Musik Punk als Bossa Nova
Zwei Phil Collinse aus Frankreich landen eine Überraschungsplatte – das Projekt Nouvelle Vague
Es ist eine Geschichte wie aus dem musikalischen Märchenbuch, und sie begann vor anderthalb Jahren mit einem Telefonat zweier Freunde in Paris. Marc Collin hatte eine total verrückte Idee, Olivier Libaux erschien sie verrückt genug – zwei Tage später machten sie sich an die Arbeit. Im Sommer 2004 kam die Platte: Betitelt ist sie nur das, keine weiteren Namen. Sie erscheint bei Peacefrog, einem Londoner Label, eigentlich für Techno. Weil es keine Werbung gibt, stehen die Chancen auf einen Erfolg wie bei Hunderten anderer Veröffentlichungen, die ein- bis zweitausend Stück verkaufen, wenn es gut läuft. In Deutschland bleibt das Album von den Medien nahezu unbemerkt. Die Musik verbreitet sich dann aber wie ein Virus. Wer sie irgendwo hört, bei Freunden, in einem Club, wird infiziert.
Bis zum Jahresende wird sie sich an die 100000-mal verkauft haben – für Newcomer eine unglaubliche Zahl. Collin und Libaux formen eine Tourband und spielen in Frankreich, Italien, Belgien. In London ist das Konzert ausverkauft, in Dublin stehen so viele Leute vor der Tür wie drinnen im Saal. Nun kommen sie nach Deutschland.
Das Verrückte an Collins Idee ist die Kombination zweier einst populärer Genres, die einander vollkommen fremd sind: New Wave und Bossa nova. Im Französischen werden beide Stile mit dem Wort Nouvelle Vague bezeichnet. Man nehme Songs aus der Zeit von 1977 bis 1984, also Punk, Post-Punk und New Wave, geprägt durch Lärm, Energie und Härte, mit Texten, die von Bullenterror, Ficken und Saufen handeln, und spiele sie nach Art des Antonio Carlos Jobim – elegant, zurückgelehnt, wie in den fünfziger, sechziger Jahren. Das Ganze dargeboten von Franzosen, die weder mit dem einen noch dem anderen Stil hervorgetreten sind.
Wenn sie deine Tür eintreten
Was wirst du tun?
Wirst du die Hände hoch haben
Oder den Finger am Abzug deiner Waffe?
Wenn das Gesetz einbricht
Wo wirst du landen?
Erschossen auf dem Boden
Oder in der Todeszelle im Knast?
- Datum 02.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.12.2004 Nr.50
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