Materialschlacht Jeder trägt sein PäckchenSeite 3/3
Darum auch kann es so peinlich sein, wenn man ein Geschenk bekommt: weil unsere Mängel erkannt oder unser Reichtum verkannt wird. Geschenke sollen »etwas Passendes« sein, etwas, das uns spiegelt. Die Situation des Beschenktwerdens gleicht einer Feedback-Sitzung in einer Selbsthilfegruppe, in der einem Teilnehmer von den anderen gesagt wird, was von ihm zu halten sei. So sehen wir dich! In jedem Geschenkpäckchen ein Urteil. Und der Richter und Schenker erwartet auch noch Freude und Dankbarkeit, die vorzuenthalten dem Beschenkten nicht zusteht. Eine Runde von Zeugen – Freunde, Familie – wartet mit erwartungsfrohen Gesichtern. Vor allem Menschen mit Geschmack, die in ihren Dingen erkannt werden wollen, werden zu Geschenkphobikern, die ihre Geschenke ausschließlich allein in geschlossenen Räumen auspacken können.
»Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten«, schrieb Adorno. Das ist wahr. Wer ein Geschenk sucht, findet in sich, in seinem Bewusstsein, den anderen. Adorno jedoch übersah, dass viele von uns dazu neigen, vor allem das Unglück des Beschenkten zu imaginieren. Die Peinlichkeit des Fehlgriffs. In Selbsthilfegruppen ist es immerhin legitim, in Tränen auszubrechen.
- Datum 02.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.12.2004 Nr.50
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