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»Das ist nur die erste Bö eines Orkans«

Die Industriegesellschaft zerstört sich selbst. Wir müssen Arbeit schaffen, die wir wirklich wollen: Ein ZEIT-Gespräch mit dem amerikanischen Philosophen Frithjof Bergmann

DIE ZEIT: Was halten Sie von Hartz IV?

Frithjof Bergmann: Das ist keine große Reform, gemessen an den Problemen. Bei den Diskussionen in Deutschland wird die Automatisierung übersehen. Ob Bankautomaten Geld ausgeben oder ob ich mir die Bahnfahrkarte selbst drucke – das ist ein flächendeckendes Phänomen.

ZEIT: In Ihrem neuen Buch behaupten Sie, die Automatisierung sei ein Grund dafür, dass uns die bezahlte Arbeit ausgehen würde. Doch in einer Reihe von Industrieländern ist in den vergangenen Jahrzehnten viel Arbeit entstanden.

Bergmann: Natürlich gibt es Beispiele wie die Niederlande und Schweden…

ZEIT: …oder die USA, England, Dänemark.

Bergmann: Man hat in diesen Ländern mit größerer Fantasie einige Teillösungen gefunden. Doch auch dort ist Arbeit knapp, viele Menschen finden nur eine Teilzeitbeschäftigung…

ZEIT: ...in Holland ist aber auch die Gesamtzahl aller geleisteten Arbeitsstunden gestiegen.

Bergmann: Mir geht es um das Gesamtbild. Was wir bisher erleben, ist nur die erste Bö eines Orkans, der noch draußen auf dem Ozean wirbelt. Wenn sich die Art von Automatisierung verbreitet, die jetzt technisch möglich wird, dann wird sich bald zeigen: Alle Teillösungen haben nur einen Aufschub gebracht. Das Lohnarbeitssystem, das es historisch gesehen noch nicht lange gibt, stirbt ab.

ZEIT: Was gibt es denn für Anhaltspunkte, Zahlen oder Studien, die die Existenz dieses Orkans belegen? In Deutschland hat die Automobilindustrie trotz Rationalisierung und Verlagerung in den vergangenen zehn Jahren mehr als 100000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.

Bergmann: Denken Sie an das Gesamtbild. Überall auf der Erde geht der Bedarf an bäuerlicher Arbeit zurück. Auch in Deutschland gibt es sterbende Dörfer. In der so genannten Dritten Welt, die ich die »abstürzende Welt« nenne, ist eine wahre Völkerwanderung im Gange vom Land in die Städte – ob in China, Indien, Mexiko oder Brasilien. Wenn man das Problem in dieser Dimension sieht, dann sind Reformen wie in den Niederlanden oder jetzt in Deutschland keine Lösungen. Und zur Automatisierung: Jetzt kommt eine neue revolutionäre Technik hoch, das ist der Fabrikator. Der kann als einzelne Maschine herstellen, wofür man sonst ein Fließband voller Apparate braucht.

ZEIT: Sie meinen ein Gerät, das Gegenstände mit komplizierten Formen bilden kann, indem es metallisches Pulver Schicht für Schicht verschmilzt.

Bergmann: Ja, ein neues Produktionsprinzip. Anstatt für einen Motorblock mit einem großen Stück Metall anzufangen und da etwas wegzufeilen oder auszubohren, kann man den Block aus feinem Stahlpulver schichtweise aufbauen, in einem Kasten, der etwas größer ist als ein Wohnzimmer-Aquarium. Viele Menschen tüfteln bereits daran, mit dieser Technik Brillen, Kontaktlinsen, Kameras und Ähnliches herzustellen.

ZEIT: Sie selbst schreiben, dass diese Technik aber nicht nur Rationalisierungsschübe auslöst, sondern gleichzeitig zur Lösung des Arbeitslosenproblems beiträgt – wenn die Menschen nämlich viele Sachen, die sie zum Leben brauchen, selbst herstellen.

Bergmann: Ja, allerdings muss ich eines klarstellen: Es geht mir bei dieser »Neuen Arbeit« nicht nur um das Problem der Arbeitslosigkeit, sondern auch darum, dass das jetzige System viele Pathologien aufweist. Menschen müssen unter hohem Druck länger arbeiten, als sie es wollen – oft in Tätigkeiten, die weit unter ihren Begabungen liegen. Das System ist deshalb ineffizient. Viele erleben ihre Arbeit als eine milde Krankheit, nicht als etwas, was sie wirklich wollen oder sie beflügelt. Gleichzeitig haben wir großartige Technologien, die wir intelligent nutzen könnten. Dazu will ich Schritte aufzeigen, hin zu einer besseren, humaneren, fröhlicheren Kultur.

ZEIT: Wie sieht Ihre neue Arbeitskultur aus?

Bergmann: Vereinfacht gesagt: Ein oder zwei Tage die Woche werden wir auch in Zukunft der Lohnarbeit nachgehen, eineinhalb Tage produzieren wir in gemeinschaftlicher High-Tech-Fertigung etwas für den eigenen Bedarf, und zwei oder drei Tage arbeiten wir an etwas, was wir wirklich wollen.

ZEIT: Zunächst zur High-Tech-Eigenproduktion: Sie haben schon vor Jahren die Entwicklung eines Selbstbau-Autos angekündigt. Wie steht es damit?

Bergmann: Das Projekt ist zwischenzeitlich ins Stocken geraten, wird aber jetzt wieder aufgegriffen. Auch hier in Deutschland bin ich im Gespräch mit kleineren Betrieben, die auf unserer Entwicklung aufbauen wollen. Bei diesem Auto ging es von Anfang an um ein Auto für die Dritte Welt, das man in kleinen Werkstätten herstellen kann. Da bietet der Fabrikator neue Möglichkeiten.

ZEIT: Vielleicht in ein, zwei Generationen…

Bergmann: …nein, das ist ganz nah. Der Fabrikator hat seine Stärke nicht in der Massenware. Aber nehmen Sie zum Beispiel die Millionen alter Autobusse, die in der Dritten Welt herumfahren. Es gibt ein Projekt, mit dem diese gefährlichen Klapperkisten erneuert werden sollen. Der Fabrikator kann die Ersatzteile dafür herstellen.

ZEIT: Aber nach Ihren Plänen sollen wir auch in den Industrieländern Handys und Waschmaschinen selbst zusammenschrauben. Das sei billiger.

Bergmann: Große Betriebe sind teuer. Denken Sie an die Infrastruktur, den Parkwächter, das Reinigungspersonal. Dagegen müssen Sie sich diese Selbstbau-Werkstätten wie Copyshops vorstellen: Die benutzen Sie auch für wenig Geld, um etwas selbst herzustellen. Heute kann man sich ja schon Bücher oder Briefmarken selbst drucken.

ZEIT: Wenn diese Herstellung billiger ist, wird sie sich schon am Markt durchsetzen.

Bergmann: Ja, aber man muss das auch mit der Lösung sozialer Probleme wie der Arbeitslosigkeit verknüpfen. Statt durch enorme Subventionen und Steuervergünstigungen für die Wirtschaft Arbeitsplätze zu schaffen, sollte man lieber in den Städten Werkstätten einrichten, die diese neuen Techniken für Arbeitslose zugänglich machen. Die könnten dann für sich selbst etwas bauen, etwas lernen und damit sogar besser wieder einen Teilzeitjob finden.

ZEIT: Neben die Eigenproduktion soll die Arbeit treten, die man »wirklich wirklich« will, wie Sie sagen. Selbstbestimmte Arbeit, die aber bezahlt wird?

Bergmann: Ja, bei der alten Lohnarbeit gehe ich auf Sie zu und sage: »Das ist, was ich möchte, bitte machen Sie das!« Bei der Neuen Arbeit überlegen Sie, was Sie wirklich wollen, dann schauen Sie sich um und finden einen Platz, wo das hinpasst, und werden für das bezahlt, was Sie sich ausgesucht haben. Viele gebildete Menschen sind mit ihrer Arbeit unglücklich oder haben sie verloren, so wie der promovierte Biologe, der Taxi fährt. Diese Leute wollen anders arbeiten. Wie produktiv wirklich gewollte Arbeit sein kann, zeigt die Computersoftware Linux, die Interessierte aus eigener Initiative weiterentwickeln. Das ist eine 180-Grad-Wende. Und wenn die Menschen sich noch für verhältnismäßig wenig Geld ein einfaches Handy oder einen Kühlschrank selber bauen, hätten sie mehr Freiräume.

ZEIT: Sie sprechen davon, dass man nur 38 Produkte als Grundversorgung zum Leben brauchte…

Bergmann: Ja, es wird eine wachsende Gruppe von Menschen geben, die bewusst die Wahl trifft, nicht Galeerensklave in irgendeinem Betrieb zu sein, nur um mir diesen oder jenen Schnickschnack leisten zu können. Leute, die etwas bescheidener leben, damit sie das machen können, was sie wirklich wollen.

ZEIT: Aber die meisten Leute haben wahrscheinlich schon in ihrem Toilettenschrank 38 verschiedene Produkte. Tickt die Masse einfach anders?

Bergmann: Kommt auf die Dynamik an. Die Pathologie des Arbeitssystems nimmt zu. Eine immer größere Zahl von Menschen wird merken, dass der Preis, den sie für ihre 38 Toilettenartikel zahlen, sehr hoch ist: der große Leistungsdruck, kaum Zeit für die Familie, wenig Sex. Auf der anderen Seite wird es immer leichter, Dinge selbst herzustellen. Man kann sich schon mit High Tech seinen individuellen Lippenstift oder ein spezielles Shampoo machen. Das ist eine Entwicklung am Markt.

ZEIT: In Ihrem Buch ist aber auch von einer Umerziehungskampagne die Rede, die nötig wäre.

Bergmann: Wir leben in einer Kultur, in der durch Reklame und Massenmedien Illusionen verbreitet werden. Ich meine im Sinne der Aufklärung nur, dass die Leute über andere Möglichkeiten und über Realitäten informiert werden sollten. Niemand soll gezwungen werden, nach dem Konzept der Neuen Arbeit zu leben, es geht um ein Angebot.

ZEIT: Was sollte die Politik statt Hartz IV tun?

Bergmann: Sie sollte Werkstätten für Eigenproduktion fördern, und so wie Ökologie oder Gleichberechtigung propagiert wird, sollte auch neues Denken über Arbeit verbreitet werden. Viele Arten von Arbeit sind schädlich oder lassen den Geist abstumpfen – Jobs, die niemand erledigen sollte. Das und die Suche nach etwas, was man wirklich will, gehört in die Lehrpläne an den Schulen. Statt Unternehmen Subventionen zu zahlen, könnte man Menschen Stipendien geben, damit sie etwas Sinnvolles tun. Es gibt viele Ansatzpunkte.

ZEIT: Sie schreiben, viele Menschen hätten Angst vor der »ökologischen Apokalypse«, der »Aids-Pandemie« oder der Ankunft des Anarchismus, und die oberen Zehntausend fürchteten sich vor dem totalen Stillstand der Wirtschaft. Außerdem malen Sie das Bild vom ersten wirklichen und zugleich endgültigen Weltkrieg an die Wand, nämlich Arm gegen Reich, und stellen das als ziemlich realistisches Szenario dar. Sind Sie ein Untergangsprophet?

Bergmann: Nein, im Gegenteil! Das sind mögliche Entwicklungen, aber es muss nicht so kommen. »Neue Arbeit« ist eine schon lange dauernde Anstrengung, diese Schrecken zu verhindern und einen Weg zu einer humaneren, intelligenteren, fröhlicheren und sinnlicheren Zukunft zu bauen.

Das Gespräch führte Kolja Rudzio

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