I. Wohin treibt die Bundesrepublik? Von unten gab es monatelange Proteste gegen Einsparungen am Sozialhaushalt und Arbeitslosengeld, bei weiter dramatisch hoher Arbeitslosigkeit; von oben wird eine Debatte über Werte sowie eine deutsche oder christliche "Leitkultur" wiederbelebt.

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine Tendenz, die sich seit einigen Jahren abzeichnet, zusätzliche Dramatik: Waren 2002 schon 55 Prozent, so sind in 2004 inzwischen 60 Prozent der Auffassung, dass hier zu viele Ausländer leben. 36 Prozent meinen im Jahr 2004, dass Ausländer in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollen, wenn die Arbeitsplätze knapp werden, 2002 dachten 28 Prozent so. Das ist kein politisches Randphänomen: Dieser Anstieg geht besonders auf Personen zurück, die sich selbst der politischen Mitte zuordnen. In der Mitte der Gesellschaft verschieben sich die Normalitäten.

So stieg auch die Zahl derjenigen spürbar, die dem Urteil widersprechen, der Islam habe eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht, nämlich von fast 37 im Jahr 2003 auf 44 Prozent in diesem Jahr. Die Ansicht, dass die muslimische Kultur in die westliche Welt passe, lehnten 2003 bereits fast 66 Prozent ab, auch diese ohnehin hohe Zahl ist auf inzwischen knapp 70 Prozent gestiegen.

Parallel dazu verändert sich die Desintegrationsqualität. Von 2002 bis 2004 ist die Erwartung, die eigene wirtschaftliche Situation werde sich verschlechtern, von fast 24 auf über 40 Prozent gestiegen. Damit korrespondieren ähnliche Entwicklungen wie die Angst vor Arbeitslosigkeit.

Dies sind Ergebnisse einer auf zehn Jahre angelegten Dauerbeobachtung dieser Gesellschaft im Hinblick auf den Umgang mit schwachen Gruppen. Drei Spaltungslinien lassen sich aus unseren empirischen Befunden ablesen. Eine drückt sich sozial aus: Die Kluft zwischen oben und unten wird größer. Ein zweiter Spalt zeigt sich politisch-geografisch, also in den mentalen Entwicklungen zwischen Ostdeutschen einerseits und Westdeutschen andererseits. Schließlich die zunehmende, mittlerweile unübersehbare ethnisch-kulturelle Spaltung zwischen Mehrheit und muslimischer Minderheit.

Solche wachsenden Spaltungen führen unter anderem zu dem galoppierenden Vertrauensverlust gegenüber Politikern und demokratischen Institutionen. Die sozialen Desintegrationsprozesse haben ebenfalls Folgen: Es wachsen feindselige Mentalitäten, die sich gegen schwache Gruppen richten, die – soweit sie artikulations- und mobilisierungsfähig sind – ihrerseits mit Abwehr, Distanz, Rückzug oder aufgrund ihrer schwachen Position meist mit verdeckten Aggressionen reagieren.