Würde er lieber in die Ukraine fahren, zu den Revolutionären von Kiew? Joschka Fischer grinst wie das sprichwörtliche Honigkuchenpferd. Wenn irgendwo das Volk aufsteht und die Herrschenden zittern – das bleibt ein weltgeschichtlicher Hochgenuss. Aber dieser Flug geht nach Tel Aviv. Der Nahe Osten ist der Inbegriff menschenverschlingender Vergeblichkeit, keine frische Hoffnung wie die ukrainische Orangenrebellion. Und während in Kiew »Europa« ein Zauberwort ist, bleibt für Israelis und Palästinenser Europa Nebensache; den einzig entscheidenden Einfluss von außen hat die amerikanische Supermacht.

Doch wenn sie nicht ganz einsatz- und handlungsfähig ist, die Supermacht, weil sie bis zum Beginn von Bushs zweiter Amtszeit, Ende Januar, den politischen Autopiloten eingeschaltet hat? Und wenn ausgerechnet in dieser Zeit etwas Epochales passiert, der Tod von Jassir Arafat, den Israel als Terrorpaten geschnitten und zum Haupthindernis für einen Frieden mit den Palästinensern erklärt hatte? Dann ist das vielleicht doch eine kleine Chance für die Europäer. Und auf Fischers persönlich-politischer Landkarte ist der Nahe Osten ganz groß. Nirgends sonst ist die deutsche Außenpolitik so sehr die seine, ohne Einmischung (und spürbares Interesse) des Bundeskanzlers. Kein Amtsvorgänger in der alten Bundesrepublik war hier je so präsent wie Fischer, seit er im Frühsommer 2001 nach einem furchtbaren Selbstmordanschlag eher zufällig in eine Pendelmission hineingeraten ist. Nur: Kann das mehr sein als Sisyphosarbeit, moralisch motiviert von der Erinnerung an die nationalsozialistische Judenvernichtung, politisch vergeblich wie das Pflügen von Mittelmeerwasser und Wüstensand?

Es ist ein wahrer Strom internationaler Emissäre, der sich in diesen Wochen nach Israel und in die Palästinensergebiete ergießt – als würde die Welt, zermürbt vom ewigen Irak-Desaster, ungeduldig nach einem Erfolgserlebnis hungern, nach endlich einmal guten Nachrichten. Colin Powell war da, die Außenminister Russlands und Großbritanniens, seinen unmittelbaren Vorbesucher, den Spanier Moratinos, hat Fischer am vergangenen Wochenende noch am Flughafen getroffen, noch vor Weihnachten wird Tony Blair erwartet, der eine große Nahost-Konferenz plant.

Die Uhren der Feinde, die nun wieder verhandeln sollen, gehen aber nicht synchron, und sie empfangen ihre vielen Gäste mit durchaus verschiedenen Empfindungen. Die Palästinenser, die den Ist-Zustand ihrer Ohnmacht unerträglich finden, wollen, dass das Verhandeln schnell losgeht, mit viel Beteiligung der »internationalen Gemeinschaft«, gleich auf die großen Schlussfragen zu: Staatsgründung, Grenzen, Status von Jerusalem, das Schicksal der Flüchtlinge. Ministerpräsident Scharon dagegen hat eine Politik, die er allein machen kann, ohne Verhandlungspartner, wenigstens mittelfristig: Abzug aus dem Gaza-Streifen, Trennung von den Palästinensern, ein Sperrzaun gegen Terror-Infiltration. Für Israel ist die Lage beherrschbar, trotz Selbstmordattentaten, das mindert die Neigung zu Friedensprojekten der Weltgemeinschaft mit ungewissem Ausgang. Und alles steht in den Anführungszeichen der Vorläufigkeit, so lange es noch keine Nahost-Politik der Regierung Bush II gibt.

In Tel Aviv und Jerusalem hat nur das Votum aus Washington wirklich Gewicht; da heißt es abwarten. Fischers Hauptadressaten auf der Reise waren die Palästinenser, und sein Leitmotiv lautete nation-building . Wer einen Staat verlangt, muss leisten können, was einen Staat ausmacht: Gewaltmonopol, ein Finanzwesen ohne Korruption, die Voraussetzungen einer gedeihenden Volkswirtschaft. Es geht um den Übergang in die Zivilität und Realität, in den Alltag, weg vom dauernden revolutionären Ausnahmezustand, in dem der Kampf alles entschuldigt: die Gewalt gegen den Gegner und die eigene Unfähigkeit zur Versöhnung mit der Wirklichkeit.

Jassir Arafat verkörperte diesen selbstzerstörerischen Ausnahmezustand, und entsprechend distanziert fiel Fischers Besuch an seinem Grab aus: sehr kurz, wie eine Erledigung. Im zweiten Stock in Arafats von den Israelis halb zerstörtem Hauptquartier in Ramallah kann man sein Arbeitszimmer sehen, leer geräumt, mit freigelegtem Dachstuhl, als würden gleich die Bauleute und Maler zur Renovierung kommen. Etwas ist zu Ende gegangen, und vielleicht fängt etwas an. Die übrig gebliebenen Palästinenserführer, Ministerpräsident Kurei (Abu Ala) und der neue PLO-Chef und Präsidentschaftskandidat Abbas (Abu Mazen), berufen sich noch auf das Erbe Arafats, sie brauchen die Legitimation durch den Gründungsheros und dürfen nicht als Verräter an der nationalen Sache erscheinen, sie wollen die Islamisten von Hamas zum Waffenstillstand überreden und sprechen mit den Syrern, den Schutzpatronen der palästinensischen Militanten – alles zugleich, alles absturzgefährdet, alles abhängig davon, ob die Israelis am Ende mitspielen und ihnen auch etwas geben werden.

Denn natürlich wissen die Europäer und weiß Fischer, dass die Schuld am endlosen Krieg nicht allein bei den Palästinensern liegt, nicht allein bei Arafat und den Terroristen. Was der politische Druck auf Reformen in Ramallah auch bewirken soll, ist die Weiterwirkung auf Israel: Wenn die Palästinenser der Gewalt abschwören und ein Staat Palästina kein gesetzloser failed state mehr zu werden verspricht, dann liegt der Ball im Feld von Scharon. Dann wird sich zeigen, was legitimes Sicherheitsbedürfnis und was inakzeptable Landnahme ist, und der globale war on terror wird nicht mehr jede israelische Polizei- und Militäraktion quasi im Voraus und prinzipiell decken und rechtfertigen.

Lässt man sich für einen Augenblick nicht von den aktuellen Wirren der Dauerkrise ablenken, dann erkennt man, grob vereinfacht, zwei Schulen der Nahost-Politik. Da ist die Friedensschule, vorherrschend bei den Arabern und stark vertreten auch in Europa, für die der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern der Schlüssel zu allem anderen ist: Kein Ende des Terrorismus, keine Genesung der ganzen maladen Region, solange diese Wunde nicht geschlossen ist. Und da ist, auf der anderen Seite, die Freiheitsschule, die Doktrin der Bush-Administration: Reform, letztlich Demokratisierung der islamischen Welt, und erst mit einem demokratischen Palästina kann Israel Frieden schließen.