Die Heulerei um das Vertane und Versäumte endet schlagartig, als die alte Bordellmutter eine kaum vierzehnjährige, ständig schlafende Liebesdienerin aufgetrieben hat, die er – und das ist gewissermaßen der besondere Kniff, das sublimiert Literarische des Romans – entgegen aller konventionellen Erwartung nicht besteigt, sondern nur betrachtet. Der Leser notgedrungen auch, der über alle Körperteile der Kleinen, von dem rasierten "Flaum ihrer Scham" bis zu den "knospenden Brüsten", bald bestens im Bilde ist.

Die Liebestheorie, die sich an den imaginären, höheren Liebesakt mit dem schlafenden Mädchen knüpft, erzählt sehr beredt davon, dass nur eine stumme Frau eine gute Frau ist: Solange die Kleine schläft, erfindet der Alte sie nach seinen Vorstellungen, stellt sie im Blümchenkleid in seine Bibliothek, um ihm die Bücher abzunehmen, erfindet ihre Augenfarbe je nach Stimmung und Tageszeit, bringt ihr Mozartquartette und sechs Bände Romain Rolland zu Gehör und hinterlässt ihr poetische Botschaften auf dem Spiegel im Badezimmer ("Delgadina, mein Leben, die Weihnachtswinde sind da"), die sie das Lesen lehren sollen. Wie das so ist zwischen Mann und Frau. "Deine Seele muss sich in meiner Liebe entfalten, und mein Geschöpf mußt Du sein", das hat lange vor García Márquez schon Friedrich Schiller herausgefunden und seiner Braut geschrieben.

Der Alte jedenfalls erlebt des Nachts mit dem nackten bewusstlosen Kind, das seine Tage in einer Knopffabrik zubringen muss, seine "erste Liebe". Seine Glossenproduktion nimmt einen ungeahnten Aufschwung, von "Liebe gemartert" lässt der neu Erblühte sein marodes Haus instand setzen, ordnet die Bibliothek. Das geht so hin, er kauft ihr ein Fahrrad, er bangt um sie (als sie nach einem Mordfall im Bordell für kurze Zeit verschwindet), er findet sie wieder, er schenkt ihr Smaragdohrringe und was der Liebeshändel mehr sind. Der weise Rat einer alten Freundin aus besseren Bordelltagen, "Stirb ja nicht, bevor du das Wunder erlebt hast, aus Liebe zu vögeln", wird in den Wind geschlagen, wofür wir dem Autor durchaus dankbar sind.

Eine "Verherrlichung des Alters", das dem Autor der Zeitungsglossen und vielleicht auch manch anderem Generationenkrieger willkommen wäre, ist der kleine Roman trotz seiner nicht unbeträchtlichen alterserotischen Folklore nicht geworden, davor schützt ihn seine kalkulierte Absurdität. Zur zarten schlüpfrigen Liebesschnulze, zu der das Werk immer wieder beherzt Anlauf nimmt, fehlt ihm erfreulicherweise auf Dauer der Elan. Für eine ernst zu nehmende todeserotische Novelle nach dem Vorbild Kawabatas, der García Márquez angeblich inspiriert haben soll, ist zu viel Schalk in diesem kleinen Buch, dessen hervorragendste Eigenschaft eben darin besteht, mit seinen eigenen Klischees ein altersmüdes Spiel zu treiben.

Auf eine Lösung des geschürzten Liebesknotens wartet man vergebens: Der lüsterne Alte bleibt am Leben und das Mädchen im Tiefschlaf. Das Haus ist geordnet, die Katze gesund, die Haushälterin singt in der Küche. Der Mann ist glücklich. Das klingt fade. Ist am Ende aber überzeugend. Kluge Menschen wissen, dass wahres Glück meistens langweilig ist.