RomanGespensterlose Welt

Antal Szerbs wunderbarer Roman über Menschen, die sich in Romanen zu Hause fühlen von Ulrich Baron

Ein Ungar Anfang der dreißiger Jahre, kaum jünger als das Jahrhundert, in dem man ihn 1945 ermorden wird. 1934 erscheint seine Geschichte der ungarischen Literatur und auch sein erster Roman Ist er nun Schriftsteller oder Wissenschaftler? Antal Szerb, katholisch getaufter Sohn assimilierter Juden, hat sich dies selbst gefragt und widersprüchliche Antworten gefunden. "Der einzige irdische Lohn für einen Wissenschaftler ist doch die Missgunst von Seiten seiner Kollegen", warnt der Erzähler seines Debütromans, nur um bald einzugestehen: "Mich überkommt jedesmal ein einzigartiges Gefühl, wenn ich eine so große Anzahl von Büchern sehe. Dann möchte ich mich am liebsten in ihnen wälzen, in ihnen baden, den wunderbaren Geruch verstaubter alter Folianten schnüffeln, kurz, mit allen Sinnen Bücher spüren." Die Handlung der lockt ihn von seinen Büchern fort, indem sie deren wunderbare Versprechen Wirklichkeit werden lässt, doch die Wirklichkeit ist der Feind aller Wunder.

"Ich beschäftige mich gerade mit den englischen Mystikern des 17. Jahrhunderts" ist der Satz, mit dem der ungarische Privatgelehrte János Bátky die Sympathie von Owen Pendragon, Earl of Gwynnedd gewinnt. Schauplatz ihrer Begegnung ist eine Soiree der Lady Malmsbury-Croft in London, und Antal Szerb lässt deren Salon kaum weniger aquatisch, lässt dessen eifrig herumrudernde Besucher kaum weniger amphibienhaft erscheinen als jene monströsen Axolotl, mit denen der Earl auf seinem Waliser Stammsitz experimentiert. Das Motto der Pendragons ist der Satz "Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches", und diesen Glauben verfolgen sie durch alle Winkel von Alchemie und Rosenkreuzertum bis in die Laboratorien der Moderne.

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Als Gast des Earls wird Bátky die Folgen bald selbst zu spüren bekommen und auch die einer Verschwörung, in deren Zentrum ein Milliardenvermögen und dessen schöne, skrupellose Erbin stehen. Plötzlich hat er einen Begleiter, der den robusten Charme des ehemaligen Kolonialsoldaten verströmt und behauptet, "in Borneo ganze Dörfer in Brand gesetzt zu haben, nur um zu beweisen, dass ein Mann aus Connemara seine Pfeife auch bei Gegenwind anzünden kann". Schließlich verliebt er sich beinahe in das Burgfräulein Cynthia Pendragon, deren Bruder Osborne dank Bátkys Freundin Lene Kretzsch von seiner seltsamen Frauenscheu kuriert wird.

Antal Szerb würfelt Elemente der Kriminal- und Gespenstergeschichte, des Liebes- und Kolportageromans zusammen, ohne sie sonderlich ernst zu nehmen, und das ist das Problem dieses eleganten, oft wunderbar komischen, doch im Kern nostalgischen und antimodernistischen Romans. Unter dem Einfluss des "geistreichen Schriftstellers Aldous Huxley" versucht Szerb ein literarisches Doppelspiel aus Nostalgie und Ironie und gewährt seinem Helden das Privileg, sich nicht zwischen beiden entscheiden zu müssen.

Mitten im Märchenland, wo einst Feen geboren worden sind

Szerbs zweiter, mit Begeisterung wiederentdeckter Roman Reise im Mondlicht (1937) gewährt diese Freiheit nur befristet und drängt seinen Protagonisten zur existenziellen Entscheidung: "Auch er würde leben wie die Ratten in den Ruinen", heißt es am Schluss dann resignierend. Solcher Hauch von Kapuzinergruft ist in der Pendragon-Legende noch kaum zu spüren. Antal Szerb versucht hier die neusachliche, rationalistische Zeit mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen.

Doch einmal gerufen, sind die Geister von Ironie, Satire und Klischee kaum zu bannen und drohen alles in ein Salongespräch zu verwandeln, dessen geistreiche Sätze bei Tageslicht verblassen. "Das wahre Abenteuer ist leider verschwunden aus dieser Welt. Es hat sich nicht mit dem Benzingeruch vertragen", heißt es – und das 1933, während sich Szerbs Landsmann Ladislaus Almásy gerade, in Wolken aus Benzindunst, durch die Wüste schlug. "Das Gespenstischste auf der Welt ist jedoch, dass es keine Gespenster gibt", verkündet Bátky, während die Surrealisten gerade die Dingwelt zum gespenstischen Leben erwecken. Und der Stammsitz der Pendragons – "mitten im Märchenland, wo einst Feen geboren worden sind" – ist als Schauplatz Schwarzer Magie nur ein schwacher Abklatsch jener heidnischen Schrecken, die der Waliser Schriftsteller Arthur Machen heraufbeschwor.

Was bleibt, ist ein Roman, den man gerne und mit Vergnügen gelesen hat und dem man wünschte, dass er das Niveau der historisch-fantastischen Werke eines Perutz oder Lernet-Holenia erreicht hätte. Was Antal Szerb mit der Pendragon-Legende erreicht, ist aber etwas anderes – das Bild eines Menschen, der sich in seinem Roman nicht zu Hause fühlt. Nicht nur weil man Béla Bartók darin für einen russischen Romancier hält, sondern auch weil er eher Leser als Erzähler ist und es ihn zur "unzerstörbaren Ruhe der Bücher" zurückzieht: "Als ich dasaß in der Dämmerung, ein verlorener kleiner Mensch im Schatten riesiger Bücherregale, zogen die Jahrhunderte wie bei einer Prozession, aber in umgekehrter Reihenfolge, an mir vorüber. Wo sind sie geblieben, die Bücher und der ewige Wissensdurst des Menschen?"

Ist der verlorene kleine Mensch, der dies einst schrieb, nun Wissenschaftler oder Schriftsteller gewesen? Seiner Biografie nach eher Wissenschaftler, doch "meine Wissenschaft stand nie im Dienste der Menschheit. Weil es keine Wahrheit und keine Menschheit gibt. Es gibt nur Wahrheiten und Menschen."

Die Pendragon-LegendeRomanBelletristikAus dem Ungarischen von Susanna Großmann-VendreyAntal SzerbBuchDeutscher Taschenbuch Verlag2004München 200414,50312
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