Ludwig Ries hat den wohl spektakulärsten Arbeitsplatz Deutschlands. Er erreicht ihn weder zu Fuß noch mit dem Auto, sondern schwebend. Der 50-Jährige musste extra den Seilbahnführerschein machen, bevor ihn sein Arbeitgeber, das Umweltbundesamt, auf Posten im Zugspitzmassiv schickte. Dort, im Schneefernerhaus, 2650 Meter über Normalnull, hat der Naturwissenschaftler zwar nur ein schmuckloses Büro, dafür aber eine grandiose Aussicht: das Alpenpanorama, bei gutem Wetter mit Blick bis nach Italien.

Das Fernsehen hat Ries schon zu Besuch gehabt, den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) ebenso wie Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne). Lust auf ein kleines Abenteuer lockte Reporter und Politiker auf den Berg, aber auch Neugier auf das, was Ries dort oben treibt. Der Beamte führt Buch über die Folgen des industriellen Lebensstils.

Nirgendwo in Deutschland geht das besser als auf der Zugspitze, weit weg von Autos und Fabriken. Unverfälscht durch lokale Abgasquellen lässt sich hier oben beobachten, wie sich die Erdatmosphäre verändert. Genau das registriert Ludwig Ries, unterstützt von einer Armada maschineller Helfer.

Ries merkt zum Beispiel, wie die Erde atmet. Im Sommer, wenn die Bäume nördlich des Äquators Blätter tragen und per Fotosynthese Kohlenstoff in Sauerstoff verwandeln, misst er regelmäßig niedrigere Kohlendioxidwerte als im Winter, wenn viele Pflanzen ruhen. Allerdings beobachtet Ries auch eine andere, beängstigende Regelmäßigkeit: Jahr für Jahr, sommers wie winters, entdeckt er mehr Kohlendioxid in der Zugspitzluft – mehr von jenem an sich ungiftigen Gas, das Auspuffrohren, Kaminen, Schornsteinen entweicht, sich in der Atmosphäre ansammelt und maßgeblich für die globale Erwärmung sorgt. Davon sind jedenfalls die meisten Klimaforscher überzeugt. Ries auch.

Alle fünf Minuten wertet sein sensibles Labor, eine Spezialanfertigung, ein Quäntchen Zugspitzluft aus. Ries berechnet daraus Halbstundenwerte, Tageswerte, Monatswerte, schließlich einen Jahreswert, ermittelt aus mehr als 100000 Einzelmessungen. Es sind winzige Zahlen, mit denen sich Ries beschäftigt, sein Interesse gilt der dritten, vierten Stelle hinter dem Komma, Millionstel Anteilen Kohlendioxid in der Luft. Die unverkennbare Tendenz: Es werden immer mehr Millionstel. Im Oktober 1999, kurz nachdem Ries mit dem Messen anfing, spürte er 365 auf; im Oktober 2004 war der Wert auf 376 geklettert.

11 Millionstel mehr – Laien mag das wenig erscheinen, Experten wie Ries nicht. Luftbläschen im ewigen Eis haben Forschern verraten, wie viel Millionstel CO2 früher in der Luft waren, bevor die Menschen anfingen, Kohle, Öl und Gas in großem Stil zu verbrennen: 280. Seitdem haben die Hinterlassenschaften von Fabriken, Häusern und Autos die CO2-Konzentration um rund 100 Millionstel steigen lassen, 10 Prozent davon allein während der vergangenen fünf Jahre. Weshalb sich Ries unwidersprochen "Buchhalter des Wahnsinns" nennen lässt.

11000 Flugkilometer südwestlich der Zugspitze, in der argentinischen Hautstadt Buenos Aires, beschäftigt der Wahnsinn in diesen Tagen eine Heerschar Diplomaten und Minister. Vereint sind Abgesandte jener Länder, die der Klimakonvention, dem weltweiten Vertrag zum Klimaschutz, beigetreten sind. 189 Nationen, große und kleine, arme und reiche, genügsame und unbescheidene, haben das getan und sich damit auf etwas Einmaliges geeinigt: Auf das Versprechen, die Konzentration von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre – sprich: den Verbrauch von Kohle, Öl und Gas – auf einem Niveau zu stabilisieren, auf dem "eine gefährliche Störung des Klimasystems verhindert wird".