Angela Merkel ist die mächtigste Politikerin Deutschlands. Aber verkörpert sie das Lebensgefühl moderner Frauen? Wohl nicht: zu hart, zu einsam, zu viele Feinde. Eher sind es Heldinnen der weiblichen Populärkultur, die den femininen Zeitgeist ausdrücken: Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda aus Sex and the City, die Mädels aus Ildikó von Kürthys Bestsellern oder Bridget Jones. Das Verlangen nach Macht ist diesen Figuren fremd. Sie haben auskömmliche, wenn auch überwiegend perspektivlose Jobs. Sie zelebrieren, bei stetem Bedauern über die eigene Kinderlosigkeit, das urbane Single-Dasein. Und sie sind permanent auf der Suche nach einem Mann.

Dreißig Jahre nach Ausrufung der Frauenbewegung scheint das ein bisschen wenig Ehrgeiz zu sein. Aber es gibt ja auch seit langem keine Bewegung mehr, nur noch Frauen. Frauen, die formal jede Chance haben, ihr Leben selbst zu gestalten – und dafür den üblichen Preis der Freiheit zahlen, denn jede Fehlentscheidung müssen sie sich nun selbst zurechnen. Es gehört sich nicht länger, über "das Patriarchat" zu klagen. Das heißt nicht, dass es keine patriarchalen Strukturen mehr gäbe: Besonders die Spitzenpositionen in Wirtschaft, Medien und Wissenschaft sind hierzulande fest in Männerhand, anders als in Frankreich, Skandinavien oder den angelsächsischen Ländern. Allgemein weibliche Karriereblockaden dürften weltweit ähnlich aussehen. Was aber sind die spezifisch deutschen?

Gewiss liegt der gebremste Aufstieg nicht an der Faulheit oder mangelnden Opferbereitschaft der Frauen. Im ersten Drittel des Lebens sieht es vielmehr so aus, als seien sie besser als die Männer für die Anforderungen einer postindustriellen, globalisierten Welt gerüstet. Mädchen lernen fleißiger, sie lesen mehr, sie können sich leichter konzentrieren und sind kommunikativer. Anscheinend trägt die traditionelle Mädchenerziehung, die auf Anpassung und Anspruchslosigkeit zielte, späte, ironische Früchte in Gestalt von besseren Ausbildungszertifikaten, Abiturprüfungen und Hochschulabschlüssen. Fragt man Studentinnen, wird man von den meisten hören, sie strebten nach beruflichem Erfolg; von keiner, sie suche einen Ernährer. Sehr viele wollen Kinder. Ziemlich sicher. Vielleicht. Irgendwann.

Allerdings schlagen sie sich bis heute mit dem typisch deutschen Hausfrauenkomplex herum, der mütterliche Berufstätigkeit eigentlich nur bei Strafe schwerer Selbstvorwürfe zulässt. Historisch mag es dafür eine gute Erklärung geben: die Erfahrung mit zwei Diktaturen, die das staatliche Erziehungswesen gegen die Familien zu instrumentalisieren trachteten. Zugleich schuf das Wirtschaftswunder überhaupt erst die ökonomische Möglichkeit, auf ein zweites Familieneinkommen zu verzichten. Die jungen Frauen versuchen, dem Rabenmutter-Dilemma in ihrem Kopf durch Anwendung des "Erst-mal-Prinzips" zu entgehen: erst mal Examen machen, erst mal ins Ausland, erst mal beruflich Fuß fassen. Das Prinzip ist rasend wirksam: Mehr als sechzig Prozent der unter-35-jährigen Akademikerinnen sind inzwischen kinderlos. Für wie viele dürfte sich das bis Anfang vierzig noch ändern: zehn Prozent? Zwanzig? Fest steht: Verstetigt sich diese Entwicklung, dann wird Fortpflanzung zu einem Minderheiten- und Unterschichtenphänomen. Das brauchte die Frauen individuell erst mal nicht zu kümmern – wenn sie denn mit ihren beruflichen Erfolgen zufrieden sein könnten.

Die Politik hat den demografischen Großtrend – das Verschwinden der Kinder und die Überalterung der Gesellschaft – schon vor ein paar Jahren erkannt. Sie sucht ihm mit der Zauberformel "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" beizukommen, was bedeutet: mehr Kindergarten- und Krippenplätze. Dagegen kann niemand etwas haben, nur: Kindergartenplätze sind eben nicht das Problem junger, hoch qualifizierter Frauen, die vorankommen wollen. Sie haben noch gar keine Kinder. Kann es sein, dass die Lautstärke der politischen Botschaft ihnen vor allem suggeriert, "Vereinbarkeit" sei eine ganz schwierige Angelegenheit, fast ein Ding der Unmöglichkeit? Da lässt man die Sache mit den Kindern doch lieber sein.

Paradoxerweise machen aber auch die prophylaktisch kinderlosen, flexiblen Frauen nicht umstandslos Karriere. Die Vorstandsebene der dreißig Dax-Unternehmen ist praktisch frauenfrei. In den Medien tummeln sich zwar Journalistinnen, die Nachrichten präsentieren, aber bei Ressortleitern, Chefredakteuren und Intendanten sieht es weiter düster aus. Und mehr als sechs Prozent C4-Professorinnen hat der akademische Fleiß der Frauen noch nicht hervorgebracht. Der Mangel an Vorbildern verdichtet sich zu einem Standortnachteil und signalisiert dem weiblichen Nachwuchs: Führen ist nichts, was Frauen ebenso natürlich zukommt wie Männern. In Deutschland fehlen zudem die Bildungsinstitutionen, die den Geschlechterunterschied ausgleichen könnten: Eliteuniversitäten wie Harvard, Oxford oder die Ena, um deren Absolventinnen sich jeder Arbeitgeber ebenso reißt wie um die Absolventen. Womöglich ist auch unser Wirtschaftsführermilieu im internationalen Vergleich besonders konservativ. Deutsche Familienunternehmer plagen immer noch Zweifel an weiblicher Führungsfähigkeit, manchmal auch die rührende Sorge, mit wem nur man die unverheiratete Kollegin zum Abendessen einladen solle.