schule »Wir ernten erste Früchte«

Wie gut sind unsere Schüler? Was können Eltern, Lehrer und Kultusminister für eine bessere Schule tun? Ein Gespräch mit Manfred Prenzel, dem Leiter der deutschen Pisa-Studie 2003

DIE ZEIT: Herr Professor Prenzel, seit Tagen wird über die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie gestritten. Haben Deutschlands 15-Jährige denn nun besser abgeschnitten als vor drei Jahren?

Manfred Prenzel: Im internationalen Vergleich eindeutig ja. Bei Pisa 2000 lagen wir beim Lesen, in Mathematik und Naturwissenschaften unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Diesmal liegen wir überall im Mittelfeld. Will man wissen, ob die deutschen Schüler mehr können als ihre Vorgänger vor drei Jahren, dann ergibt sich ein differenziertes Bild.

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ZEIT: Und zwar?

Prenzel: In der Mathematik und in den Naturwissenschaften sind die Leistungen gestiegen. Anschaulich ausgedrückt, entspricht die Verbesserung in etwa dem Stoff von drei bis sechs Monaten Unterricht.

ZEIT: Wie sieht es mit der Lesekompetenz aus?

Prenzel: Da ist keine Steigerung festzustellen. Zwar haben wir diesmal einen geringfügig höheren Wert erreicht, aber der ist statistisch nicht bedeutsam (siehe Grafik Seite 76). Beim Lesen sind unsere Schüler ins Mittelfeld gerutscht, weil der internationale Schnitt leicht gesunken und unser Wert minimal besser geworden ist.

ZEIT: Haben Sie mit den Ergebnissen gerechnet?

Prenzel: Ich habe mich über die Ergebnisse gefreut. Die Schule ist ja eher ein träges System. Anscheinend haben doch zahlreiche Lehrer ihren Unterricht verbessert und viele Schüler mehr in der Mathematik und den Naturwissenschaften gelernt und verstanden. Das aufregendste Ergebnis findet sich jedoch auf einem Feld, das wir erstmals getestet haben: dem Problemlösen.

ZEIT: Worum geht es da?

Prenzel: Hier müssen die Schüler mit Kreativität praktische Probleme lösen, etwa: Wie finde ich mit Hilfe einer Karte den schnellsten Weg von Berlin nach Stuttgart? Hier liegen die deutschen Schüler klar über dem internationalen Durchschnitt. Diese Art des Problemlösens wird jedoch in erster Linie nicht im Unterricht vermittelt, sondern im Alltag außerhalb der Schule.

ZEIT: Das spricht nicht für die Schule.

Prenzel: Zumindest zeigt es, dass unsere Schüler ein geistiges Potenzial haben, das die Schule noch nicht ausreichend in Wissen und Verständnis umsetzt. Viele Problemlöseaufgaben erfordern im Grunde mathematisches Verständnis. Unsere Schüler könnten also in Mathematik weit besser sein, wenn sie im Unterricht interessante und anspruchsvolle Probleme lösen müssten.

ZEIT: Aber in Mathematik und den Naturwissenschaften gibt es doch Verbesserungen?

Prenzel: In den letzten Jahren hat sich im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht einiges getan, das weiter ausgebaut und verbreitert werden sollte. Viele Lehrer in den Schulen und Fachdidaktiker an den Universitäten haben gemerkt, dass wir intelligentere Aufgaben brauchen, um die Schüler im Unterricht zu erreichen. Sie haben Neues ausprobiert – jetzt ernten wir davon möglicherweise die ersten Früchte.

ZEIT: Weshalb tut sich beim Lesen nichts?

Prenzel: Dass mit unserem Unterricht in Mathematik und den Naturwissenschaften etwas im Argen liegt, wissen wir bereits seit 1997…

ZEIT: …da wurde Timss veröffentlicht, die Third International Mathematics and Science Study, wo deutsche Schüler nur mittelmäßig abschnitten.

Prenzel: Das hat der deutschen Selbstüberschätzung einen Dämpfer gegeben, und als Reaktion darauf wurden einige Verbesserungen eingeleitet. Dagegen wurde erst Ende 2001 »Lesealarm« geschlagen mit der ersten Pisa-Studie. Die Daten für die jetzige Studie wurden eineinhalb Jahre danach erhoben. In diesem kurzen Zeitraum kann man keine Veränderungen erwarten.

ZEIT: Wir hoffen also auf Pisa 2006?

Prenzel: Durch Warten ändert sich nichts. Es dürfte aber weitaus einfacher sein, die Mathematikleistungen zu steigern als die Lesekompetenz, die nicht nur vom Deutschunterricht abhängt. Die Grundlagen des Lesens werden im Vorschulalter gelegt. Das Elternhaus ist wichtig, die Kindergärten. Und in der Schule ist auch entscheidend, wie in allen Fächern mit Texten umgegangen wird.

ZEIT: Aufsätze schreiben im Bio-Unterricht?

Prenzel: Warum nicht? Im Mathematikunterricht könnten Schüler Zeitungsartikel aus dem Wirtschaftsteil lesen und das zugrunde liegende mathematische Problem bearbeiten. Das Ergebnis eines chemischen Versuchs könnten sie schriftlich formulieren. Andere Länder machen das. Das Lesen – und auch das Schreiben – wird bei uns zu wenig geübt und angeleitet. Nach der 4. Klasse ist Schluss damit. Dabei sehe ich selbst bei Studenten, wie schwer sie sich tun, in Seminararbeiten Sachtexte zu formulieren.

ZEIT: Ein genauer Blick in die Studie zeigt, dass sich vor allem die Gymnasiasten verbessert haben. An den Hauptschulen hat sich nichts getan.

Prenzel: Richtig, unser Bildungssystem fördert die schwächeren Schüler zu wenig. Auch nach der neuen Pisa-Studie haben wir eine im internationalen Vergleich große Gruppe so genannter Risikoschüler. Fast jeder vierte 15-Jährige kann keinen Text mit Verständnis lesen und nur auf Grundschulniveau rechnen. Ein erschütternder Befund. Diesen Schülern wird der Start ins Leben verbaut. Und die Gesellschaft verschleudert, was Ökonomen Humankapital nennen. Angesichts des Fachkräftemangels ist das unverantwortlich.

ZEIT: Wie kann man das ändern?

Prenzel: Wir brauchen gezielte Programme, um das Lesen zu fördern – vor allem an den Hauptschulen. Den Lehrern an den Hauptschulen kann ich nur raten, die Chance der Bildungsstandards zu nutzen: nicht so sehr auf den Stoff achten, sondern auf das Können, die Kompetenz. Der Unterricht muss sich stärker daran orientieren, was für die Schüler von Bedeutung ist. Um die Lesekompetenz zu schulen, könnte man die Gebrauchsanweisung für einen Videorekorder als Unterrichtsstoff behandeln oder die günstigsten Handy-Tarife herausfinden. Aufgaben, die durchaus nicht trivial sind, wie jeder weiß. Rechnen und Geometrie lernen sich leichter, wenn etwa ein pensionierter Handwerker mit den Schülern zusammen eine Hütte für den Schulhof baut. Der Hebel, um Deutschland im internationalen Vergleich nach oben zu bringen, ist eine Steigerung bei den schwächsten Schülern.

ZEIT: Unter ihnen befinden sich erneut viele Ausländerkinder. Schneidet Deutschland deshalb so schlecht ab, weil wir so viele von ihnen haben?

Prenzel: Nein. Erstens besteht die so genannte Risikogruppe mehrheitlich aus Schülern deutscher Herkunft. Und zweitens zeigen Länder wie Holland oder Schweden, dass mit entsprechender Sprachförderung Kinder von Einwanderern zu etwas besseren Leistungen gebracht werden können. Allerdings haben hier alle Nachbarländer mit einer vergleichbaren Migrationssituation Probleme. In Deutschland hinken die Kinder der so genannten ersten Einwanderergeneration – umgerechnet in Schulstoff – ihren Alterskameraden um rund zwei Jahre hinterher. Sie sind hier geboren und haben unser Schulsystem komplett durchlaufen. An diesem Problem müssen wir dringend arbeiten.

ZEIT: Die soziale Herkunft scheint die wichtigste Voraussetzung für den Schulerfolg zu sein.

Prenzel: Die soziale Herkunft spielt nach wie vor eine wichtige Rolle. Nicht allein das Können des Kindes entscheidet darüber, ob es ein Gymnasium besucht. Kinder aus den oberen Sozialschichten haben deutlich bessere Chancen, aufs Gymnasium zu kommen, auch bei gleicher Intelligenz und gleicher Lese- und Mathematikkompetenz. Daran hat sich seit Pisa 2000 nichts geändert.

ZEIT: Würde eine Gesamtschule für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen?

Prenzel: Wer nur die Schulstruktur ändert, wird auf die Nase fallen. Unsere Lehrer sind gar nicht dazu ausgebildet, Schüler mit unterschiedlicher Leistungsstärke zu unterrichten.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Prenzel: Zum Beispiel in die Niederlande zu schauen, deren Leistungen international spitze sind. Die Holländer haben eine ähnliche Einwanderungssituation wie wir. Es gibt, wie bei uns, ein gegliedertes Schulsystem. Dennoch werden die Schüler dort erst nach sechs Jahren getrennt. Hinzu kommt eine Frühförderung, die in der Regel mit vier Jahren beginnt. Das gibt den holländischen Schulen viel mehr Zeit als unseren, herkunftsbedingte Defizite auszugleichen. Ebenso vorbildlich ist die große Autonomie der Schulen.

ZEIT: Aber unsere Bildungspolitiker haben doch nach der Pisa-Studie viele Reformen eingeleitet, etwa den Schulen mehr Selbstständigkeit gegeben. Reichen die Neuerungen nicht aus?

Prenzel: Zunächst möchte ich die Kultusminister in Schutz nehmen. Die Öffentlichkeit erwartet von ihnen Reformen, die schnelle Erfolge bringen. Die gibt es im Bildungswesen jedoch kaum. Nehmen Sie die Bildungsstandards, von denen einige glauben, sie könnten in kurzer Zeit den Unterricht verbessern. Das ist eine Illusion. Bis die Standards in den Schulen Wirkung zeigen, vergehen fünf Jahre. Ebenso unrealistisch sind überzogene Erwartungen an das neue Institut für die Qualitätssicherung im Bildungswesen. Das IQB soll für die Tests Standards entwickeln und den Schulen Hilfe geben, wie sie mit den Ergebnissen umgehen. Dafür sind nur 20 Stellen vorgesehen. Cito, das Testinstitut in den Niederlanden, beschäftigt allein mehr als 300 Mitarbeiter.

ZEIT: Und die selbstständigen Schulen?

Prenzel: …gibt es bislang nur wenige. Da ist die Rhetorik der Realität weit voraus. Hinzu kommt: Selbstständige Schulen brauchen einen Schulleiter mit Managerfähigkeiten. Unsere jetzigen Schulleiter aber sind im besten Fall gute Pädagogen.

ZEIT: Stichwort Ganztagsschulen.

Prenzel: Die bringen dann einen pädagogischen Fortschritt, wenn dort eine andere Schule entsteht, die Theaterleute, Handwerker, Sportvereine in die Schule holt und deren Aktivitäten mit dem Unterricht verzahnt. Bislang sehe ich oft nur Halbtagsschulen mit Mittagstisch.

ZEIT: Die Lehrerbildung soll praxisnäher werden, sagen die Kultusminister…

Prenzel: Bislang gibt es ein paar kosmetische Änderungen. Die Universitäten nehmen die Lehrerbildung noch nicht richtig ernst. Auch das Mitwirken der Eltern in der Schule kann verbessert werden. Unausgesprochen werden sie als Hilfslehrer gefordert. Aber wo ist der Lehrer, der ihnen sagt: Hier ist eine vielversprechende Methode, nach der man zu Hause gut Vokabeln lernen kann.

ZEIT: Das klingt pessimistisch.

Prenzel: Nein, es tut sich was. Aber vieles sieht noch nach Stückwerk aus. Wenn wir etwas ändern wollen, dann müssen wir doch – von der Politik bis zur einzelnen Schule – Ziele formulieren, die Einzelmaßnahmen darauf beziehen und Fristen setzen.

ZEIT: Zum Beispiel?

Prenzel: Indem man sagt, bis zum Jahre X sollen unsere Schulen selbstständig werden. Zugleich entwickeln wir bis dahin Standards und Tests, um die Schulen regelmäßig an ihren Ergebnissen zu messen. Und als Drittes wird die Ausbildung von Lehrern und Schulleitern so umgestellt, dass die mit der Selbstständigkeit umgehen können.

ZEIT: Darf man eine Planung aus einem Guss von einem Gremium erwarten, in dem 16 Bildungsminister etwas zu sagen haben?

Prenzel: Da braucht man dann eben 16 langfristige Planungen. Ein echter Wettbewerbsföderalismus dagegen könnte die Schulen nach vorn bringen. Dazu ist aber ein sportlicherer Umgang miteinander nötig. Wenn Schleswig-Holstein meint, mit Gemeinschaftsschulen seine Schüler zu besseren Leistungen zu bringen, dann sollte Bayern meinetwegen sagen: Wir setzen weiter aufs gegliederte System. Und nach ein paar Jahren schaut man, welcher Weg mehr Erfolg bringt. Stattdessen wirft man sich gegenseitig vor, ungerecht beziehungsweise gleichmacherisch zu sein.

ZEIT: Was kann man tun, um den heutigen Schülern zu helfen, der Generation Pisa?

Prenzel: Ein besserer Unterricht bringt am schnellsten messbare Leistungssteigerungen. Doch über den Unterricht wird zu wenig gesprochen. Die Lehrer sollten weniger aus der Perspektive ihres Stoffs denken, sondern stärker aus der Sicht des Schülers. Würden sie noch mehr Verantwortung für die Lernfortschritte ihrer Schüler empfinden, wäre dies ein gewaltiger Schritt.

ZEIT: Wann werden unsere Schüler Spitze sein?

Prenzel: Das wird noch etwas dauern. Aber etwas ändern können wir schon heute. Eigentlich müssten sich in jeder Schule die Lehrer zusammensetzen und überlegen, was zu tun ist. Wollen sie erst warten, bis ein externer Moderator sie miteinander ins Gespräch bringt? Das wäre traurig. Ebenso fatal wäre es, angesichts der leichten Verbesserungen darauf zu vertrauen, dass es weiter bergauf geht. Die Ergebnisse von Pisa 2003 zeigen, dass wir besser werden können. Wir müssen die Anstrengungen aber noch weiter verstärken.

Das Gespräch führten Thomas Kerstan und Martin Spiewak

 
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