Das gelobte Land heißt Europa. Wie ein Zauberwort wird es auf den Demonstrationen in der Ukraine herumgereicht, als Synonym für Freiheit und Demokratie. Die Europaflagge hängt auf den Tribünen der Opposition in Kiew, gleich neben den Bannern in Orange, der Farbe der Revolution. Für die ukrainischen Demokraten liegt der Traum von einer besseren Zukunft nicht in Amerika, sondern in Europa. Da mag sich die Europäische Union während des Irak-Kriegs vor aller Welt zerstritten haben – sie bleibt doch ein unwiderstehlicher Magnet.

Seinen Nachbarn erscheint Europa als Reich der Seligkeit, dessen Bürger um Freiheit und soziale Sicherheit zugleich zu beneiden sind. Die EU ist so beliebt bei anderen Völkern, dass manchen Europäern angst wird vor dieser Sympathie, die wie eine Naturgewalt daherkommt. Müssen wir jedes Volk in die europäische Familie aufnehmen, das sich – die Europahymne auf den Lippen – von seinen Despoten befreit? Sind wir mittlerweile unfähig zum "Nein, bis hier hin und nicht weiter"? Entscheiden nicht wir, sondern die Nachbarn über unsere Grenzen? Folgt im EU-Mitglieder-Alphabet irgendwann auf Malta Marokko und auf die Türkei Turkmenistan?

So könnte es kommen, wenn Strategen wie die EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner der Ukraine den Aufnahmeantrag frei Haus nach Kiew schicken, wenn sogar Kommissionspräsident Barroso beiläufig über eine Mitgliedschaft Kiews spekuliert. Derlei Angebote sind leichtsinnig dahingeworfen und schwer zu erfüllen. Sie wecken falsche Hoffnungen und machen vergessen, dass die EU sehr wohl in der Lage ist, mit sachlichen Gründen zu entscheiden, wer zu ihr zählt und wer nicht.

Längst hat die Union Kriterien entwickelt, um fremde Länder in EU-Kandidaten, in Vielleicht-einmal-EU-Mitglieder und Nicht-EU-Staaten zu unterteilen: Diese Kriterien sind das Recht und die Geografie. Das sich immerfort ausdehnende Europa sieht aus wie ein Weltreich wider Willen, doch ist es vor allem eine Großmacht des Rechts. Nur wer sich ihrem Recht bedingungslos unterwirft, erlangt die Erlaubnis, der EU beizutreten. Und: Wenigstens ein Teil des Beitrittslandes sollte schon auf dem Kontinent liegen. Leider hat Brüssel diese Kriterien bisher nicht konsequent verfolgt. Doch wenn die EU darauf beharrt und diese Bedingungen selbstbewusst nach außen vertritt, wird sie sich klare Grenzen geben können.

Das Recht: Manche sagen, Europa werde durch seinen christlichen Glauben geeint, andere halten Kultur und Geschichte für den Kitt des Kontinents. Doch ist Europa keine Religionsgemeinschaft und nur bedingt eine Wertegemeinschaft. Das gesamteuropäische Glaubensbekenntnis ist das Recht. Im Mittelalter machten Feudal-, Stadt- und Kirchenrecht den Unterschied zwischen Europa und Despotien an seinen Rändern aus. Die Trennung von Kirche und Staat, die Übernahme des römischen Rechts, die Verbreitung des französischen Code civil haben Europas Kern geprägt und nach außen abgegrenzt. Heute gilt in der EU der so genannte Acquis communautaire: Das sind über 80000 Gesetze, die jedes nach Europa drängende Volk ohne Wimperzucken übernehmen muss. Die EU hat mit den Kopenhagener Kriterien von 1993 und den Beschlüssen von Helsinki 1999 jedem Kandidaten überprüfbare Bedingungen auferlegt. Der Beitrittskandidat Türkei hat es schwerer als alle Vorgänger, denn die EU hält sich allerlei Nebentüren offen, durch die sie aus den Verhandlungen mit dem Land am südöstlichen Rand der Gemeinschaft aussteigen könnte.

Der Ural ist nur eine Hügelkette und keine natürliche Schranke

Die Geografie: Europa liegt nicht in Zentralasien und nicht am Pazifik, es reicht auch nicht in die Sahara. Deshalb ist die Frage, wo die EU endet, in drei Richtungen einfach zu beantworten – im Wasser. Nach Norden erstreckt sich das Nordmeer, nach Westen der Atlantik, nach Süden das Mittelmeer. Wer die EU über diese natürlichen Grenzen hinaus erweitern will, nimmt dem Kontinent jede Kontur.

Die eigentliche Herausforderung liegt in der gewaltigen Landmasse des Ostens, wo kein Meer die Grenze zieht. Zwischen Schwarzerdegürtel und sibirischen Sümpfen verschwimmen Europas Umrisse. Wieso sollte der Kontinent ausgerechnet am Ural enden, an dieser Hügelkette, gegen die die Karpaten wie eine unbezwingbare Wand wirken? Warum gilt der Bosporus als Grenze, den die Is-tanbuler auf Brücken und Fähren täglich zu Hunderttausenden überqueren und der diese Stadt weniger teilt als die Elbe Hamburg? Europas Grenzen im Osten sind unscharf, deshalb kann jede nicht klar begründete Ausdehnung neue Osterweiterungen provozieren. Hier hilft der EU die Geografie wenig, hier braucht sie das Recht als Kriterium.