eigenen Hässlichkeit und Unzulänglichkeit. "Das", schreibt er, und man hört im Hintergrund die karibische Blechmusik wohlig schluchzen, war "alles, was mir das Leben gegeben hat, und ich habe nichts dafür getan, ihm mehr abzugewinnen".

Ein müdes Spiel mit alterserotischer Folklore und zarter Schlüpfrigkeit

Die Heulerei um das Vertane und Versäumte endet schlagartig, als die alte Bordellmutter eine kaum vierzehnjährige, ständig schlafende Liebesdienerin aufgetrieben hat, die er – und das ist gewissermaßen der besondere Kniff, das sublimiert Literarische des Romans – entgegen aller konventionellen Erwartung nicht besteigt, sondern nur betrachtet. Der Leser notgedrungen auch, der über alle Körperteile der Kleinen, von dem rasierten "Flaum ihrer Scham" bis zu den "knospenden Brüsten", bald bestens im Bilde ist.

Die Liebestheorie, die sich an den imaginären, höheren Liebesakt mit dem schlafenden Mädchen knüpft, erzählt sehr beredt davon, dass nur eine stumme Frau eine gute Frau ist: Solange die Kleine schläft, erfindet der Alte sie nach seinen Vorstellungen, stellt sie im Blümchenkleid in seine Bibliothek, um ihm die Bücher abzunehmen, erfindet ihre Augenfarbe je nach Stimmung und Tageszeit, bringt ihr Mozartquartette und sechs Bände Romain Rolland zu Gehör und hinterlässt ihr poetische Botschaften auf dem Spiegel im Badezimmer ("Delgadina, mein Leben, die Weihnachtswinde sind da"), die sie das Lesen lehren sollen. Wie das so ist zwischen Mann und Frau. "Deine Seele muss sich in meiner Liebe entfalten, und mein Geschöpf mußt Du sein", das hat lange vor García Márquez schon Friedrich Schiller herausgefunden und seiner Braut geschrieben.

Der Alte jedenfalls erlebt des Nachts mit dem nackten bewusstlosen Kind, das seine Tage in einer Knopffabrik zubringen muss, seine "erste Liebe". Seine Glossenproduktion nimmt einen ungeahnten Aufschwung, von "Liebe gemartert" lässt der neu Erblühte sein marodes Haus instand setzen, ordnet die Bibliothek. Das geht so hin, er kauft ihr ein Fahrrad, er bangt um sie (als sie nach einem Mordfall im Bordell für kurze Zeit verschwindet), er findet sie wieder, er schenkt ihr Smaragdohrringe und was der Liebeshändel mehr sind. Der weise Rat einer alten Freundin aus besseren Bordelltagen, "Stirb ja nicht, bevor du das Wunder erlebt hast, aus Liebe zu vögeln", wird in den Wind geschlagen, wofür wir dem Autor durchaus dankbar sind.

Eine "Verherrlichung des Alters", das dem Autor der Zeitungsglossen und vielleicht auch manch anderem Generationenkrieger willkommen wäre, ist der kleine Roman trotz seiner nicht unbeträchtlichen alterserotischen Folklore nicht geworden, davor schützt ihn seine kalkulierte Absurdität. Zur zarten schlüpfrigen Liebesschnulze, zu der das Werk immer wieder beherzt Anlauf nimmt, fehlt ihm erfreulicherweise auf Dauer der Elan. Für eine ernst zu nehmende todeserotische Novelle nach dem Vorbild Kawabatas, der García Márquez angeblich inspiriert haben soll, ist zu viel Schalk in diesem kleinen Buch, dessen hervorragendste Eigenschaft eben darin besteht, mit seinen eigenen Klischees ein altersmüdes Spiel zu treiben.

Auf eine Lösung des geschürzten Liebesknotens wartet man vergebens: Der lüsterne Alte bleibt am Leben und das Mädchen im Tiefschlaf. Das Haus ist geordnet, die Katze gesund, die Haushälterin singt in der Küche. Der Mann ist glücklich. Das klingt fade. Ist am Ende aber überzeugend. Kluge Menschen wissen, dass wahres Glück meistens langweilig ist.