biologie Surfen im Ozean des WissensSeite 2/2
In Rainer Fröses fishbase gehen sogar fast doppelt so viele neue Arten ein wie beim globalen marinen Zensus. »Bei uns werden ungefähr 200 neue Fischarten pro Jahr beschrieben«, erzählt er. Wie ist das möglich? »Es kommen die Arten aus dem Süßwasser hinzu, etwa aus dem Amazonas, dem Mekong und den afrikanischen Seen.« Dabei hat er die Neuentdeckungen der Hobbyforscher noch nicht mitgezählt. »Weil diese die strengen wissenschaftlichen Kriterien unserer Datenbank nicht erfüllen«, erklärt er. Nähme er sie auf in den wissenschaftlichen Olymp, dann bekäme er Ärger mit seinen wichtigsten Kooperationspartnern, den ebenso strengen wie seltenen Taxonomen. Warum richtet er nicht quasi ein Fegefeuer ein, eine Bank mit von Hobbyforschern vorläufig beschriebenen und längst in heimischen Aquarien herumschwimmenden Arten? »Das geht nicht«, wehrt er ab. In der Wissenschaft gelten strikte Regeln, sie gestattet nicht »ein bisschen Schwangerschaft«. Entweder wird korrekt bestimmt oder gar nicht.
Allerdings hat auch er mit der schleppenden Artenbestimmung Probleme: »So beschreibt ein hervorragendes Buch Haie und Rochen in Australien«, erzählt er. Aber weil die Autoren, selbst Taxonomen, keine Zeit hatten, alle Arten nach den aufwändigen Regeln ihrer Zunft zu bestimmen, erhielten etliche Fische nur Nummern und keinen Namen. »Manche davon stehen bereits mit diesen Nummern auf der Roten Liste der bedrohten Arten«, sagt Fröse.
Offenbar kommen die Taxonomen mit der Arbeit kaum nach. Immerhin hilft inzwischen das relativ junge Deutsche Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung in Wilhelmshaven beim Zensus in der Tiefsee (Projekt Cedamar).
Fröses Fischdatenbank hat sich allmählich zu einem Kulturgut gemausert. Sie ist nicht mehr ausschließlich ein Instrument für Wissenschaftler, das Fachleute wie der Konstanzer Evolutionsbiologe und Buntbarschkenner Axel Meyer als »feine Sache« loben. Auch Meyer moniert übrigens, dass Hobbyforscher etwa bei den Victoria-Buntbarschen mit ihren Artbezeichnungen teilweise Verwirrung stiften. Neben den Fachleuten schätzt offenbar auch eine wachsende Laienschar die Fischdatenbank, schließlich verzeichnet die fishbase jeden Monat zehn Millionen Besucher. Von einem solchen Andrang wagen Museums- oder Zoodirektoren kaum zu träumen. Laien können in der Datenbank 28700 Fischarten in 37400 Bildern bewundern, von 1170 Mitarbeitern zusammengetragen und in acht Sprachen beschrieben, darunter auch in Deutsch. Alles eintrittsfrei.
Einen attraktiven Einstieg für Neugierige ins Reich der Fische vermittelt die Rubrik »best photos«. Jeder Nutzer der Datenbank kann sein Lieblingsfoto auswählen. So entstehen wöchentlich neue, reizvolle Ranglisten der schönsten Fischfotos im Netz. Diese lassen sich zunächst briefmarkengroß in einer Panoramaübersicht betrachten, durch Anklicken wächst dann jedes Bild auf Postkartenformat. Über den wissenschaftlichen Namen lassen sich auch die volkstümlichen Bezeichnungen des Fisches samt den biologischen Grundinformationen abrufen. So erlaubt der große, über viele Jahre gewachsene fishbase-Datenschatz genüssliches Surfen durch das artenreichste virtuelle Aquarium der Welt.
Rekordorientierte Zeitgenossen können zudem in Wort und Bild studieren, welche die zehn größten, die zehn schnellsten (der Schwarze Marlin schafft 130 km/h), die zehn kleinsten, schwersten oder auch fruchtbarsten Fischarten auf diesem Globus sind. Geschicktes Arrangement des gespeicherten Wissens verwandelt so trockene Fakten in spannenden Stoff.
Die fishbase lässt erahnen, welche Faszination das Riesenprojekt des Zensus im Ozean künftig vermitteln könnte, wenn noch wesentlich mehr Daten als bisher zur Verfügung stehen werden. Bereits jetzt laden auch dort schon zahlreiche Fotos und Videos zum Stöbern in der Artenvielfalt ein. So lassen sich Kopffüßer (Cephalopoden) in verschiedensten Varianten und bei der Jagd auf Beute beobachten. Oder auch schier Unglaubliches: Schneefall am Boden der Tiefsee. Videoaufnahmen aus einem Forschungs-U-Boot zeigen, dass manchenorts Algenreste derart reichlich zu Boden rieseln, dass ihre Flocken auffällig an Schneetreiben erinnern. Dieser nährstoffreiche Segen von oben dürfte wohl vielen noch unbekannten Arten die Lebensgrundlage bieten.
- Datum 02.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.12.2004 Nr.50
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