Biografie Unbestimmt mischrassig
Die neue Biografie Arthur Koestlers fragt nach der Bedeutung seiner jüdischen Herkunft
Vor einigen Jahrzehnten war er noch einer der Einflussreichsten und Bestgehassten, einer der Wortgewaltigen und Vielgelesenen; vielleicht die Personifikation des politischen Intellektuellen, der nichts mehr verabscheute als den »Virus der Neutralität« oder den Rückzug in einen Elfenbeinturm. Sein Werk war ein brisantes Amalgam von (Sensations-)Journalismus, Essayistik, Literatur und Agitation – Arthur Koestler suchte nie Deckung hinter seinen Schreibtischen.
Im Juni 1950 in Berlin – eben hatte die Invasion in Korea begonnen – rief er den Teilnehmern des »Kongresses für kulturelle Freiheit« zu: »Freunde, die Freiheit hat die Offensive ergriffen«; dem lässt der moderne Kreuzritter, der die Kerker General Francos kennen gelernt hatte, ein paar Tage später einen Aufruf für eine »europäische Freiheitslegion« folgen.
Zehn Jahre zuvor hatte er den Roman veröffentlicht, der ihn berühmt machte: Darkness At Noon (Sonnenfinsternis, 1940). Mit der morgendlichen Verhaftung zu Beginn wie mit der demütigenden Exekution zu Ende verweist er auf Kafkas berühmten Roman Der Prozess, so als würden nun Konkretion und Entschlüsselung nachgeliefert. In Sonnenfinsternis wird die Loslösung des Angeklagten samt dem Autor von der kommunistischen Bewegung sichtbar, zum andern eine zunehmende Leuchtkraft – durch die Parallelisierung mit der Französischen Revolution gewann der Stalinismus die Würde eines philosophischen Entwurfs.
Neben Orwells 1984 ist Sonnenfinsternis der vielleicht berühmteste Roman über den Stalinismus; und vermutlich haben nur wenige andere Werke eine größere politische Wirkung entfaltet. Koestler hätte kaum Einwände gehabt, seinen in 30 Sprachen übersetzten Roman eine »ideologische Waffe« zu nennen. In Deutschland war es eher der Essay Der Yogi und der Kommissar, den Axel Eggebrecht 1945 in den Nordwestdeutschen Heften publizierte, der eine ähnlich starke Wirkung entfaltete, weil die Leser mit einem scharfsichtigen Bild des Kommunismus konfrontiert wurden, das wenig mit dem vom »jüdischen Weltbolschewismus« und noch weniger mit der pompösen Theaterdekoration der Nachkriegszeit im Osten zu tun hatte.
Vorhersage eines europäischen Untergangs
Koestlers späterer Roman The Age of Longing (Gottes Thron steht leer, 1951) war ebenso hellsichtig, aber boshafter, weil er vor allem die westlichen Intellektuellen attackierte. Die düstere Vorhersage eines europäischen Untergangs im Zeichen Stalins hatte ihr Personal vor der Tür: die zahlreichen Sympathisanten und fellow travellers in Paris, Berlin und Wien.
Danach wurde der politische Autor Koestler ruhiger, es waren nun psychologische und naturwissenschaftliche Themen, die ihn zu erfolgreichen Sachbüchern verlockten. Es ging um Haustiere, genetische Veränderungen und Parapsychologie, zuletzt um das Recht auf einen selbst bestimmten Tod. Den hat er 1983, gemeinsam mit seiner jungen Frau Cynthia, gefunden.
Zwölf Jahre nach seinem Tod outete Michael Foot, der ehemalige Chef der Labour-Party, Arthur Koestler in der Financial Times als Vergewaltiger; und vier Jahre darauf erschien die Biografie von David Cesarani (sie ist nicht ins Deutsche übersetzt worden), die weitere Vorwürfe hinzufügte.
Nun ist Koestler doch wieder aufgetaucht, als Objekt einer Biografie aus der Feder eines jungen Berliner Judaisten. Es wird ein ganz neuer Faden aufgerollt, der bislang kaum Beachtung fand, zumal Koestler selbst, nach der Bedeutung seiner jüdischen Herkunft befragt, ausweichend bis verneinend geantwortet hatte. Christian Buckard folgt den Spuren des jungen Koestler, der sich in Wien einer schlagenden Verbindung von Zionisten anschließt, sich dort mit Otto Weiningers antisemitischen Attacken auseinander setzt und mit Theodor Herzls Programmen, der in Palästina praktische Erfahrungen mit dem Kibbuzleben sammelt, Anhänger des konfliktfreien Zusammenlebens von Arabern und Zionisten wird, aber auch mit terroristischen Aktionen sympathisiert. Später ging er auf energische Distanz und erklärte: »Ich betrachte mich erstens als Mitglied der europäischen Gemeinschaft, zweitens als naturalisierter britischer Bürger unbestimmter mischrassiger Herkunft, der die ethischen Werte unserer hellenisch-judäo-christlichen Tradition akzeptiert und ihre Dogmen ablehnt.«
Es ist nicht der ganze Koestler, der hier porträtiert wird, aber wir stoßen auf eine bemerkenswerte Ergänzung des Bildes –umso erfreulicher, da Koestlers Figur im Nebel der Gleichgültigkeit ganz zu verschwinden drohte.
Arthur KoestlerBiografieSachbuchEin extremes Leben.Christian BuckardBuchC. H. Beck2004München 200424,90424- Datum 02.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.12.2004 Nr.50
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