Bloß nicht predigen
Lucienne Schmitt kämpft für Menschenrechte – am liebsten mit Humor. Dafür erhält sie den Gustav-Heinemann-Preis
Schmuck und heiter wirkt Sélestat, ein Städtchen, das südlich von Straßburg in Weinbergen liegt. Dienstags ist Wochenmarkt, dann sitzen mehr Menschen als sonst in den Patisserien rund um die Place d’Armes. Ein Internationales Zentrum der Menschenrechte erwartet man kaum inmitten dieser Nettigkeit.
Im 15. und 16. Jahrhundert war Sélestat ein geistiges Zentrum, bis heute studieren hier Gelehrte aus aller Welt Manuskripte und Korrespondenzen des reformatorischen Denkers Beatus Rhenanus. Mit ihrem Einsatz für einen »modernen Humanismus« sieht sich Lucienne Schmitt durchaus in dessen Tradition. Sie ist die Initiatorin des Menschenrechtszentrums. Für ihre Arbeit erhält die 74-Jährige am 10. Dezember in Rastatt den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis, verliehen von der SPD.
Der Kern des Menschenrechtszentrums ist eine Bibliothek. 5800 Titel, von juristischen Fachwerken bis zu Kinderbüchern – die Regale biegen sich in der kasernenartigen Lehrerfachhochschule, in der Lucienne Schmitt zuletzt Philosophie unterrichtet hat. Mit rund 20 Ehrenamtlichen will sie zur Auseinandersetzung mit Meinungsfreiheit, Genfer Konventionen und Kinderrechten anregen.
»Andererseits: so humanistisch ist Sélestat auch wieder nicht«, sagt Schmitt, streng aufrecht sitzend, mit jener für sie typischen Skepsis, die schon aus Denklust alles Vorgebrachte gleich wieder überprüft. »Immerhin kriegen die Rechtsextremen im Elsass fast ein Viertel der Wählerstimmen!«
Es waren jedoch weder Beatus Rhenanus noch Jean-Marie Le Pen, die der früheren Studienrätin den Anstoß für ihre Initiative gaben. Anfang der achtziger Jahre hatte Schmitt Studenten in einem Seminar über Gerechtigkeit darauf angesetzt, die Thesen des Entwicklungspsychologen Jean Piaget über »das moralische Urteil beim Kinde« auf ihre Aktualität zu überprüfen. Und bei dieser Befragung zehnjähriger Schüler habe sich gezeigt, »dass es neben einem Bewusstsein fürs ›Hauptsache, man wird nicht erwischt‹ nur selten eine klare moralische Orientierung gab«, sagt Schmitt.
Das Ergebnis erklärte sie sich nicht zuletzt mit Frankreichs konsequentem Laizismus, dessen Religionsabstinenz in staatlichen Institutionen auch sie für zwingend hält – »doch Staatsbürgerkunde allein lehrt noch nicht die Auseinandersetzung mit tiefer gehenden Werten. Und in den Familien geschieht das auch nicht immer…« Auf welche Werte aber kann man sich einigen in einer pluralistischen, multikulturellen Welt? Nicht erst seit dem Künstlermord in Holland birgt diese Frage Brisanz. Die Menschenrechte als kollektive Ethik müssten, fand die passionierte Pädagogin, fächerübergreifend in der Schule etabliert werden.
Schmitt war ebenso passioniert ein Familienmensch; jahrelang kümmerte sie sich um die Landwirtschaft der Eltern und die Hausaufgaben ihrer beiden Töchter und reiste mit der einen zu Schwimmturnieren quer durch Frankreich. Doch nun war sie »vom Menschenrechtsgedanken angesteckt«. Und mit der gleichen Energie, die sie schon befähigt hatte, sich neben Beruf und Familie in Philosophie zu habilitieren, setzte sie sich mit Anfang 50 ein weiteres Mal ins Seminar: im Internationalen Institut für Menschenrechte in Straßburg und im Europäischen Institut in Florenz. »Ich hätte damals an der Philosophischen Fakultät weiterforschen können«, sagt die vom vielen Lernen jung Gebliebene, »vielleicht hätte mir das auch gefallen?« Als sie die Nachricht von der Verleihung des Preises hörte, sagt sie, sei sie »aus allen Wolken gefallen«.
Allem voran will sie die Beschäftigung mit dem Wortlaut der Menschenrechtskonventionen anregen: »Alle berufen sich darauf – aber sie kennen die Texte gar nicht!« So ein Satz klingt bei Lucienne Schmitt nie rigoros, eher milde ironisch. Hart wird ihre Stimme nur, wenn sie den »Missbrauch der Menschenrechte« kritisiert: »Beim Irak-Krieg hat der Weltlöwe USA sie nur vorgeschoben.«
- Datum 09.12.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.12.2004 Nr.51
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