Bisher hatten die Palästinenser den Übergang in die Post-Arafat Ära ziemlich gut gemeistert. Sie bewiesen Einheit in diesen schwierigen Zeiten, kündigten demokratische Wahlen für den 9.Januar an, reduzierten die Gewalt und redeten von der Wiederaufnahme des Friedensprozesses. Ein Wandel war auch in den Medien spürbar, wo die Hetzetiraden gegen Israel zurückgingen. Für Mahmud Abbas, der als künftiger Präsident gehandelt wird, hätten die Dinge nicht besser laufen können. Nun sorgt die im letzten Moment doch noch angekündigte Kandidatur von Marwan Barghuti, dem in Israel inhaftierten Fatah-Chef des Westjordanlands, für Aufruhr. Denn Barghuti ist beim Volk populär, er gehört der sogenannten "Jungen Garde" innerhalb der Fatah-Bewegung an. Sein Ausscheren als unabhängiger Kandidat könnte auf eine Spaltung der Bewegung hinweisen, wo die Vertreter der jüngeren Generation schon länger ein größeres Mitspracherecht einklagen.Dabei ist nicht ganz klar, was den 45jährigen Barghuti zu seinem plötzlichen Meinungsumschwung bewogen hat; hatte er doch vor wenigen Tagen erst Abbas im Namen der Einheit der Fatah-Bewegung seine Unterstützung erklärt. Es wird gemunkelt, dass ihm sein Anwalt zu diesem Schritt geraten habe, um seine Position gegenüber Israel zu stärken und damit die Chancen auf eine Freilassung zu erhöhen. Barghuti war wegen seiner Rolle in der bewaffneten Intifada zu einer mehrfach lebenslänglichen Haft verurteilt worden. Es könnte deshalb auch gut sein, dass es sich Barghuti bis zu den Wahlen wieder anders überlegt. In jedem Fall aber ist seine Kandidatur ein Schlag für Mahmud Abbas wie für die gesamte Fatah-Bewegung.Weniger überraschend hingegen kam das "Nein" für Ariel Scharon am Mittwoch abend in der Knesset. Der israelische Premier konnte keine Mehrheit für den Haushaltsetat 2005 hinter sich scharen und feuerte daraufhin den Koalitionspartner Shinui. Jetzt muss sich Scharon neue Verbündete suchen – entweder in Form einer "Regierung der nationalen Einheit" unter Einschluss der Arbeitspartei und der Ultraorthodoxen, oder durch die Ausrufung von vorgezogenen Neuwahlen. Wahrscheinlicher ist die erste Variante, denn Scharon will den für nächsten Sommer geplanten Abzug aus dem Gazastreifen nicht gefährden.Neuwahlen aber würden die Umsetzung seines umstrittenen Trennungsplans erst einmal weiter verzögern. Und solange er diesen Kurs beibehält, will ihn auch die linke Yachad-Partei im Parlament unterstützen. Scharons größtes Problem derzeit aber sind nicht seine politischen Gegner, sondern – ähnlich wie bei Mahmud Abbas – die eigenen Leute. Denn um eine Grosse Koalition mit der Arbeitspartei einzugehen, braucht Scharon die Zustimmung seiner eigenen Partei, die immer mehr auf Kriegsfuss mit ihm steht. Die Würfel werden wohl nächste Woche fallen. Dann soll das Zentralkomitee des Likuds nämlich entscheiden, ob Scharon sich mit der Arbeitspartei verbünden darf. Falls nicht, werden auch die Israelis bald zur Wahl gehen.