Interview »Ich war ein Nichts«Seite 4/4
ZEIT: Durch Ihre Analyse hat sich Ihre Architektur tatsächlich verändert?
Eisenman: Ja, früher habe ich nur weiße, rationale, streng geometrische Bauten entworfen. Als ich mit meiner Analyse begann, entdeckte ich auch für meine Häuser den Untergrund. Ich wollte das Präsente zurücktreten lassen, um Raum für das Absente zu schaffen. Kennen Sie die Geschichte von Narziss, der sein Spiegelbild im Teich sieht? Er sieht aber nicht nur sein Spiegelbild, er sieht auch in die Tiefe, und das heißt, er sieht ins Unbewusste. Ähnliches ist mir auch in meinen Bauten wichtig, um den Menschen begreifen zu können.
ZEIT: Aber wie können Sie ihn begreifen, wenn Sie Ihre Architektur zersplittern, zerlegen, zerbrechen?
Eisenman: Ich glaube, dass die Philosophie des Dekonstruktionismus eine moralische Verpflichtung ist. Ich glaube, dass ich ein moralischer Architekt bin, weil ich durch meine Architektur die Psyche des Menschen für das Unbewusste und Verdrängte öffne. So wie Wagner das in seinem Ring des Nibelungen getan hat, mit dem er die deutsche Seele für das Unbewusste öffnete. Mich fasziniert Wagner. Und vielleicht gelingt ja dem Mahnmal etwas Ähnliches wie seinen Opern. Dass möglicherweise die Dunkelheit hervorkommt, sodass das deutsche Volk mit der Verdrängung des Holocausts besser umgehen kann. Ich glaube, möglich wäre es.
ZEIT: Ist das nicht eine Art Metaphysik? Das ist Ihnen doch sonst immer so suspekt.
Eisenman: Ja, das ist Metaphysik. Ich sage ja auch nicht, dass wir eine solche Idee ganz ausklammern. Ich sage nur, dass wir die übliche Metaphysik fallen lassen müssen, um ins Dunkle zu gelangen. Das ist es, was das Mahnmal versucht: Es schweigt, so wie ein Psychoanalytiker schweigt – auf dass wir in diesem Schweigen, in dieser Erhabenheit uns selbst als Fremde begegnen können. Das Mahnmal erlaubt uns, wieder über die verdrängten Dinge sprechen zu können. Zumindest hoffe ich das.
ZEIT: Ist für Sie der Seelenforscher Jung am Ende genauso wichtig wie der Ideenforscher Derrida?
Eisenman: Ja, aber erst am Ende.
Das Gespräch führte Hanno Rauterberg
- Datum 09.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.12.2004 Nr.51
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