Klassiker Mörike, froh im Grase liegend
Ein Beitrag zur Dämonie der Gemütlichkeit
Mein erstes Buch mit Gedichten von Eduard Mörike war eine Ausgabe der Alfred-Rosenberg-Spende für die Deutsche Wehrmacht von 1941, herausgegeben von Willi Vesper, mein zweites eine Ausgabe der Reihe von 1947, herausgegeben von der Direction de l’Education Publique der französischen Besatzungszone. Beide Bücher enthalten dieselben Gedichte, und auch ihre Einordnung und Auslegung innerhalb der Literaturgeschichte ist dieselbe geblieben. Der fünfzehnjährige Schüler einer nationalsozialistischen Lehrerbildungsanstalt lernte wie der zwanzigjährige Lehrerseminarist im Nachkriegs-Saarland an Mörikes Gedichten die Wesensart des deutschen Biedermeier kennen.
Den Ton gab Josef Nadler an, der in seiner Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften schon in den zwanziger Jahren das Wesen des schwäbischen Dichters als eines Menschen beschrieb, der wie Hölderlin einerseits Grieche sei, aber nicht mehr zurückkehren könne ins Land des schönen Scheins, und andererseits Schwabe, der mit Fernweh im Herzen daheim bleibe und das Seine beschwöre: »Mörike hat die Antike aus dem Pathos Schillers und Hölderlins in die häusliche Stimmlage des Biedermeier übertragen.« Nadler und seine Nachbeter missachten den Spieler im Dichter. Dieser biedermeierliche Vorspiegeler, Versteckspieler, Märchenerzähler sei ein »Vertrödler des Tages«, ein Zwitter nordisch-romantischer und südlich-klassizistischer Abkunft. »Künstlich verdunkeln, auf daß man künstlich beleuchten könne.«
Die Wolke wird mein Flügel, ein Vogel fliegt mir voraus
Einige Generationen hindurch hat dieser verhängnisvolle Rückbezug auf Blut und Boden das Wesen des Schöpferischen aus dem Geist der Poesie verkannt: Schillers Anrufung des schönen Scheins und des Spiels, in dessen Reich »dem Menschen die Fesseln aller Verhältnisse abgenommen werden«. Von hier aus und vor allem aus der Romantik durchlüftet eine Brise des Spielerischen das Biedermeier. Nirgendwo wird mehr gewandert, gefeiert, im Gras gelegen als in den Bildern von Ludwig Richter, die diesen untrügerischen Schein illustrieren: Die beiden Burschen auf Wanderschaft in freier Natur, darunter die braven Eltern mit Kaffeetasse und Tabakspfeife im Vogelkäfig –, aber auch Hänsel und Gretel im Mondschein, der ihre Ausweglosigkeit schamlos beleuchtet. Auch hier, in hintergründiger Dämonie der Gemütlichkeit, offenbart sich Mörikes Poesie.
Drei Bücher, die zu seinem 200. Geburtstagsjubiläum erschienen sind, räumen mit dem anfänglich genannten Missverständnis gründlich auf. Im Märchen vom sichern Mann mutiert ein mythisches Fantasiegeschöpf zur Idealgestalt unabhängiger Individualität: zum freien Schriftsteller, der schreibend die Erschaffung der Welt wiederholt. Mörikes Märchen dieser Schöpfungsgeschichte in Hexametern erinnert an Raymond Queneaus Kosmogonie in Alexandrinern. Das mythische Ereignis verliert seinen dumpfen Ernst, wird zum schwäbischen Lustspiel mit Doppelsinn. Moritz von Schwinds Federzeichnung illustriert das Märchen mit groteskem Humor, Horst Hussels Umschlagbild bringt die vorbeihuschende Zikade als bizarre Botin ins Spiel, die Götter zu ihrem homerischen Gelächter zu ermuntern.
Die gleichfalls in Hexametern erzählte Idylle vom Bodensee ist die Geschichte eines Glockendiebstahls, eingebettet in die lieblichste Landschaft. Doch nicht der Glanz der Naturbilder, der Reiz eines Mummenschanzes, auch nicht der Spott auf Geldgier und Liebesverrat macht die Qualität dieses Kunstwerks aus: Es ist Mörikes poetische Kraft, die der anfänglich gefälligen, späterhin abfälligen Einschätzung des Idyllischen den Garaus macht. Im Hochgesang befreit er sich vom schlechten Leumund der Harmlosigkeit. Er lässt den Spielmann auftreten, »welcher zu spielen so lang fortfuhr in beschleunigtem Zeitmaß, / Bis ihm das Lachen den Blast abstieß, ihm die Pfeife vom Mund sank, / Und er sich jetzo nach Lust ausschüttete, Tränen vergießend«.
Tränen der Lust: Ins Entzücken des Dichters, mit dem er sein schöpferisches Glücksgefühl auskostet, sind immer auch Wehmut, immer auch Zweifel gemischt, ob er sich der »verwandelnden Kraft seines Arkadien-Sees« sicher sein kann. Bevor Herausgeber Egon Gramer in seinem Nachwort dieses dialektische Spiel von Lust und Unlust fortspinnt, veranschaulicht es Arnold Stadler in seinem Einführungsessay am Beispiel des Liegens im Gras. Er zitiert Mörikes Vers »Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel« und fährt fort: »Ich sehne mich, ich weiß nicht recht, nach was.« Der Dichter schreibt: »Halb ist es Lust, halb ist es Klage« und gibt Stadler damit das Stichwort zu seiner Anrede des Lesers: »Mörike ist die reine Gegenwart dessen, was war, wie es hätte sein können. Er ist ein Virtuose des Festhaltens von dem, was hätte sein könne, und von dem, was nicht festzuhalten ist… Er gilt auch als Idylliker. Ist aber doch eigentlich ein Dämoniker.«
Schon Schillers Deutung der Idylle ist nicht eine Beschreibung des bukolischen Bildchens, wie wir es von betulichen Heimgartenillustrationen kennen: In ihr werde der verlorene Zustand als wirklich dargestellt. Die Sehnsucht bewahrt ihre Gegenwärtigkeit, weder Hoffnung noch Verzweiflung sind erloschen. »Die Wolke wird mein Flügel, ein Vogel fliegt mir voraus«, dichtet der im Gras liegende Mörike und redet die Geliebte mit den bitteren Worten an: »Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.« Zwischen träumerischer Versonnenheit und drängender Sehnsucht bewegt sich das Wellenspiel der Gefühle und Gedanken; es bleibt nicht beim behaglichen Vor-sich-hin-Dämmern des weltentrückten Hans Guckindieluft: »Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen.«
- Datum 09.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.12.2004 Nr.51
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