Messer an der Kehle
Die Chöre der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind einsame Spitze. Dennoch steht mancherorts ihre Existenz auf der Kippe
Etwas mehr als 200 Chorsänger in diesem Lande sind neulich zusammengezuckt, aber geschrien haben sie nicht, obwohl sie auch das professionell könnten. Geschrien hat der Komponist Karlheinz Stockhausen. In einem Offenen Brief »an das deutsche Volk« schrieb er, es gebe »gemeine Verbrecher« in den ARD-Anstalten, weil diese den Rundfunkchören das Messer an die Kehle setzen wollten. Die Sender müssen sparen, nachdem die Gebührenerhöhung kleiner ausfallen wird als erwartet, und mancher Intendant hatte angefangen, laut darüber nachzudenken, ob man nicht den einen oder anderen Chor in der ARD zusammenstreichen oder ganz abschaffen könnte. Der SWR-Intendant Peter Voß reagierte formelhaft auf den Protest des Komponisten: Herr Stockhausen solle »verbal abrüsten«, bei Opel und Karstadt gehe es noch anders zur Sache. Beim Sender im Südwesten komme nun »alles auf den Prüfstand«. Auch das weltweit gerühmte SWR-Vokalensemble Stuttgart.
Was müsste so eine Prüfung ergeben? Wahrscheinlich, dass dieses Eliteensemble seinen Programmauftrag radikal ernst nimmt; dass es jene Werke singt, von denen wir in fünfzig Jahren träumen dürfen, dass wir sie heute erleben konnten; dass der Chor international Lorbeeren erntet, aber auch auf neuen CD-Aufnahmen (Debussy, Ravel, Kagel) immer wieder die Spreu vom Weizen in der Gesangskunst trennt. Der SWR-Chor verwendet zwei Drittel seiner Arbeit auf Musik der Gegenwart, dies ist die exemplarische Erfüllung des Programmauftrags. Zugleich hat er seine regionale Präsenz enorm erhöht und ist unter dem Leiter Marcus Creed präsent zwischen Lörrach und Boppard. Das ist ein Befund, den auch Voß kennt, aber nicht ins Kalkül ziehen darf. Er sieht nur die Zahlen. Das SWR-Vokalensemble kostet knapp 2,7 Millionen Euro im Jahr. Gemessen an den Gesamtetats der Sender sind das Peanuts. Nicht für Intendant Voß. Er scheint eher die Sense für ein praktikables Gerät im Umgang mit Chören und Orchestern zu halten.
Die restlichen 170 zuckenden Sänger waren die Mitglieder der weiteren sechs deutschen Rundfunkchöre. Seit Jahrzehnten gelten sie als unentbehrlich: Sie schrauben die künstlerischen Standards für Chorgesang in himmlische Höhen, singen Uraufführungen von Berio bis Ligeti, betreuen Operette, assistieren ihren Orchestern, gehen alleine auf Tournee und füllen die Schallarchive mit schönster Vox humana. Das erfüllte die Sender bisher mit Stolz. Und doch geht es schnell in Deutschland, dass ein Intendant heute sagt, es bleibe alles beim Alten, und schon morgen den Revisor losschickt.
Da traf es sich gut, dass sich einige Chöre vor Zeiten von der reinen Sender-Dienstleistung abkoppelten und als eigenständige Marke auftreten. Reibungslos funktioniert das in Berlin, wo zwischen Rias-Kammerchor und Rundfunkchor Berlin, den beiden singenden Institutionen der ROC Berlin, keine Berührungsängste herrschen. Der Rundfunkchor unter Simon Halsey ist für Chorsinfonisches längst der Dauerpartner von Simon Rattles Berliner Philharmonikern. Darüber hinaus geht der Chor mit dem Deutschen Symphonie-Orchester durchs Feuerbad der Moderne und hat kürzlich unter Kent Nagano zum Beispiel Schönbergs Jakobsleiter eingespielt.
Der Rias-Kammerchor hingegen ist mehr für die Glasbläsereien des Chorklangs zuständig – und durch die Arbeit mit René Jacobs auch im Alte-Musik-Sektor beheimatet, der sonst den Spezialisten vorbehalten scheint. Eben noch sorgte der Chor mit seiner Einspielung von Frank Martins Ariel-Gesängen und Olivier Messiaens Cinq rechants (unter Daniel Reuss) für Furore, jetzt geht er mit Händels Messias auf Reisen. Auch der Rias-Chor versteht sich laut Manager Frank Druschel »nicht mehr als Rundfunkchor im traditionellen Sinne«. Längst ist er sein eigener Konzertveranstalter, der mit den Einnahmen der Abonnementreihen die Tourneen finanziert. Die Berliner Situation ist durch das Modell der ROC vorerst stabil, weil mit Bund, Land Berlin, RBB und DeutschlandRadio vier Träger (und Subventionsgeber) im Boot sind. Da haben es die Chöre fern der Hauptstadt schwerer, weil sie an jeweils einem einzigen Sender hängen.
Aus München macht das Gerücht die Runde, eigentlich habe der Bayerische Rundfunk statt des Rundfunkorchesters seinen Chor opfern wollen, bis jemand mit Kenntnissen der Grundrechenarten einwandte, dass man dann zwei Orchester habe – und keinen Chor mehr. So scheint über den drohenden Tod des Rundfunkorchesters der BR-Chor gerettet, und wer dessen Programm studiert, erkennt sofort, wie komplex die Zuständigkeit in den ARD-Chören ist: An diesem Wochenende singt er Bachs Weihnachtsoratorium, dann folgen in kurzem Zeittakt etwa die 5. Symphonie von Phil Glass, Adriana Hölszkys Gemälde eines Erschlagenen oder Verdis Requiem – und zwar in Verdun.
Gerade für die zeitgenössiche Musik braucht es die Profi-Chöre
Der Chor des Mitteldeutschen Runfunks, den Howard Arman leitet, macht mit hinreißenden chorsinfonischen Aufnahmen auf sein unvermindert hohes Niveau aufmerksam, und der WDR-Rundfunkchor Köln will mit einem neuen Leiter seine Qualität wieder steigern. Rupert Huber gilt als Perfektionist mit Suggestivkraft. Von ihm erhofft sich der Chor, der auf eine legendäre Geschichte zurückblicken kann, Belebung und Beseelung. Huber hat übrigens für die Sparkommissare nur ein Wort übrig: »Lauter Irre!« Auch die Zukunft des NDR-Chors sieht laut Intendant Plog ungefährdet aus, aber in Gestalt des obersten Klangkörper-Managers Rolf Beck scheint der Spaltpilz im eigenen Lager zu sitzen. Der gelernte Chordirigent gilt nicht als Freund des NDR-Ensembles, auf dessen Leitung er sich einmal vergeblich beworben hatte. Damals, so flüstert man in Hamburg, sei der Chor bei Beck in Ungnade gefallen. Beck war jedenfalls dafür verantwortlich, dass der Vertrag von Chordirektor Hans-Christoph Rademann nicht verlängert wurde. Gewiss konnte der NDR-Chor seine herrlichen Reger-Aufnahmen und deren von Rademann prächtig kredenzte romantische Süße nur mit Aushilfen bewerkstelligen, doch wenn dieser Chor in seiner Planstellenzahl merklich reduziert würde, wäre seine Handlungsfähigkeit extrem behindert. Denn qualifizierte Aushilfen sind Mangelware.
- Datum 02.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.12.2004 Nr.50
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