Materialschlacht Jeder trägt sein Päckchen

Kinder zu beschenken ist einfach, Erwachsene aber sind ein einziges Problem. Warum eigentlich?

Die Dinge haben im entwickelten Kapitalismus einen schlechten Ruf. Sie sind stets verdächtig: Ersatz zu sein, Betäubung, Befriedigung künstlich geschaffener Bedürfnisse. Ein Ding ist nur Ding. Vor dem Konsum von Dingen wird gewarnt: Dinge machen nicht glücklich!

Kinder sehen das vollkommen anders.

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Erwachsene in der Weihnachtszeit natürlich auch.

Als Kind haben wir unser Glück in Dingen gefunden. In einer Modelleisenbahn, einem Puppenhaus, einem Aquarium, einer Angelausrüstung, einem Fahrrad, einem Computer. Haben sie nicht ihr Versprechen gehalten? Haben nicht Dinge, von heute auf morgen, unser Leben verändert?

Natürlich wird kein unglückliches Kind glücklich durch eine Modelleisenbahn, ein Aquarium. Dennoch sind Dinge nicht nur Verstärker eines schon vorhandenen Glücks – Dinge erzeugen Wirklichkeiten. Deswegen haben Geschenke für Kinder eine so große Bedeutung. Die mit Kissen oder Bauklötzen konstruierten Welten, Lego- und Märklin-Landschaften, filmreif ausgestatteten Kaufmannsläden und Räuberhöhlen sind fantasierte Realität. Kein Kind spielt, um sich zu entspannen. Kein Kind spielt zum Spaß. Fußball wird im Ernst gespielt, um zu gewinnen. Musik macht zum Ted, Beatnik, Hippie, Heavy oder Punk. Dem Kind stellt sich die Wahl »Haben oder Sein« nicht: Das Kind will haben, um zu sein. Sein Spiel entspricht der Arbeit des Erwachsenen mehr als dessen Beschäftigung in der Freizeit. Der gefangene Fisch, der Erfolg beim Fußball erscheinen als die Hauptsache. Es ist die Gnade der Kindheit, noch nicht zu wissen, was die Hauptsache ist und wie unwahrscheinlich ihr Gelingen.

Vorbei. Während kindliche Wunschzettel bunte Einkaufslisten putziger Gegenstände ergeben, denken Erwachsene an das Leben und malen mitunter das ganze Erdenelend aus.

Fragt man Erwachsene, was sie sich wirklich wünschen, so sagen sie: ohne finanzielle Sorgen zu sein, Arbeit zu haben, einen anderen Job, der besser zu ihnen passe, dass sie endlich anerkannt würden, verstanden würden, sich verlieben, sich in der Beziehung alles zum Guten wende, ein Kind, ein zweites, ein Enkelkind, mehr Freiheit, mehr Freizeit, noch etwas Lebenszeit, dass die Allergie der Tochter abklinge, der Sohn die Schule schaffe, die Frau Arbeit finde, der Mann die Krankheit überwinde, dass die Angst nachlasse, die Scham. Das alles gibt es nicht zu Weihnachten.

Ein Haus, ein Auto und ein Segelboot – gehören in jede Spielzeugkiste, sind aber in natürlicher Größe keine Glücksgaranten, weil Erwachsene in ihnen ihr Selbst nicht mehr loswerden, weil sie sie selbst sein müssen, wo Kinder spielen können.

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